Würzburg

Wie Glaube zum Wahn wird

Der religiös Wahnsinnige sucht sich selbst einen Zugang zur Transzendenz. Eine Untersuchung zu Fehlformen von Religiosität in der Literatur.

Marienerscheinungen aus dem Film "Das Lied von Bernadette" (1943)
Klarer Blick auf die Realität: Der Film „Das Lied von Bernadette“ (1943) zeigt Marienerscheinungen, wie sie Bernadette in Lourdes hatte. Foto: IN

Ein in verschiedenen seltenen Farben schillerndes Buch hat der Theologe und Germanist Thomas Hardtke vorgelegt, wenn er sich mit pathologischen Formen von Religiosität und deren Niederschlag in Literatur und Wissenschaft beschäftigt. Die Abgrenzung von „gesundem“ Glauben und religiösem Wahn kann schwierig werden, wenn etwa ein hoch emotionales Thema wie Marien-Erscheinungen ins Spiel kommt. Wenn Menschen auftreten, die vorgeben, der Messias zu sein, ist die Grenze freilich überschritten, und bei Mord und Opferung aus religiösem Wahn wird es gemeingefährlich. Doch zunächst oszilliert das Thema wie ein Libellenflügel. Zwar lässt sich sagen: „Wahn heißt zugespitzt: Nicht-Wirkliches wird als Wirkliches angenommen.“

Franz Werfel dichtete Biographisches dazu

Wenn aber größere Gruppen von Gläubigen bekennen, ihre lange in einem Hügel verborgene heilige Schrift sei in „reformiertem Ägyptisch“ verfasst (Mormonen) oder dass exakt 144 000 Menschen am Ende von Gott gerettet werden (Zeugen Jehovas), kann man die Frage stellen, ob sie alle, wirklich alle, einem Wahn verfallen sind oder ob man den Anhängern dieser Botschaften nicht wenigstens ob ihrer Standhaftigkeit Tribut zollen kann.

Hardtke interessiert sich für Marien-Erscheinungen und besonders für Lourdes, dem Ort, der ja auch einige literarische (und cinematographische) Werke inspiriert hat. Schon in Franz Werfels berühmten Buch „Das Lied von Bernadette“ von 1941 – übrigens das meistgelesene Werk des Autors, das sein Entstehen einem Privatgelübde Werfels verdankt – gibt es ein Kapitel mit der sprechenden Überschrift „Der Psychiater greift in den Kampf ein“.

Während Werfel sich ansonsten in seinem Werk sehr genau an die überlieferten tatsächlichen Vorgänge hält, hat er diese Episode, in der er die Seherin von einem vom staatlichen Präfekten beauftragten Nervenarzt begutachten lässt, dazuerfunden. Besser gesagt: Er hielt es für nötig, durch den Einsatz des allem Überirdischen abholden „Wissenschaftlers“ das Ringen um die Echtheit der Erscheinungen in den zeitgenössisch belegbaren Kampf zwischen Staat und Kirche um die geistige Vorherrschaft einzubetten.

Bei Werfel – nicht sehr überraschend – gewinnt Bernadette diesen Kampf, so Hardtke: „Mit seinem Heilungsversprechen (,Du wirst keine Damen in Grotten mehr sehen, dafür aber ein prächtiger Mensch werden‘) denkt der Psychiater auf einer anderen Ebene als Bernadette, deren Erfahrung sich seinem Nützlichkeitsdenken entzieht.“ Es geht also letztlich um zwei Welten, die sich verständnislos gegenüberstehen. In Werfels Darstellung kommt der Arzt der schlicht-gläubigen Seherin nicht bei, kann der Präfekt als Vertreter des laizistischen Staates nur wütend-resigniert feststellen, Bernadette sei so etwas wie eine „veritable Hexe alten Stils“, doch gemeingefährlich ist sie offenkundig nicht.

