Wie der CIA abstrakte Kunst unterstützte

„Parapolitik: Kulturelle Freiheit und Kalter Krieg“ – Die Ausstellung in Berlin bringt Licht in den Siegezug abstrakter Künstler nach dem Zweiten Weltkrieg. Von Ingo Langner

Picassos „Guernica“ im Stil von Jackson Pollock (1980) – ein Künstler, der wohl vom CIA gefördert wurde. Foto: Museum
Picassos „Guernica“ im Stil von Jackson Pollock (1980) – ein Künstler, der wohl vom CIA gefördert wurde. Foto: Museum

Nur eine Waffe taugt: die Wunde schließt der Speer nur, der sie schlug“, lässt Richard Wagner seinen „Parsifal“ singend sagen. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Ausstellung „Parapolitik: Kulturelle Freiheit und Kalter Krieg“, die derzeit im Berliner „Haus der Kulturen der Welt“ (HKW) gezeigt wird, sich von dieser Erkenntnis hat leiten lassen. Denn dass der Siegeszug der atonal komponierenden und abstrakt malenden Künstler nach dem Zweiten Weltkrieg ohne die immense finanzielle und organisatorische Hilfe der US-amerikanischen „Central Intelligence Agency“ (CIA) womöglich nie stattgefunden hätte, ist eine Wunde, die die Freunde dieser Künste bis zum heutigen Tag schmerzt.

„Es ist eine bekannte Tatsache, dass die CIA während des Kalten Kriegs insgeheim kulturelle Aktivitäten finanzierte“, heißt es gleich im ersten Satz eines Textes, der in das Wesen der Ausstellung einführen soll. Dessen ungeachtet weisen die HKW-Kuratoren Anselm Franke, Nida Ghouse, Paz Guevara und Antonia Majaca darauf hin, dass „Parapolitik“ nicht darauf abziele, „diesen Skandal zu enthüllen – auch wenn dem Thema auf Seiten der Museen bisher kaum Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Das Ausstellungsprojekt hinterfragt stattdessen, ob der Kanon der westlichen Moderne rückwirkend ,globalisiert‘ werden kann, ohne dass die ideologischen Strukturen und institutionellen Narrative problematisiert werden, die diesen untermauerten und exportierten.“

Der Satz hat es in sich, und es ist lohnenswert, sich seine Intention genauer anzuschauen. Zunächst ist von einem „Skandal“ die Rede. Worin mag der bestehen? Nun, aus der Sicht heutiger linker oder linksliberaler Intellektueller ist der Gedanke unerträglich, dass die in ihren Kreisen von Anfang an betonte anti-bürgerliche oder auch anti-kapitalistische Sprengkraft, die der atonalen Musik und der abstrakten Malerei (angeblich) innewohnt, etwa ab 1950 vom Geheimdienst eines Landes gefördert worden, das innerhalb des linken Denkens wie keine anderes auf der Welt für Ausbeutung, Kulturlosigkeit, Krieg und Imperialismus steht. Kurzum: der Feind schlechthin ist. Exakt so haben die kommunistischen Machthaber im Moskauer Kreml immer gedacht und ihre Ideologie war bald nach dem Sieg des St. Petersburger Oktoberputsches von 1917 auch unter westeuropäischen Schriftstellern, Malern und Musikern als Allheilmittel für eine Wiedergenesung der Menschheit an sich geworden. Deshalb kann es für die Berliner Kuratoren nur darum gehen, in spitzfindigen Volten nachzuweisen, dass selbst „schmutziges Geld“ und „perfide Intentionen“ den hehren Wert der künstlerischen Moderne niemals antasten konnten.

Genau an diesem Punkt drängt sich die Frage auf, warum die CIA tat, was sie tat. Um diese Frage zu erhellen, muss man einen Blick auf die politische Weltlage Ende der 1940er Jahre werfen. Zu diesem Zeitpunkt war die Allianz von USA, Sowjetunion und England keinen Pfifferling mehr wert. Zwar hatten die „Großen Drei“ mit vereinten Kräften die deutsche Wehrmacht an allen Fronten besiegt. Das Deutsche Reich hatte bedingungslos kapituliert und war militärisch von den alliierten Streitkräften besetzt worden. Doch Stalin hatte nach seinem Sieg über Hitler die alten kommunistischen Welteroberungspläne nicht vergessen und träumte davon, die Rote Armee bis zum Atlantik vorrücken zu lassen. Weil das wegen der Präsenz der US-Armee in Deutschland und Westeuropa militärisch einstweilen nicht zu realisieren war, machte Moskau das, was es immer tat, wenn nackte Gewalt nicht möglich war: es schickte sich an, die Köpfe der Menschen zu erobern. Anders gesagt: Mittels Agitation und Propaganda sollte der Westen ideologisch erobert werden. Dafür wurden auch Moskaus Vasallen in Anspruch genommen. Zwar war die bundesdeutsche KPD schwach. Doch in Frankreich und in Italien gab es die starken kommunistischen Parteien KPF und KPI. Für die Westmächte hieß das: sie mussten dem Versuch Moskaus, in Westeuropa die kulturelle Hegemonie zu erlangen, etwas Entsprechendes entgegensetzen. Dieser mit den unterschiedlichsten und keineswegs zimperlich eingesetzten Mitteln ausgefochtene Wettbewerb um die Köpfe wurde dann schließlich „Kalter Krieg“ genannt.

