Weihnachten wird weiterhin in der Krippe entschieden

Das Fest der Liebe steht vor der Tür. Für viele Deutsche tritt Konsumstress an die Stelle von Besinnlichkeit. Was für eine schöne Bescherung. Von Burkhardt Gorissen

Erst Konsum, dann Weihnachten. Foto: dpa
Erst Konsum, dann Weihnachten. Foto: dpa

Komaschenken ist angesagt. Schließlich verkünden Konsumrauschgoldengel allerorten neue Trends und offerieren „glamouröse Outfits für Weihnachten und Silvester“. „Verschenken Sie Lifestyle und Leichtigkeit“, schallt es uns aus quietschbunten Werbeanzeigen entgegen. Eine Nobelmarke öffnet den „Geschenkeguide“. Wenn da nur nicht das Geld ausgeht. Keine Angst. Für Weihnachtsgeschenke wollen die Deutschen in diesem Jahr trotz Euro-Krise und Wirtschaftsflaute mehr Geld ausgeben, teilt die Beratungsgesellschaft Ernst & Young nach einer repräsentativen Befragung mit. Nur keine falsche Bescheidenheit. Maßhalten war gestern. Wir sind furchtbar vornehm geworden. Ein Wollpullover ist weit unter unserem Anspruch. Es muss schon Kaschmir sein, und damit es nach mehr klingt, heißt es in der Werbung: Cashmere. Nobel geht die Welt zugrunde. Bei der Gratwanderung zwischen Wohlstand und Verschwendungssucht haben wir uns für den dritten Weg entschieden. Wir nehmen noch die Dekadenz hinzu. Genug ist nicht genug. Wir wollen alles: Luxus bis zum Abwinken. Selbst das wird nicht reichen. Je mehr wir besitzen, desto größer wird unsere Gier. Wer hat, will haben. Die schöne neue Welt und das Mehr. Das Beste ist uns gerade gut genug. Alles in allem, wir genusssüchtigen Edelmenschen sind gnadenlos versnobt.

Überall ziehen am Himmel die dunklen Wolken einer Weltwirtschaftskrise auf, wir kleben Werbeplakate darüber. Die Mammon-Maschine will am Laufen gehalten werden. Zur Not schneit es Kredite – meistens schmelzen die im Kaufrausch wie Schnee dahin. Egal. Im Geschenkekrieg will man nicht unterliegen. Eine Bank wirbt mit „kleinen Zinsen für große Wünsche“. Das passt. Könnte das nicht irgendwelche Proteste in Athen nach sich ziehen? Ein Blick ins Internet beruhigt. Selbst bei Weihnachten gibt es Aufschub. Denn: Bedeutungsvoller als Weihnachten ist für die Griechen der Jahreswechsel, die Familie trifft sich am Abend des 31. Dezembers zu einem Festessen, bei dem auch der traditionelle Neujahrskuchen serviert wird. Wer das in den Kuchen eingebackene Geldstück findet, soll im kommenden Jahr besonders viel Glück haben. Merkel, übernehmen Sie! Das wird der EU-Rettungsschirm wohl doch noch irgendwie hergeben. Wir haben uns mit weit gewichtigeren Fragen auseinanderzusetzen: Ein Elektronikmarkt läutet das Geschenkefinale ein. Und nun wird es wirklich ernst, für den 21.12. ist der Weltuntergang angesagt, höchste Zeit, zuzuschlagen. Am besten schenken wir zweimal. Vor dem Weltuntergang und danach. Ein ganz neues Weihnachtsgefühl. Wer die Krippe unter dem Weihnachtsbaum durch Mammon ersetzt hat, hört nicht mehr die Glocken läuten, sondern die Kassen klingeln.