Das "Jerusalem-Syndrom"

Ein spannendes Thema sind auch die Menschen – mehrheitlich Männer – die vorgeben, der Erlöser oder wenigstens ein wichtiger Prophet oder Apostel zu sein. In Jerusalem, wo diese Gestalten besonders massiv auftreten, hat sich ein eigenes kleines psychiatrisches Fachgebiet um das auch „Jerusalem-Syndrom“ benannte und seit den 30er Jahren beschriebene Phänomen gebildet. Den Menschen, die kurz nach der Ankunft in der Heiligen Stadt anfangen, sich für den Erlöser zu halten, kann übrigens leicht geholfen werden. Bei den meisten bildet sich das Krankheitsbild kurze Zeit später wieder zurück.

Mit dem Messiaswahn auf deutschem Boden haben sich Schriftsteller wie der einstmals vielgelesene Wilhelm Schmidtbonn („Der Heilsbringer“) und Gerhard Hauptmann („Der Apostel“) beschäftigt, letzterer mit klaren Hinweisen auf deviante Religiosität: „Übrigens fing das merkwürdige Schwatzen – im Ohr oder gar im Kopf drin, er wusste nicht wo – wieder an. Seit einigen Wochen plagte es ihn. Sicherlich waren es Blutstockungen. Man musste laufen, sich anstrengen, das Blut in schnelleren Umlauf versetzen.“

Hardtke widerspricht allerdings gängigen Deutungen der „novellistischen Studie“, wie Hauptmann sein Werk nannte, die nur von der „Momentaufnahme eines pathologischen Messiaswahns“ sprechen und ordnet das, was den Protagonisten der Novelle befällt, als Ausdruck eines inneren Konflikts „zwischen dem Ideal der Demut und Bescheidenheit einerseits und dem eigenen Geltungsdrang andererseits“ ein. Demnach würden wohl doch einige Menschen mehr für diese Form von Wahn in Frage kommen als man ahnt.

Thomas Hardtke hält fest, dass seit dem beginnenden 19. Jahrhundert das Thema religiöse Devianz nicht nur verstärkt wissenschaftlich-medizinisch diskutiert, sondern auch literarisch fruchtbar gemacht wird. Doch wie ein Aal entgleitet einem dieses an der Schnittstelle zweier Welten angesiedelte Phänomen, ob ein bestimmtes für-wahr-Halten noch im Rahmen des Konventionellen oder schon „draußen“ davor liegt.

Häufig ein zu freier Umgang mit Fakten

So warnt der Autor die „exakte Wissenschaft“ davor, in Hochmut zu verfallen. Als Faktum gäbe es eben „die Polyvalenz der Ergebnisse ärztlicher Untersuchungen, sowie die Tatsache, dass sich die Ärzte häufig auf ein Professionsideal unvoreingenommener Beobachtung beriefen, das gleichwohl dem hohen Maß an Spekulativität und dem freien Umgang mit den Fakten in ihrer Arbeit widersprach“.

Die in dieser Arbeit untersuchten Ausdrucksformen fehlgegangener Religiosität „drücken den Wunsch des Individuums nach dem Primat der Produktion vor der Rezeption aus. Nicht Mariologie, sondern Maria selbst steht im Zentrum der Marienerscheinung. Nicht die Ethik Jesu, sondern das Christus-Sein selbst ist Kern des Messiaswahns“.

Skepsis gegenüber der "Rede von etwas"

Hardtke folgert: „Der Figur des religiös Wahnsinnigen ist also eine fundamentale Skepsis gegenüber der ,Rede von etwas‘ eigen; der religiös Wahnsinnige sucht stattdessen durch das Sehen und das Handeln einen unmittelbaren Zugang zur Transzendenz.“ Man wird wohl auch folgern dürfen, dass vielen dieser Menschen, so sie denn zuvor dem christlichen Gottesdienst beiwohnten, es zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr genügte, was ihnen dort geboten wurde. Das Andere, wonach sie verlangten, das Mehr, das sie sich wünschten, schufen sie sich kurzerhand selber. Von daher fällt noch einmal ein anderes Licht auf die oft beklagte Nüchternheit der römischen Liturgie der katholischen Kirche. Doch so, wie es geheiligtes Berauscht-Sein gibt, gibt es auch heilige Nüchternheit.

Thomas Hardtke: Wahn-Glaube-Fiktion – Die Pathologie devianter Religiosität im medizinischen, religiösen und literarischen Diskurs seit 1800. Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2018, 257 Seiten, ISBN 978-3-7705-6307-4, EUR 49,50