Wie die Passion Christi auch heute noch berührt

Das ostbelgische Kelmis zeigt die Leidensgeschichte Jesu unter dem Leitthema „Mein Weg mit dir“. Von Gerd Felder

Pontius Pilatus (Denis Barth) verhört Jesus (André Evertz). Foto: Felder
Pontius Pilatus (Denis Barth) verhört Jesus (André Evertz). Foto: Felder

Kelmis. Nein, Kelmis ist nicht Erl und schon gar nicht Oberammergau. Aber dass der 10 000 Seelen-Ort kurz hinter der deutsch-belgischen Grenze bei Aachen seit 1936 alle sieben Jahre Passionsspiele auf die Beine bringt, ist beachtlich. Unter dem Leitthema „Mein Weg mit dir“ wird in diesem Jahr zum 12. Mal das Geschehen rund um das Leiden und Sterben Jesu Christi in der Patronage, dem Versammlungshaus der Pfarrei, in Szene gesetzt. Insgesamt 130 Bewohner des Dorfes, das zu Belgiens deutschsprachiger Gemeinschaft gehört, sind an dem Passionsspiel beteiligt – von der Bühnentechnik über die Kostümschneiderei (die ansprechende Kostüme entworfen hat) und den Verpflegungstrupp bis hin zu den Statisten und den Darstellern der größeren Rollen.

In Kelmis gibt es keinen großen, im weiten Halbrund angeordneten Zuschauerraum wie in bedeutenderen Passionsspiel-Orten, sondern ganz klassisch hintereinander aufgereihte Stuhlreihen in einem Saal, der sonst eher säkularen Veranstaltungen dient. Die Bühne ist klein und eng, was die Auf- und Abtritte der Schauspieler und der größeren Gruppen verständlicherweise einschränkt. Dafür wird tatsächlich in der Fastenzeit und in der Karwoche gespielt, und Kelmis hat eine Besonderheit aufzuweisen, die andere Passionsspiel-Orte nicht haben: einen Erzähler (Norbert Schröder), der in das Geschehen einführt und die verschiedenen Szenen theologisch kommentiert, vor allem auch die Bezüge zu heute herstellt. Denn darum geht es dem Team um die beiden Regisseure und Spielleiter Hubert Hilligsmann und Marcel Henn: Darauf hinzuweisen, dass die Passion Jesu von Unrecht, Wut und Verzweiflung, Liebe und Vertrauen handelt, also von Gefühlen und Zuständen, die auch uns auf unserem Lebensweg begleiten und berühren. Die heutigen Zuschauer, so ist ihre Intention, sollen sich wiederfinden in den Streitereien des Hohen Rates, im Zorn der aufgebrachten Volksmenge und in der Sanftmut der trauernden Frauen. Vor diesem Hintergrund sollen sie sich fragen, welchen Weg sie damals gegangen wären und heute gehen wollen – als Mitläufer oder Querdenker, Intriganten oder Sympathisanten.

Die Kelmiser Inszenierung setzt mit der Bergpredigt ein, die in dieser Version direkt mit dem (hier nicht besonders spektakulären) Einzug in Jerusalem verknüpft ist. Danach nimmt das Passions-Geschehen seinen Gang, kurz unterbrochen nur von der Auseinandersetzung um die Heilung einer Blindgeborenen. Gewöhnungsbedürftig: Jesus (André Evertz) trägt zwar einen ansehnlichen Bart und langes Nackenhaar, ist aber glatzköpfig. Evertz, der auch schon vor sieben Jahren den Jesus gespielt hat, wirkt in vielen Szenen durchaus glaubwürdig, spricht aber – wie etliche andere Darsteller auch – im stark singenden Tonfall der Aachener Region, was zumindest gewöhnungsbedürftig ist. Wie in vielen heutigen Passionsspiel-Inszenierungen spielt Judas (für die Rolle zu alt: Marcel Henn) eine her-ausragende Rolle, und eine Tendenz, den größten Verräter aller Zeiten zu entlasten und Verständnis für seine Gefühle und Motive zu wecken, ist unübersehbar. Als ihm das Ausmaß und die Folgen seines Verrats immer stärker bewusst werden, empfindet er ehrliche Reue und Verzweiflung. Allerdings gehen die Kelmiser nicht so weit wie gelegentlich andernorts, aus dem Erz-Bösewicht ein reines Werkzeug der Vorsehung und schon fast einen Gutmenschen und ganz engen geheimen Vertrauten Jesu zu machen.

Wie auch sonst positiv festzuhalten ist: Die Kelmiser Inszenierung enthält sich aller modischen Mätzchen und an den Zeitgeist angepassten Eigenwilligkeiten. So spielt etwa Maria Magdalena, die in so manchem Passionsspiel zu einer Hauptfigur aufgewertet wird, welche angeblich wichtiger ist als die zwölf Apostel, und der gerne ein Verhältnis mit Jesus angedichtet wird, hier nur eine untergeordnete Rolle. Die Frauen um Maria, die Mutter Jesu, sind im Abendmahlssaal anwesend, stehen an Jesu Leidensweg nach Golgatha und sind die ersten am Grab, aber feministischer Untertöne enthält sich die Kelmiser Passion. Im Mittelpunkt stehen dagegen die Debatten und Auseinandersetzungen im Hohen Rat, bei denen die Hohenpriester Annas (Armand Broun) und Kaiphas (André Bulkaert) bei Nikodemus (Raymund Leyens) und Josef von Arimathäa (Raymond Schroers) auf Widerstand stoßen, sich aber nicht von ihrem Kurs abbringen lassen. Anders als in vielen anderen Inszenierungen werden in Kelmis der Hohe Rat und das jüdische Volk nicht entlastet, sondern kommt eher der römische Statthalter Pontius Pilatus (stark dialektgefärbt: Denis Barth), der erst nach vielen Zweifeln und etlichen Fragerunden das Todesurteil fällt, vergleichsweise gut weg. Dazu passt, dass auch der Ruf der aufgebrachten Menschenmenge „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ vorkommt. Auffällig ist auch, dass die Passion Jesu nicht so brutal-drastisch ausfällt wie andernorts. Die Geißelung Jesu wird überhaupt nicht gezeigt, der Kreuzweg fällt vergleichswiese kurz aus, und am Ende stehen die drei Kreuze mit Jesus und den beiden Schächern plötzlich auf der Bühne, ohne dass der Hergang der Kreuzigung bis ins Detail vorgeführt worden wäre. Ausgesprochen gelungen ist die Schluss-Szene: Der auferstandene Christus tritt, ganz in Weiß gekleidet, an die Osterkerze und zündet sie an. Inmitten der komplett auf der Bühne versammelten Schauspieler-Truppe verkündet er seinen Missionsbefehl. So löst eine Aufführung, die nicht immer frei von Klischees und unfreiwilliger Komik ist, am Schluss doch noch Ergriffenheit und Anteilnahme beim Publikum aus.

In der Patronage von Kelmis, Patronagestraße 29, finden noch am 21. und 28. März (jeweils 19 Uhr) sowie am 22. und 29. März (jeweils 15 Uhr) und am Karfreitag, 3. April (20 Uhr), Vorstellungen des Passionsspiels statt. Informationen und Reservierungen beim Göhltalmuseum, Maxstraße 9, B-4721 Kelmis, Telefon: 0032/87/65 75 04.