„Weistu was, so schweig“

Der Mediengeschichtler Tilmann Lahme hat mit seiner Biographie über „Die Manns“ die dunklen Seiten dieser Familie erhellt. Von Ingo Langner

Die Triebkraft, die das Werk von Thomas Mann ermöglicht hat, scheint in Abgründe zu führen. Foto: IN
Die Triebkraft, die das Werk von Thomas Mann ermöglicht hat, scheint in Abgründe zu führen. Foto: IN

„The amazing family“, eine erstaunliche Familie, so wurde das Ehepaar Thomas Mann mitsamt seinen Kindern während ihrer Emigration in den Vereinigten Staaten respektvoll in der Öffentlichkeit genannt. Doch wer „Die Manns“ von Tilmann Lahme, Verwaltungsprofessor für Mediengeschichte und kritische Publizistik in Lüneburg, gelesen hat, wird wohl zwangsläufig zu dem Schluss kommen, dass es sich bei der Familie des Großschriftstellers um eine veritable „Monster AG“ gehandelt hat. „Wie das?“, werden nun vermutlich jene fragen, die angefangen bei den „Buddenbrooks“ über „Tonio Kröger“, „Tristan“, „Der Tod in Venedig“, „Wälsungenblut“, „Der Zauberberg“, „Joseph und seine Brüder“, „Lotte in Weimar“ bis hin zu „Doktor Faustus“ alle wichtigen Werke Thomas Manns gelesen, diese im höchsten Maße schätzen gelernt haben und sich ihr positives Bild vom Autor dieser Weltliteratur erhalten möchten.

Nun, diese Leser sollten Lahmes Familienbiographie besser meiden. Denn zwar wissen wir aus den postum veröffentlichten und von Inge Jens vorzüglich editierten Mann'schen Tagebüchern leider bereits nur zu genau um dessen larmoyante Egozentrik und homosexuelle Veranlagung. Doch bei noch mehr von solchem Stoff ist erfahrungsgemäß der Schritt von einer gesunden Neugier zur veritablen Übelkeit nur ein kleiner. Auch diverse andere Biographen haben uns seit Peter de Mendelssohns sehr ertragreicher, aber auch allzu respektvoller Biographie „Der Zauberer. Das Leben des Schriftstellers Thomas Mann“ immer tiefere Einblicke hinter die splendide Fassade seiner selbst und der Seinen gegönnt. Allerdings hat es bislang niemand auf sich genommen, angefangen beim Elternpaar Thomas und Katia bis hin zu den sechs Kindern Erika, Klaus, Golo, Monika, Elisabeth und Michael, uns das Intimleben dieser Familie so schonungslos darzubieten wie Tilmann Lahme es tut.

Lahme hat alle seine acht Protagonisten auf die Waage gelegt und keinen davon für zu leicht befunden. Er gönnt jeder „figurae dramatis“ in seinem 1922 einsetzenden und geschickt strukturierten Buch gleich viel Raum. Klug war es von ihm auch, deren Handlungen und Wandlungen nicht in einzelne Personenkapitel einzuteilen, sondern fortlaufend parallel zu erzählen. Das nämlich dient nicht nur der Übersichtlichkeit, denn so wissen wir auch, was beispielsweise Klaus und Erika tun, während ihr Vater in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre nicht unintrigant daran arbeitet, den sehnsüchtig herbeigesehnten Literaturnobelpreis zu bekommen. Den ihm das Stockholmer Nobelkomitee 1929 dann ja auch völlig zu Recht verleiht.

Soweit zum Wie des Buches. Nun aber zum Was. Unser Stichwort war „Monster AG“. Das ist ein überaus schroffes Wort. Doch wie soll man das Leben von hochgradig egozentrischen Menschen anders nennen, die trotz extremer innerer Spannungen äußerlich als Familie zusammenhalten wie Pech und Schwefel? Drogensüchtig waren, mit Ausnahme der Mutter, zeitweise wohl alle. Erika und Klaus, die beiden Ältesten und von ihrem Auserwähltsein als Wunderkinder tief Überzeugten, konnten ohne auch schwerste Drogen wie Morphium und Heroin überhaupt nicht leben. Klaus ging selbstmörderisch daran zugrunde und auch Michael, der Jüngste (er war fest davon überzeugt, ein begnadeter Geiger zu sein), starb von eigener Hand. Golos schriftstellerisch bedeutendes Lebenswerk wäre ohne pharmazeutische Hilfsmittel wohl nicht möglich gewesen, und auch der pater familias brachte sich immer wieder mit Tabletten in Schwung.

Von den stets reich fließenden väterlichen Einnahmen lebten dauerhaft alle Kinder bis zum Ende ihrer Tage. Die schamlose Selbstgerechtigkeit, mit der vor allem Klaus und Michael in fast jedem ihrer Briefe die Mutter um Geld angingen, ist eine Lehrstunde in Perfidie. Nicht bloß jede schwäbische Hausfrau wird fassungslos registrieren, dass Katia Mann so gut wie immer hilft. Doch mehr als das: Ohne die Tatkraft dieser erstaunlichen Frau wäre das schriftstellerische Lebenswerk ihres Mannes nicht möglich gewesen. Sie hielt ihm zeitlebens den Rücken frei. Doch auch für Katia gilt: Ob zunächst in ihrer deutschen Heimat und dann in der von den Nationalsozialisten erzwungenen Emigration, für die Manns waren andere ausschließlich dafür bestimmt, ihnen, sei es ideell, sei es besser noch materiell, nützlich zu sein.

