Wenn der Glaube das Leben kostet

Bewusst für den Märtyrertod entschieden: Die Oper „Dialogues des Carmélites“ von Francis Poulenc. Von Barbara Stühlmeyer

Fotoprobe "Dialogues des Carmelites"
Eine der wichtigsten Inszenierungen der Oper Francis Poulencs erarbeitete Nikolaus Lehnhoff 2003 an der Staatsoper Hamburg. Foto: dpa
Fotoprobe "Dialogues des Carmelites"
Eine der wichtigsten Inszenierungen der Oper Francis Poulencs erarbeitete Nikolaus Lehnhoff 2003 an der Staatsoper Hambu... Foto: dpa

Was für viele vor zehn oder zwanzig Jahren kaum vorstellbar gewesen wäre, ist heute schreckliche Wirklichkeit. Wir erleben die größte Christenverfolgung aller Zeiten. Auch hier mitten in unserem Land werden Menschen aufgrund ihres Bekenntnisses zu Jesus Christus drangsaliert, herabgewürdigt und ausgegrenzt und es sind oft sogenannte Christen, die sich, von multikulturellen Wunschträumen geblendet, weigern, die grausame Wirklichkeit dessen wahrzunehmen, was sich mitten unter uns abspielt. Umso wichtiger ist es, auf allen Ebenen, die unserem Wissen zugänglich sind, einen Blick in die Geschichte zu werden, um etwas darüber zu lernen, wie Menschen früherer Zeiten ihr Bekenntnis zum Auferstandenen gelebt haben.

Ein beeindruckendes Beispiel aus der Musikgeschichte ist die Oper „Dialogues des Carmélites“ von Francis Poulenc, die auf einem historischen Ereignis aus der Zeit der französischen Revolution basiert, einer Zeit, in der wie alle anderen Klöster in Frankreich auch der Konvent der unbeschuhten Karmelitinnen von Compiegne aufgelöst werden sollte. Die Schwestern wurden aufgefordert, ihr Gelübde zu brechen und in ein bürgerliches Leben zurückzukehren. Doch die Karmelitinnen im Alter von 28 bis 79 Jahren weigerten sich strikt, ihr Kloster zu verlassen. Die Folgen waren ebenso eindeutig wie grausam. 16 Schwestern wurden am 17. Juli 1794 in Paris auf der Guillotine hingerichtet und anschließend in einem Massengrab auf dem Cimetiere de Picpus bestattet.

Poulenc erzählt die Geschichte aus der Sicht der jungen Nonne Blache de la Force. Sie ist traumatisiert, weil ihre Mutter bei ihrer zu frühen Geburt, die durch Angriffe marodierender Massen während der französischen Revolution ausgelöst wurde, gestorben war, und bittet ihren Vater, den Marquis de la Force deshalb, in ein Karmelitinnenkloster eintreten zu dürfen.

Weder ihr Vater noch ihr Bruder halten die Flucht hinter scheinbar sichere Klostermauern für einen guten Weg, lassen sie aber schließlich gehen. Und tatsächlich wird es für Blanche im Kloster nicht einfacher. Sie wird auch dort von ihren Ängsten heimgesucht, zumal sie schon bald den Tod ihrer geliebten Mentorin, der Priorin Madame de Croissy, erleben muss, die im Sterben die dunkle Nacht der Seele erlebt und in einer Vision die Zerstörung des Klosters und den Tod der Schwestern voraussieht. Als wenig später marodierende Horden das Kloster bedrohen, versucht Blanches Bruder, sie in Sicherheit zu bringen, doch Blanche weigert sich. Ebenso wie ihre Mitschwestern besteht sie darauf, im Karmel zu bleiben, als die Kommissare dessen Räumung anordnen. Eine der Karmelitinnen, Marie de l'Incarnation, versucht die Schwestern davon zu überzeugen, sich bewusst für den Märtyrertod zu entscheiden.

Für Blanche wird der Druck nun zu groß. Beim erneuten Räumungsbefehl flieht sie aus dem Konvent in ihr Elternhaus. Marie de l'Incarnation besucht sie dort und berichtet ihr von der Todesgefahr, in der ihre Schwestern schweben. Tatsächlich zieht die bevorstehende Hinrichtung der Nonnen Blanche magisch an und sie macht sich auf den Weg zum Richtplatz. Das eindrucksvolle Finale des Stückes zeigt die Guillotinierung jeder einzelnen Schwester, sodass der Gesang des Salve Regina, den diese angestimmt haben, immer schwächer wird. Als die Reihe an Blanches Freundin Constance kommt, erhebt diese ihre Stimme und geht nun freiwillig und freudig gemeinsam mit ihr in den Tod.

Poulencs Entscheidung, die Geschichte der Karmelitinnen von Compiegne auf die Opernbühne zu bringen, hat viele Gründe. Sie kann sowohl mit historischen als auch mit persönlichen Motiven erklärt werden. Zum einen stand der Komponist 1936 unter dem Einfluss des Todes seines Freundes Pierre Octave Ferroud, zum anderen hatte der Besuch der Schwarzen Madonna von Rocamadour, in dessen Folge er zum Katholizismus konvertiert war und sich seitdem der Komposition kirchenmusikalischer Werke zugewandt hatte, tiefe Spuren in seiner Seele hinterlassen. Darüber hinaus hatte Poulenc die Zeit des Nationalsozialismus und dessen politische und soziale Auswirkungen in Frankreich miterlebt. Insofern bot sich die beeindruckende Geschichte von Bekennermut, unbeirrtem Weitergehen des einmal gewählten Lebensweges und der Bereitschaft, die Konsequenzen dafür in Kauf zu nehmen, für ihn an.