Auch wenn der Maya-Kalender inzwischen revidiert, und der Weltuntergang einstweilen verschoben ist, die Konsumgüterindustrie will positive Bilanzen aufweisen, und wir brauchen zum dritten Laptop die Großleinwand und Digitalkamera-Finder. Um weiterhin ausreichend bespaßt zu werden, lässt sich prima das gute alte Kinderlied umdichten: „Eine Muh, eine Mäh, eine Täterätätä...“, in: „Eine Wii, eine Bluray... ein MP 3...“. Gut, das sprengt zwar das Versmaß, aber geht als Weihnachts-Rap durch. Dazu lässt sich wunderbar mit selbstleuchtenden Knicklichtern winken. Und den Weihnachts-Rap bringt uns eine Gruppe namens Metallic Girls: „Auf dem Tannenbaum/ da hängen jetzt, Weihnachtskugeln,/ keine einzige verletzt./ Wir sorgen gut darauf,/ dass beim tollen Kugelkauf,/ wir nicht viele besorgen sollen,/ sondern lieber Schneeballkugeln rollen“. Das schmerzt, aber das ist beim Rap so. In Zeiten wie diesen muss man den Revolutionssatz aus Schillers Don Carlos: „Sire, gewähren Sie Gedankenfreiheit“ neu interpretieren. Die Freiheit haben wir ja nun, jetzt wäre chic, wenn auch noch ein paar Gedanken dazukämen. Geist ist geil, wäre die gewagte Antwort auf die Welt des sinnfreien Konsumierens. Im Turbokapitalismus gelten alle möglichen Perversionen als normal, Verzicht üben und Demut bezeugen gelten hingegen fast als sündhaft. Die Geschenke stapeln sich, aber irgendetwas fehlt uns. Trotz unseres materiellen Wohlstandes verspüren wir eine substanzlose Leere. Doch Rettung naht: „Oh du köstliche“, ruft uns der Prospekt einer Lebensmittelkette fröhlich entgegen. Genießer, die wir sind, schlemmen wir vom Feinsten. Die politische Parole „Mehr Demokratie wagen“, mündete in dem Anrecht, Kaviar und Champagner für alle.

Mit welchem Recht erwarten wir eigentlich, dass uns die gebratenen Tauben in den Mund fliegen? Und, als reiche das noch nicht, dass sie uns auch noch vorgekaut werden. Und, bitteschön, in kleinen Happen, schließlich möchten wir unseren Magen nicht so sehr belasten und auf die Linie achten wollen wir auch. Wir bemerken nicht, dass wir die Linie längst überschritten haben. Nicht die zwischen geistiger Magersucht und geistlosem Übergewicht, sondern die der Gerechtigkeit, denn die rangiert in unserem egoistischen Denken längst unter ferner liefen. Schlechtes Gewissen? Wieso denn? Der moralische Zeigefinger ist etwas für Spaßbremsen. Doch die harte Wahrheit lässt sich nicht durch euphemistische Werbeslogans verschleiern: Nach Schätzungen der UNO arbeiten weltweit rund 250 Millionen Kinder unter Bedingungen, die ihrer Entwicklung schaden. In Indien leben 35% der Bevölkerung von weniger als 1 US-Dollar pro Tag, 12% der Kinder verrichtet Kinderarbeit. In China produzieren Kinder unter miserabelsten Bedingungen Weihnachtsschmuck und künstliche Blumen. Bei der Herstellung von Feuerwerkskörpern werden etliche Kinder verletzt, zum Teil tödlich. In den armen Gegenden des aufstrebenden Reichs der Mitte entführen Menschenhändler Kinder, um sie an Ziegeleien oder Kohlegruben zu verkaufen, dort müssen Kinder von 5 Uhr morgens bis 12 Uhr nachts arbeiten.

„Weihnachten wird unterm Baum entschieden“, wirbt eine Elektrohandelskette marktschreierisch. Kritik an dem Slogan war vor allem seitens der Kirchen laut geworden. Im Internet haben sich via Facebook viele Menschen an der Protestaktion „Weihnachten wird in der Krippe entschieden!“ beteiligt. Stimmt! Weihnachten, das war einmal ganz anders gemeint – und ist es immer noch. Da gibt es eine Geschichte, die den meisten Mammonanbeter vielleicht nicht mehr so ganz präsent ist. Vor 2 000 Jahren bewies Gott seine unendliche Liebe, als er Mensch geworden ist. Papst Benedikt XVI. hat beim Angelusgebet am 2. Adventssonntag darauf hingewiesen: „In unserer Konsumgesellschaft, die uns dazu verleitet, unser Glück in den Dingen zu suchen, lehrt uns Johannes der Täufer, uns auf das Wesentliche zu beschränken, damit Weihnachten nicht nur eine oberflächliche Feier werde, sondern das Fest des Gottessohns, der gekommen ist, um den Menschen Frieden, Leben und wahre Freude zu bringen.“

Vielleicht schenken wir zu Weihnachten einmal etwas, das nichts kostet und trotzdem ungleich kostbarer ist, als alle materiellen Präsente es je sein können: Liebe.