Beispiele dafür liefert Tilmann Lahme, wenn nicht auf jeder Seite, dann doch in Hülle und Fülle. Die Direktheit, mit der Thomas Mann sich von seiner amerikanischen Mäzenin Agnes Meyer (ohne die er niemals bedeutende Kontakte bis hinauf ins Weiße Haus bekommen hätte), brieflich einen kostbaren Ring wünscht, treibt vermutlich nur demjenigen nicht die Schamröte ins Gesicht, der selbst zur Spezies derer gehört, für die das Beste der Anderen gerade gut genug ist. Monströs ist mithin, was Tilmann Lahme aus bislang unbekannten Briefen, Tagebüchern und Notizen entnommen und auf gut vierhundert Seiten schlüssig und gut lesbar vor uns ausbreitet. Was wir jedoch vermissen, ist eine Position Lahmes zu all den zusammengetragenen Monstrositäten. Wie er darüber denkt, ob er ein Urteil darüber gefällt hat, wissen wir darum nicht. Dabei ist doch die Frage zu stellen, was – außer Ruhm, Macht und Geltungssucht – die Manns antrieb. Oder, weil schließlich alles von Thomas Mann ausging, welcher Natur die urgründliche Triebkraft gewesen ist, die sein bedeutendes Werk überhaupt erst ermöglicht hat.

Eine schaurige Antwort darauf findet sich in der oben bereits erwähnten Biographie von Peter de Mendelssohn. Unter der Überschrift „Die Vision im Steinsaal“ überliefert uns de Mendelssohn nämlich, dass Thomas Mann bei einem Romaufenthalt im April 1953 dem Maler Fabius von Gugel, offensichtlich angeregt durch dessen phantastische Illustrationen zum Aschenputtel-Märchen der Brüder Grimm, von einer Vision Kunde gab, die „er als junger Mensch einmal gehabt habe“.

Was Thomas Mann meinte, war eine Teufelsvision, die ihm im Jahre 1897 im italienischen Palestrina widerfahren war. Was dort geschah, hat Jahrzehnte später im Roman „Doktor Faustus“ in seitenlanger Ausführlichkeit Eingang gefunden. Der Tonsetzer Adrian Leverkühn, der genialische Held des Romans, verdankt sein avantgardistisches Schöpfertum bekanntlich einem Teufelspakt. Als Gegenleistung wurde von Luzifer, wie üblich, die Übergabe der Seele im Moment des Todes verlangt. Zu Lebzeiten war Leverkühn alles erlaubt. Einzige Ausnahme: er durfte nicht lieben. Was Thomas Mann, nimmt man seine Homosexualität als libidinösen Maßstab, getreulich befolgt hat. Doch nicht erst im „Doktor Faustus“, bereits auch im Romanerstling „Buddenbrooks“, den Thomas Mann während seines Palestrina-Aufenthalts um 1897 herum zu schreiben begann, finden sich Spuren des seelenverschleudernden Paktes in der, wie de Mendelssohn es nennt, „charakteristischen, leitmotivischen Eigentümlichkeit (die) dem Hypochonder Christian Buddenbrook zugeteilt ist“. Gemeint ist „Das Trugbild eines Mannes, der in der Dämmerung auf einem Sofa saß und ihm zunickte“.

Exegeten haben oft genug darauf hingewiesen, dass zumindest in Thomas Manns Hauptwerken etwas im strengen Sinne Erfundenes nicht existiert. Alles Wesentliche hat er dem eigenen Leben und dem seiner Nächsten abgelauscht. Folgt man dem Bericht de Mendelssohns, dann gehört auch die Teufelsvision dazu. Ob auch der satanische Pakt realiter stattfand oder ein reines Phantasieprodukt ist, darüber schwieg sich Thomas Mann gegenüber Fabius von Gugel aus. Die einzig mögliche Quelle, darüber mehr zu erfahren, wären Manns Tagebücher. Bekanntlich hat er sich an diesem Ort gnadenlos selbst offenbart. Doch die Tagebücher der frühen Jahre hat Thomas Mann in den zwanziger Jahren vernichtet. Ist ein Schelm, der sich den entsprechenden Reim darauf macht?

„Weistu was, so schweig“, so lässt Thomas Mann in „Doktor Faustus“ jenen Herrn der Fliegen beginnen, der Adrian Leverkühn in Italien, im „Halblicht“, umgeben von einer eisigen Aura, „eher spillerig von Figur“, „käsig im Gesicht, mit etwas schief abgebogener Nasenspitze“ und mit „der Artikulation eines Schauspielers“ ansprach und mit dem Leverkühn schlussendlich handelseinig werden sollte. „Weistu was, so schweig“ – exakt daran hat sich der hübsche Patriziersohn lebenslang gehalten.

Tilmann Lahme: Die Manns. Geschichte einer Familie. Biographie. 480 Seiten, ISBN: 978-3-10-043209-4, EUR 24,99