Poulenc erhielt einen Auftrag für das Projekt und begann im Jahr der Vergabe mit den Arbeiten am Libretto. Im Juni 1956 wurde die Orchestrierung fertiggestellt und am 26. Januar 1957 fand die vielbeachtete Uraufführung an der Mailänder Scala statt. Eine Erstaufführung in französischer Sprache folgte am 21. Juni in der Opéra de Paris. Auf Poulencs Wunsch sang Denise Duval die Rolle der Blanche. Poulenc bleibt in seiner Oper auf dem Boden der Tonalität, seine Klangsprache ist vom Primat der Melodie bestimmt und von der menschlichen Stimme her gedacht.

„Dialogues des Carmélites“ erweist sich angesichts zahlreicher Neuinszenierungen, so 1994 und 1957/2011 an der Deutschen und der Komischen Oper Berlin unter der Regie von Günter Krämer und Calixto Bieito (2011) oder 2010 an der Bayerischen Staatsoper, als eines der eindrucksvollsten und bedeutendsten Opernwerke des 20. Jahrhunderts.

Nicht jede dieser Inszenierungen ist unumstritten. So wurde die in München von Dimitri Tcherniakov verantwortete Version insofern kritisiert, als der Regisseur den Schluss des Librettos entscheidend abwandelt. Anstelle des gemeinsamen Opferganges der Karmelitinnen stellt Tcherniakov das stellvertretende Opfer der Hauptfigur Blanche. Die Premierenkritik von Beate Kayser im Münchener Merkur vom 29. März 2010 lobte die Inszenierung bezeichnenderweise vor allem deshalb weil „alle genauen Zeit- und Religionsbestimmungen … eliminiert“ wurden und Tcherniakov aus dem historischen Stoff eine „zeitlose Parabel über die Angst und ihre Überwindung, über Einsamkeit allein und in der Gruppe, über Stärke und die Stärke der Schwäche“ macht. Aber genau diese Deutung verfehlt den Kern der Aussage des Werkes. Hier geht es ja gerade nicht um den Einzelnen, sondern um die seelenschützende, Netzwerke webende Kraft, die von der Gemeinschaft der Glaubenden ausgeht. Auch die Erben Poulencs und Bernanos' waren der Überzeugung, dass der Märtyrertod der 16 Nonnen zwingend umgesetzt werden müsse, weil sich sonst Deutungsmöglichkeiten eröffneten, die der Kernaussage des Werkes nicht gerecht würden und gingen gerichtlich gegen die Wiederaufnahme vor.

Letztlich ist der Eingriff in die Substanz des Werkes symptomatisch für eine Kulturszene, die unter dem schier unabweisbaren Zwang zu stehen scheint, vorliegende Libretti bis zur Unkenntlichkeit zu interpretieren, um ihnen einen oft zweifelhaften Neuheitswert zu verleihen. Dabei ist es, wie das Lebenswerk des kürzlich verstorbenen Nikolaus Harnoncourt zeigt, so viel erhellender, sich mit den Wurzeln der Werke zu beschäftigen und uns von ihnen wandeln zu lassen, anstatt sie nach unserem nicht selten zweifelhaften eigenen Erscheinungsbild zu formen.

Die Märtyrinnen von Compiegne wurden am 27. Mai 1906 von Papst Pius X. seliggesprochen. Ihre Attribute sind die Palme und das Schafott. Seit 2009 gibt es in dem im Nachbardorf von Compiegne gelegenen Karmel von Jonquieres eine in Form einer Gefängniszelle gestaltete Gedenkstätte für die 16 Karmelitinnen, in der Reliquiare sowie die von der einzigen Überlebenden, Marie de l'Incarnation, geretteten Bücher, Bilder und Handschriften der Gemeinschaft gezeigt werden, und die in einer der Gottesmutter als Königin der Märtyrer geweihte Krypta mündet. 1931 erschien die erste literarische Verarbeitung der Geschichte mit Gertrud von le Forts Roman „Die Letzte am Schafott“. Der 1888 geborene Schriftsteller Georges Bernanos schuf aus der Romanvorlage 1948, im Jahr seines Todes, ein Drehbuch mit dem Titel „Les Dialogue des Carmélites“ (Die begnadete Angst). Marcelle Tassencourt und Albert Beguin bearbeiteten den Stoff für die Bühne. Die verstärkte Rezeption des Stoffes während der Zeit des Nationalsozialismus und in den darauf folgenden Jahrzehnten verwundert nicht, geht es doch in der Geschichte der Karmelitinnen um das Bekenntnis des Glaubens unter widrigen Umständen und die Bereitschaft, für seine Überzeugungen wenn nötig sein Leben zu opfern.

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