Wenn der Schöpfergeist im Pfarrhaus weht

Über die erste Waschmaschine und die Erfindung des Leserbriefs. Von Michael Gregory

Das Pilzesuchen als Leidenschaft: Superintendent Jacob Christian Schäffer aus Regensburg war einer der Begründer der wissenschaftlichen Pilzkunde. Foto: dpa
Das Pilzesuchen als Leidenschaft: Superintendent Jacob Christian Schäffer aus Regensburg war einer der Begründer der wis... Foto: dpa

Ihn kennt jeder: Pfarrer Kneipp, der mit seinen Erkenntnissen über die wohltuende Wirkung wechselwarmer Bäder in die Geschichte der Heilkunde einging. Und auch er ist nicht nur Schützenbrüdern und Jägern ein Begriff: Franziskanerpater Berthold Schwarz, (mutmaßlicher) Erfinder des Schwarzpulvers. Doch wer hat schon mal etwas von Landpfarrer Hermann Bräß aus Dettum bei Wolfenbüttel gehört, den Erfinder des Leserbriefs? Oder Superintendent Jacob Christian Schäffer aus Regensburg, der herausfand, dass sich dreckige Wäsche am besten von rotierenden Quirlen in Trommeln waschen lässt – was ihn zum Erfinder der Waschmaschine machte?

Bräß und Schäffer, beide sind längst nicht die einzigen Beispiele dafür, dass sich Ordensleute, Priester und Pfarrer nicht immer nur der reinen Seelsorge widmeten, sondern oft auch zu findigen Forschern wurden. Die Liste dieser Frauen und Männer ist länger als vermutet. Die Orte ihres Schaffens liegen weit verstreut. Einer, der sich die Mühe gemacht hat und auf Spurensuche gegangen ist, ist der Wissenschaftsjournalist Eckart Roloff. Viele Monate hat er in Archiven geforscht, Gespräche am Ort des Geschehens, in den Pfarreien, geführt und fachkundige Wissenschaftler konsultiert. Seine Erkenntnisse hat er in einem Buch zusammengefasst, einem äußerst lesenswerten Band mit dem ebenso klangvollen wie einprägsamen Titel „Göttliche Geistesblitze. Pfarrer und Priester als Erfinder und Entdecker“.

Bleiben wir bei Bräß und Schäffer. Was wurde ihnen zur Triebfeder, welche Faktoren brachten sie dazu, sich neben der Pastoral auf die Suche nach Innovationen ganz weltlicher Natur zu machen? Auch wenn die Biografien fortschritts- und technikbegeisterter Theologen ganz unterschiedlicher Prägung sind, so ist die Geschichte dieser beiden Männer in mancherlei Hinsicht exemplarisch für die Zunft forschender Pfarrer insgesamt.

Bei Schäffer, der als ausgebildeter Theologe viel mit der Heiligen Schrift, mit Technik jedoch nichts zu tun hatte, war es eher der Zufall, der ihn das Prinzip entdecken ließ, das bis heute in jeder Waschmaschine steckt: Reinigung durch Rotation. Zwar stand er in Regensburg, wo er ab 1741 als Pastor an der evangelischen Neupfarrkirche wirkte, im Ruf, ein begeisterter Tüftler zu sein, doch an eine Maschine zum Waschen dachte er nicht, als er um das Jahr 1760 die Idee hatte, einen Apparat zur Herstellung von Papieren ohne teure Lumpen zu zimmern. Das war viel dringender in jener Zeit.

Dann aber wurde es doch eine Waschmaschine. 1766 veröffentlichte Schäffer eine reich illustrierte Abhandlung über den Gebrauch eines solchen Geräts aus hölzernem Zuber nebst Waschwerk. Diesem Buch gibt der selbstbewusste Seelsorger den werbewirksamen Namen „Die bequeme und höchstvorteilhafte Waschmaschine“. Heute ist Schäffers Mischung aus Verkaufsprospekt und Gebrauchsanweisung ein begehrtes Sammlerstück, für das Antiquare rund 2 000 Euro verlangen.

