„Wir leben in einer dunklen Zeit“

„Das Wiederaufleben des Pragmatismus“: Die Philosophen Richard Bernstein und Jürgen Habermas diskutierten über Demokratie in München. Von Alexander Riebel

Für die Einheit von Pragmatismus und Demokratie (von links): Professor Richard Bernstein aus New York, Moderatorin Mara-Daria Cojocaru von der Münchner Jesuiten-Hochschule für Philosophie und Professor Jürgen Habermas. Foto: Katholische Akademie in Bayern
Für die Einheit von Pragmatismus und Demokratie (von links): Professor Richard Bernstein aus New York, Moderatorin Mara-... Foto: Katholische Akademie in Bayern

Nichts lässt sich mit absoluter Sicherheit wissen, es gibt keinen fundamentalen Unterschied zwischen Fakten und Werten und in der Philosophie gibt es den Primat der Praxis einer Forschergemeinschaft, der jegliche metaphysischen oder letztbegründenden Erklärungsansätze als Mythos verwirft. Mit diesem neuen Wissenverständnis hat der amerikanische Pragmatismus im 20. Jahrhundert einen völlig neuen Dreh in die Philosophie gebracht. Das hatte dann auch schnell Konsequenzen für die deutsche Philosophie, die sich bis heute immer mehr der amerikanischen Philosophie anverwandelt. Dass der lange vernachlässigte Pragmatismus bereits seit 20 Jahren wieder im Aufschwung ist, diese Auffassung hat der amerikanische Philosoph Professor Richard Bernstein von der New School für Social Research in New York vertreten, als er am Dienstagabend in der Katholischen Akademie in München den Vortrag „Das Wideraufleben des Pragmatismus“ hielt.

Kein Unterschied mehr zwischen Fakten und Werten

Dass es jetzt ein globales Aufleben des Pragmatismus gibt, hält Bernstein keineswegs für selbstverständlich, sieht man sich die Entstehungsbedingungen dieser Philosophie an. Die frühen Pragmatiker wie Charles Sander Peirce (1839–1914), William James (1842–1910) oder John Dewey (1859–1952) wurden zunächst gar nicht als ernsthafte Philosophen angesehen. Doch das habe sich nun geändert. Bernstein zitierte den amerikanischen Philosophen Hilary Putnam, nach dem der Pragmatismus gar keine systematische Theorie sei. Vielmehr hätten sich verschiedene Denker unterschiedlichen Aspekten des Pragmatismus gewidmet, wobei heute die Perspektive des Vorrangs der Praxis dominiert, sodass es nicht mehr um Wesensfragen im klassischen Sinne geht, sondern um das Wie unseres Denkens und Erkennens. Das heißt, gemäß dem heute bedeutendsten amerikanischen Pragmatiker Robert Brandom wisse man, wie man Fahrrad fährt oder einen Begriff richtig anwende, wenn man in der Praxis richtige und falsche Weisen unterscheiden könne. Normen gründen damit in einer sozialen Praxis – und darum veranlassen uns nicht Normen zum Handeln, sondern weil wir sie anerkennen in einer Praxis des Gebens und Nehmens von Gründen. Es gibt demnach keine Tatsachen außerhalb sozialer Praxis, meint Brandom.

Für Bernstein, aber auch für den Philosophen Jürgen Habermas im anschließenden Gespräch stand besonders auch der Zusammenhang zwischen Pragmatismus und Demokratie im Vordergrund, den John Dewey 1951 in „Demokratie und Erziehung“ herausstellte. Demokratie, das habe Dewey auch schon 1939 betont, sei ein „way of living“, eine Lebenseinstellung, die mit ganzem Herzen an den Prozess der „Erfahrung als selbstkorrigierendem System“ glaube und die mit der Wissenschaft Dinge ins Leben rufen könne, die es bisher nicht gegeben habe. Echte Pragmatisten sind auch Demokraten und umgekehrt; beide gehören unzertrennlich zusammen, war die Botschaft des Abends in München. Pragmatisten, so Bernstein, ermutigen uns, das menschliche Leben zu verbessern. „Peirce, James, Dewey, Mead, Rorty, Putnam und Brandom“ – ihnen allen sei ein Demokratieverständnis gemeinsam, das eine offene Gemeinschaft unter den Menschen anstrebt, einen „kulturellen Pluralismus“ und eine Pluralität in der Demokratie, die immer wieder änderbar ist, eben fallibilistisch, wie es in der Theorie heißt. Die deutsche Philosophie mit Jürgen Habermas, Hannah Arendt, Karl-Otto Apel, Hans Joas oder Axel Honneth hat nach Bernstein die Grundmotive des Pragmatismus aufgegriffen. Mit der Betonung dieses Pragmatismus ist zugleich die Ablehnung der auch in Deutschland weit verbreiteten analytischen Sprachphilosophie verbunden, die Bernstein als „analytische Ideologie“ bezeichnet hat und die für das jahrzehntelange Vergessen des Pragmatismus verantwortlich sei.

