Wie Medien Geschichte spiegeln und verzerren

Das große Berliner „Geschichtsforum“ hat den November 1989 ausführlich erörtert

Bereits ein gutes halbes Jahr vor den offiziellen Feierlichkeiten zum 20. Jubiläum des Mauerfalls häufen sich in der deutschen Hauptstadt die Ausstellungen und Veranstaltungen rund um das welthistorisch bedeutsame Ereignis: Am vergangenen Wochenende fand mit dem „Geschichtsforum 1989/2009“ unter dem Motto „Europa zwischen Teilung und Aufbruch“ ein öffentlich zugänglicher, politisch-wissenschaftlich-kultureller Kongress statt, wie ihn die deutsche Hauptstadt in dieser Breite und Vielgestaltigkeit schon seit vielen Jahren nicht mehr erlebt hat. In insgesamt 208 verschiedenen Programmpunkten, darunter rund 150 Diskussionen und Vorträge, sowie zahlreichen Workshops, Ausstellungs-, Theater- und Multimediaprojekten und Filmen wurde die friedliche Revolution in der DDR oder das Ende des Sozialismus in Osteuropa aus allen erdenklichen Blickwinkeln erschöpfend behandelt.

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Unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten standen die Veranstaltungen der am „Geschichtsforum“ beteiligten Institute, Kultur- und Bildungseinrichtungen sowie Vereinen und Initiativen – maßgeblich die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), die Kulturstiftung des Bundes und die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur – allen Interessierten, aber auch Zufallsbesuchern der Humboldt-Universität und des benachbarten Deutschen Historischen Museums (DHM) Unter den Linden offen. Vertreter der Kirchen, deren oppositionelle Rolle bei der Überwindung des Sozialismus ebenfalls ein mehrfach diskutiertes Thema auf dem Kongress war, luden zu Pfingstgottesdiensten in Hedwigs-Kathedrale und Berliner Dom. Die wichtigsten Ereignisse wurden täglich von Kongressreportern zu Radio- bzw. Filmbeiträgen zusammengefasst und auf die Homepage www.geschichtsforum09.de gestellt, wo sie zusammen mit vielen anderen Informationen weiterhin aufgerufen werden können.

Wer sich durch den umfangreichen Katalog gearbeitet hatte, wurde auf dem Kongress mit einigen aufschlussreichen Informationen über die diversen Formen des öffentlichen oder institutionellen Gedenkens und Aufarbeitens von dem, was wir gemeinhin „Geschichte“ nennen, belohnt. Der frühe Termin des Kongresses an den Pfingstfeiertagen war gut gewählt, konnte aber auch als Beispiel für die Auswirkungen der immer stärker wuchernden Eventkultur interpretiert werden, deren permanentes Buhlen um Aufmerksamkeit durch die Medien noch verstärkt wird: Jahrestage und Jubiläen seien zwar eine „geeignete Krücke, um möglichst viele Zuschauer anzulocken“, gab der Fernsehjournalist Roland Jahn zu. Doch zugleich drücke der Wettlauf bei dem „alle TV-Redaktionen die ersten sein wollen“, die „Vorläufe von Events immer weiter nach vorne“, bis am Gedenktag selbst oft „eine punktuelle Übersättigung“ herrsche, so Jahn.

Für besondere Inspiration sorgten Diskussionen, bei denen Historiker auf Film- und Fernsehmacher trafen, die in unserer Mediengesellschaft maßgeblich dazu beitragen, dass und wie geschichtliche Abläufe vermittelt und transparent gemacht werden. Wie diverse Fotoausstellungen in Berlin zurzeit beweisen, sind signifikante Einzelereignisse wie der Fall von Mauer und innerdeutscher Grenze im Herbst 1989 geeignet, ikonengleiche Bildmotive geradezu im Dutzend zu liefern. Hingegen stößt die mediale Darstellung politisch und historisch komplexer Phänomene, die dem Zusammenbruch des europäischen Sozialismus vorausgingen bzw. auf ihn folgten, schnell an ihre (Format-)Grenzen. Der Filmkritiker Ralf Schenk gab zu bedenken, dass selbst ein vergleichsweise sorgfältig recherchierter und inhaltlich um Differenzierung bemühter Kinohit wie „Das Leben der Anderen“ (2005) eine Reihe von historischen Ungenauigkeiten aufweist.

Dennoch herrschte bei den Diskutanten allgemeine Einigkeit darüber, dass die Gefahren einer Trivialisierung und Verzerrung historischer Zusammenhänge zugunsten größerer Breitenwirksamkeit im Bereich des Fernsehfilms bzw. des Doku-Dramas weitaus größer sind als bei Kinofilmen, die nicht unter dem Druck der Quote stehen. „Good Bye, Lenin“-Regisseur Wolfgang Becker warnte in Anspielung auf den für zeitgeschichtliche Themen zuständigen ZDF-Redakteur und Moderator vor einer „Knoppisierung“, also permanent mit nachgestellten Elementen arbeitenden Geschichtsdarstellung. Auch die Hybridform des so genannten „Eventmovies“, wie sie die Berliner Produktionsfirma „teamworx“ von Nico Hofmann mit „Der Tunnel“, „Die Sturmflut“, „Die Luftbrücke“, „Die Flucht“ und „Dresden“ popularisierte, sehen Experten wie der Medienforscher Matthias Steinle von der Pariser Sorbonne zwiespältig. Geschichtliche Zusammenhänge werden dabei auf sattsam bekannte, punktuelle (im Titel meist als „Wunder“ bezeichnete) Ereignisse und bereits etablierte Bilder reduziert, die dem TV-Konsumenten in quasi vorgekaute Form möglichst wenig eigene Reflexion abverlangen. Zudem feierten dabei dramaturgische Stereotypen aus den 1950er Jahren wie das von der Opfergemeinschaft der Deutschen, das von der Mitverantwortung ablenke, fröhliche Urständ.

Diese vom Direktor des Zentrums für zeithistorische Forschung in Potsdam, Dr. Martin Sabrow, als „Persistenzphänomen“ und „teleologische Selbstbezogenheit“ bezeichnete Art der Darstellung sei angesichts einer jeweils immer nur vorläufigen und perspektivisch eingeschränkten Interpretation geschichtlicher Zusammenhänge sehr problematisch.

Fakten oft schwer nachprüfbar

Gerade die aktuellen Erkenntnisse über die frühere Stasi-Mitgliedschaft des Polizisten Kurras, der 1968 bei einer Demonstration in Westberlin den Studenten Benno Ohnesorg tötete, zeige, dass Geschichte „keine tote Materie ist“, sondern deren „Aneignung immer die Perspektive und Wissenstand von heute“ widerspiegele. Für Professor Sabrow bedeutet eine seriöse Beschäftigung mit Geschichte im Film gerade nicht das „geordnete Wiederkäuen von bekannten Bildern und Stereotypen“, um vermeintliche Authentizität vorzutäuschen, sondern lebendige, zeitgemäße „Mythenkritik“, die ihre „künstlerische Autonomie verteidigt“.

Für Roland Jahn muss eine „Personalisierung von Geschichte“, die Zuschauern die Möglichkeit zur Identifikation biete, nicht notwendigerweise zu einer „Verkitschung oder Schmonzette“ führen, wenn Redakteure oder Produzenten ihre Verantwortung wahrnehmen. Einigkeit herrschte darüber, dass Geschichtsvermittlung via Internet auch pädagogisch viele gute Chancen bietet, gleichwohl die mangelnde Überprüfbarkeit der Fakten und Autorenschaft wie etwa bei Online-Lexika wie Wikipedia ein großes Problem sei.