Es war also vor allem Vielseitigkeit, die Schäffer auszeichnete, zumal ihn nicht nur der Gedanke an Maschinen antrieb, sondern alles, was mit Natur und Technik zu tun hat. So tat er sich neben technischen Versuchen ebenso als Botaniker und Zoologe hervor. Ebenso befasste sich Schäffer mit Pilzen, Schnecken, Insekten und Vögeln. Fachleuten der historischen Botanik mögen seine Aufsätze mit dem Kürzel „Schaeff“ ein Begriff sein. Mit seinem Werk „Natürlich ausgemahlte Abbildungen Bayerischer und Pfälzischer Schwämme, welche um Regensburg wachsen“ wurde er zum Begründer der wissenschaftlichen Pilzkunde.

Zu Lebzeiten jedoch kamen Schäffers Schaffenskraft und Originalität nicht bei allen gut an. Manche in der Gemeinde rümpften die Nase über all das untheologische Engagement. Schäffer aber ließ sich nicht beirren, sondern belehrte seine Schafe eines Besseren, und zwar ganz auf seine Weise. So ersann er einen Weg, wie sich Katechismus und Bildung miteinander verbinden ließen. Am Ende seiner Überlegungen im Jahr 1779 stand sein „Versuch eines catechetischen ABC-Buchstabir-Lese- und Schreibbüchleins“. Damit sollten Kinder innerhalb eines Jahres nicht nur etwas über ihren Glauben erfahren, sondern zugleich auch Lesen und Schreiben lernen.

Ähnlich pfiffig agierte Landpfarrer Hermann Bräß aus Dettum bei Wolfenbüttel. Ende des 18. Jahrhunderts gibt er dort, für einen Theologen höchst ungewöhnlich, eine Lokalzeitung für die Landbevölkerung heraus, die „Zeitung für Städte, Flecken und Dörfer, insonderheit für die lieben Landleute, alt und jung“. Dabei verfolgt Bräß eine klare Mission: Es geht ihm neben dem Informieren vor allem um Volksbildung. Bräß wollte Aberglauben, Quacksalberei und Hexenverfolgung angehen. Damit konzipierte er „das erste eigens für die Belehrung der Unterschichten verfasste Nachrichtenblatt der deutschen Pressegeschichte“, so Martin Welke, Gründer des Deutschen Zeitungsmuseums in Mainz.

Um die Stellung seines Blattes als Instrument der Volksbildung weiter zu stärken, ersann Bräß schließlich den Leserbrief, ein Genre, das die Publizistik revolutionierte. Denn mit ihm kamen die Zeitungen aus dem eingleisigen Informationsfluss von der Redaktion zum Leser heraus. Der Leserbrief ermöglichte erstmals den Dialog mit dem Leser. Bräß nutze ihn überdies, um nützliche Informationen vom Leser über die Redaktion hin zum Leser zu transportieren, Ratschläge zur Gesundheit etwa oder Vorschläge zur Vertiefung des Glaubenslebens. Das war zur damaligen Zeit ganz und gar neu – und offenbart ein weiteres Motiv für Brüder, Priester und Pastoren, als Erfinder aktiv zu werden: das Anliegen nämlich, durch eine Erfindung den Alltag der Menschen ein Stück zu erleichtern, ihn ein bisschen lebenswerter zu machen.

Und auch das dürfte vielen Entdeckern aus den Reihen der Geistlichkeit Antriebsquelle gewesen sein: die Bewunderung der biblischen Schöpfungsgeschichte und der daraus resultierende Wunsch, seine eigenen schöpferischen Kräfte ein Stück zur Entfaltung zu bringen. Roloffs überaus lebendig geschriebenes Buch zeigt, dass die Kirchen beider Konfessionen beileibe nicht so fortschrittsfeindlich sind, wie es ihnen bisweilen vorgeworfen wird, sondern auf eine lange Tradition bedeutsamer Entdeckungen zurückblicken können. Menschen, die Gott besonders nahe sind, verfügen vielleicht sogar über ganz besondere schöpferische Kräfte. Fest steht: Frömmigkeit und Tüftlergeist müssen sich nicht beißen. Daran ändert auch nichts, dass die Kirche ihrer Pflicht nachkommt und der Forschung immer wieder Grenzen aufzeigt. Eine unerträgliche Gängelung, wie manche Wissenschaftler meinen, ist das nicht.

Eckart Roloff: Göttliche Geistesblitze. Pfarrer und Priester als Erfinder und Entdecker. Weinheim 2010, Verlag Wiley-VCH, 337 Seiten, EUR 24,90