Weil sich die schon spätestens nach dem Ersten Weltkrieg reüssierende sogenannte avantgardistische Kunst mit dem Attribut „Freiheit“ geschmückt hatte (wobei es immer nebelhaft blieb, wofür dieser Freiheitsbegriff wirklich stand und wohin er, außer ins „Reich Utopia“, führen sollte) schien es für einige helle Köpfe innerhalb der CIA lohnend zu sein, sich dieser Kunst und der damit verbundenen Künstler zu bedienen. Natürlich war diesen Leuten klar, dass man die Geldquellen, mit denen man fortan der atonalen Musik, der abstrakten Malerei und schließlich auch dem Jazz lukrative Plattformen bot, nicht offen herzeigen konnte. Doch genau das war für einen Geheimdienst naturgemäß alles andere als ein Problem.

Für die Kriegspsychologen der US-Armee war zweifelsfrei, dass das Gebräu aus Hitler und Wagner keinen geringen Anteil am totalitären Triumph des Nationalsozialismus gehabt hatte. Andererseits sahen die Amerikaner mit Sorge, dass die Sowjetunion, wie schon das besiegte NS-Deutschland, Neoklassizismus und Neoromantik favorisierte. Deshalb finanzierten die USA über ihren Geheimdienst CIA Zwölfton und Atonales. Am 26. Juni 1950 (und damit genau einen Tag nach der nordkoreanischen Invasion Südkoreas) wurde in Berlin vom amerikanischen Journalisten Melvin Lasky der „Congress für Cultural Freedom“ („Kongress für kulturelle Freiheit“) ins Leben gerufen. Der ehemalige Kommunist Arthur Koestler schrieb dafür ein Manifest. Koestlers Kernsatz lautete: „Die Freiheit hat die Offensive ergriffen.“

Auch bei den 1946 ins Leben gerufenen Darmstädter Musiktagen, die bald fest in der Hand von Komponisten wie Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen waren, ist die CIA Taufpate gewesen. In Darmstadt konnte das ehemals nationalsozialistische Deutschland zeigen, wie weit es sich von dem Geist entfernt hatte, das nach 1933 die Musik Schönbergs als „entartet“ gebrandmarkt hatte. So kam es schlussendlich dazu, dass der frühere Alban Berg-Schüler und postmarxistische Musiktheoretiker Theodor W. Adorno zum Oberhaupt und Schiedsrichter für alle ästhetischen Fragen der Zeit werden konnte.

All das lässt sich in der Berliner Ausstellung nachempfinden. Gezeigt werden Archivmaterial, Dokumente und Kunstwerke, die von den 1930er Jahren bis in die Gegenwart reichen. Seine besondere Aufmerksamkeit sollte der Ausstellungsbesucher den von der CIA geförderten Zeitschriften widmen. Sie zeigen an, dass der Kampf um die ästhetische Lufthoheit nicht nur in Deutschland geführt wurde, sondern weltweit. Denn der Kalte Krieg war ein globaler. Dafür stehen „Der Monat“ in Deutschland, „Encounter“ in Großbritannien, „Sasanggye“ in Südkorea, „Quest“ in Indien, „Africa South“ und „The New African“ in Südafrika, „Black Orpheus“ in Nigeria, „Transition“ in Uganda und Ghana, „Hiwar“ im Libanon und „Mundo Nuevo“ in Lateinamerika.

Enttarnt wurden die weltweiten kulturellen amerikanischen Geheimoperationen erst 1967. In dieser Zeit kämpfte die US-Armee in Vietnam, und erstmals seit 1945 gelang es den Amerikanern nicht mehr, ihren gegen den Kommunismus geführten Kampf als moralisch gerechtfertigt darzustellen. Im Gegenteil. Wie schon immer von Moskau und seinen militärischen und ideologischen Mitstreitern gewünscht, wurden die Vereinigten Staaten vor allem von den Intellektuellen und Studenten in Westeuropa verachtet und je nach den Möglichkeiten bekämpft, bis hin zum Terror. Nur wer „links“ dachte und fühlte, galt als Friedensfreund und war ein „guter Mensch“. Aus der Perspektive der Kuratoren von „Parapolitik“ wäre das auch heute noch wünschenswert.

Darum begnügen sie sich auch nicht damit, die Initiativen der CIA darzustellen und auszuleuchten, und – gewissermaßen im Gegenzug – eine Analyse der geheimen Propagandamaßnahmen der UDSSR zu präsentieren. Stattdessen zeigt „Parapolitik“ Werke zeitgenössischer Künstler, „die sich“, so die Kuratoren wörtlich, „mit dem Kampf um die kulturelle Hegemonie beschäftigen und die eng gefasste Instrumentalisierung von Abstraktion und Realismus zu unterlaufen.“ Was dann an Kunst gezeigt wird, wirkt allerdings so, als hätte man es von der Resterampe der jüngsten Documenta abgeholt. Menschen mit hohen künstlerischen Ansprüchen werden „Parapolitik“ darum enttäuschend finden. Für historische und politisch Interessierte ist die Ausstellung dagegen sicherlich ein Gewinn.

„Parapolitik: Kulturelle Freiheit und Kalter Krieg.“ Im Haus der Kulturen der Welt (Berlin), geöffnet bis zum 8. Januar 2018.