„Wir waren eine friedensfördernde Zeitung“

Bei der Berichterstattung über christliches Leben ist man „sehr, sehr vorsichtig“ – Die Jerusalem Post feierte kürzlich ihr 75. Jubiläum

„Es gibt keine objektive Wahrheit. Die Faktenanalyse eines Journalisten kann ganz anders ausfallen als die eines anderen.“ Das sagt David Horovitz, der Herausgeber der Jerusalem Post, die kürzlich 75 Jahre alt geworden ist. Dann führt der aus den Vereinigten Staaten nach Israel eingewanderte Journalist das allseits bekannte Beispiel eines Autounfalls an. Fünf Passanten wurden Zeugen desselben. Alle geben nach bestem Wissen und Gewissen ihre Beobachtungen ehrlich zu Protokoll – „und doch kommt bei jedem etwas anderes heraus.“

Anfangs im liberalen Spektrum

Die auf Englisch und Französisch erscheinende Tageszeitung versucht das Geschehen in Nahost abzubilden. Das auch JPost genannte Blatt hat der amerikanische Journalist Gerschon Agron gegründet. In den Anfangsjahren – da hieß sie noch „Palestine Post“ – unterstützte das Blatt den Kampf um eine jüdische Heimstätte in Palästina und lehnte offen die britische Politik ab, die jüdische Einwanderung nach Mandatspalästina zu beschränken. Nach der Staatsgründung bewegte sich das Blatt im liberalen Spektrum und unterstützte die israelische Arbeitspartei. Der aus Wien stammende Ari Rath, der 31 Jahre lang für das Blatt tätig gewesen war, sagte unserer Zeitung, dass 1977 ein Meilenstein für die Zeitung dargestellt habe. Von da an sei man betont für den Frieden gewesen, „wir waren eine friedensfördernde Zeitung.“ Als das Blatt 1989 von der Hollinger-Gruppe unter dem Zeitungsbaron Conrad Black gekauft wurde, machte es eine radikale Kehrtwendung zur Likud-Partei hin. Etwa zwei Dutzend Journalisten verließen daraufhin die Zeitung oder wurden entlassen – darunter auch Rath. Das war der Bruch. Während der zweiten Intifada, als die Jerusalem Post zur Ermordung von Yasser Arafat aufrief, schrieben sich die Kommentatoren die Finger wund, um dem Leser klarzumachen, dass es niemals ein Land namens Palästina gegeben habe – und es deshalb nie ein solches geben dürfe.

Der palästinensische Friedensaktivist und Herausgeber der Internet-Zeitung Jerusalem Times, Hanna Siniora erinnert sich noch sehr gut, wie die Zeitung der Arbeiterbewegung mit der Zeit rechtsgerichtet wurde. Unter der Leitung von David Horovitz versuche sie jedoch jetzt, „wieder mehr Ausgewogenheit und Gleichgewicht herzustellen.“ Siniora liefert gleich ein Beispiel: „Mein Kollege, der Friedensjournalist Gershon Baskin schreibt alle zwei Wochen für die Jerusalem Post. Wenn man seine Artikel liest, wird man sagen, die Jerusalem Post ist links geworden.“

Erstaunliche Porträts

Das sehen nicht alle so. Der Palästinenser Khader Khader vom Jerusalem Medien- und Kommunikationszentrum siedelt sie „weit rechts“ an. Ausgewogenheit, etwa beim Thema israelische Trennbarriere sei Fehlanzeige, sagt er der „Tagespost“. Angela Godfrey-Goldstein, verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit des „Israelischen Komittees gegen Hauszerstörung“ sieht bei der JPost einige „bemerkenswert gute Journalisten“, aber auch einige „chronisch schreckliche“, und bemerkt: „Nicht alle sind rechtsgerichtet.“ Manchmal entdeckt sie sogar „erstaunlich tiefgehende Porträts und Interviews, die sogar ein Linker lesen muss.“

Der Korrespondent Charles Landsmann sieht seit Scharons Machtantritt sogar eine Mäßigung des „aggressiven Tons“, so dass der „nationalkonservative Kurs heute ziemlich genau der Mehrheit der öffentlichen Meinung“ in Israel entspricht. Jörg Bremer von der FAZ nutzt die Jerusalem Post als „Nachrichtenblatt, vor allem bei palästinensischen Themen“. Und der Korrespondent des Christlichen Medienverbundes KEP, Johannes Gerloff, tut dies ebenso. Allerdings müsse man gerade bei der Berichterstattung über christliches Leben „sehr, sehr vorsichtig“ sein. Gerloff weiß gar von einem Hamas-Vertreter, „der regelmäßig die JPost liest und sie für eine sehr gute Quelle hält“. Für Gerloff betreibe die Zeitung „im Großen und Ganzen einen kompetenten Journalismus“. Die Richtung des Blattes sieht er rechts, als Blatt des „mitte-rechts konservativen Spektrums in der israelischen Gesellschaft“ mit besonderem Augenmerk auf die amerikanische Einwandererschaft. Ein deutsche Fachkraft in Jerusalem, die im Bereich Dialog zwischen Israelis und Palästinensern arbeitet, verdreht, auf die JPost angesprochen, die Augen. Diese einseitige Zeitung, sagt die Kraft vertraulich, könne man sich nicht zu oft antun.

Und wie sieht der Herausgeber selbst seine Zeitung? „Die Jerusalem Post ist eine zionistische Zeitung. Sie ist dem Wohlergehen des Staates Israel und der jüdischen Nation verpflichtet. Aber wir sind nicht einer bestimmten Partei hörig.“ Man blende auch keine Meldungen und Nachrichten aus, die Israel in ein schlechtes Licht stellen. „Das wäre nicht im Interesse Israels“, sagt Horovitz.

Von Besatzung spricht man nicht

Stellt die israelische Besatzung der palästinensischen Gebiete da eine Ausnahme dar? Das Wort Besatzung findet sich so gut wie nicht in den Zeilen der Zeitung. Horovitz und seine Kollegen sprechen lieber nur von „Gebieten“ oder „umstrittenen Gebieten“. Während der Herausgeber die „israelischen Medien im Großen und Ganzen für mutig und ziemlich bereit“ hält, selbst „die heiligsten der heiligen Kühe zu schlachten“, scheint das auf sein Blatt nur begrenzt zuzutreffen.

Für Horovitz ist in der Berichterstattung vor allem der Zusammenhang wichtig. Sein Wunsch lautet: „Jeder Artikel über den israelisch-palästinensischen Konflikt und Gewalt sollte meiner Meinung nach so beginnen: Sieben Jahre, nachdem Arafat die israelischen Bedingungen für einen lebensfähigen palästinensischen Staat abgelehnt hat, passierte das Ereignis X.“

Es stimmt eben doch: Es gibt keine objektive Wahrheit.