Dass die beiden Philosophen auf dem Podium die scharfe Trennung von Fakten und Werten zurückgewiesen haben, ist für den Pragmatismus grundlegend, wie auch der ethische Aspekt. Leider haben sie jedoch nicht gezeigt, warum das so ist, woran auch insgesamt die Veranstaltung litt; sie war mehr auf die Geschichte des Pragmatismus ausgerichtet, ohne dass auf die Argumente im Einzelnen eingegangen worden ist. Hilary Putnam hatte die These 1982 in „Vernunft, Wahrheit und Geschichte“ vertreten, dass es keine Fakten unabhängig von Werten gebe. Die empirische Welt, die wir erkennen, sei von solchen Werten wie „kohärent“, „einfach“ oder „gerechtfertigt“, die wir Theorien zuschreiben, abhängig. Ohne solche Werte gebe es überhaupt keine Tatsachen, womit letztlich eine zweite Kopernikanische Wende vollzogen sei, nach der gemäß Kant der Verstand der Natur die Gesetze vorschreibt.

Auch der Zusammenhang der Frage nach Fakten und Werten sowie nach der Demokratie wurde nur vage angedeutet. Doch wenn es keine politischen Fakten als Konstanten geben soll, sondern die Werte Wirklichkeiten schaffen sollen, ist klar, dass die pragmatischen Demokraten im Sinne von Bernstein und Habermas Fakten herstellen wollen gemäß deren Wertvorstellungen; oder globaler gefasst, die Wirklichkeit entsteht nach den Wertvorstellungen einer universalistischen offenen Gesellschaft ohne letzte Gründe und im permanenten Prozess politischer Praxis. Auf die Frage eines Zuhörers, wie man in den Vereinigten Staaten mit dem Problem von Fake News in den sozialen Medien und mit dem jüngsten Regierungswechsel umgehen sollte, antwortete Bernstein, die Amerikaner hätten Obama, aber auch Trump gewählt. Die Dinge könnten sich ändern, aber man müsse immer wieder versuchen, den demokratisch-pragmatischen Weg einzuschlagen. Auch gehe die Einheit Europas dahin; wir erlebten heute eine dunkle Zeit für die Demokratie, meinte Bernstein. Er wies wiederholt darauf hin, der Pragmatismus sei nicht primär eine wissenschaftliche Theorie wie etwa die von Kant, sondern eher wie die von Hegel eine mit sich ändernden Perspektiven auf die Wirklichkeit. Beim klassischen Pragmatismus sei es noch nicht um die Frage des Überlebens der Menschheit gegangen, heute schon.

In dunklen Zeiten verbergen Regierungen Tatsachen

Auch Habermas hat die Mentalität des Pragmatismus gegenüber bloß wissenschaftlichen Anforderungen betont. Die Demokratie könne nicht arbeiten, wenn die Öffentlichkeit nicht das richtige Demokratieverständnis habe. Dafür sei das Demokratie-Buch von Dewey für die Vereinigten Staaten sehr wichtig gewesen. Es hängt von der Mentalität ab, ob man eine gewisse Philosophie unterstützt, meinte Habermas. So habe auch Kant immer wieder die politisch Verantwortlichen ermutigt, nicht aufzugeben. Heute sei das noch dringlicher. Bereits Hannah Arendt hat, wie Bernstein in der Diskussion erklärte, von dunklen Zeiten gesprochen, ein Ausdruck, den sie von Berthold Brecht entlehnt hatte. Unter Dunkelheit habe sie „Glaubwürdigkeitslücken“ und eine „unsichtbare Regierung“ verstanden, die nicht offenlege, was sie „unter den Teppich kehrt“. In diesem nicht öffentlichen Recht würde die Wahrheit zur „bedeutungslosen Trivialität“ verkommen, sagte Bernstein. Dass er aber die Hoffnung besonders hervorheben wolle, machte er mit einem Zitat des amerikanischen Sozialkritikers Christopher Lasch deutlich, in dem es heißt: „Das Schlimmste ist immer das, worauf die Hoffnungsvollen vorbereitet sind.“