Was man nicht sagen kann, kann man schreiben

Gibt es Wahrheit und wie lässt sie sich erkennen? Zum 60. Geburtstag der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. Von Gerhild Heyder

Sie spricht vom Verlust der menschlichen Würde: Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. Foto: dpa
Sie spricht vom Verlust der menschlichen Würde: Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. Foto: dpa

„Hast Du ein Taschentuch, fragte die Mutter jeden Morgen am Haustor, bevor ich auf die Straße ging. Ich hatte keines. Und weil ich keines hatte, ging ich noch mal ins Zimmer zurück und nahm mir ein Taschentuch. Ich hatte jeden Morgen keines, weil ich jeden Morgen auf die Frage wartete. Das Taschentuch war der Beweis, dass die Mutter mich am Morgen behütet.“

Mit diesen Sätzen beginnt Herta Müller im Dezember 2009 im Stockholmer Börsenhaus ihre Nobel-Lecture anlässlich der Verleihung des Literaturnobelpreises.

Es war ein langer, steiniger und qualvoller Weg vom deutschsprachigen Nitzkydorf im rumänischen Banat bis nach Stockholm, wo die Schriftstellerin am 10. Dezember 2009 den Literaturnobelpreis aus der Hand des schwedischen Königs Carl Gustaf entgegennehmen darf. Dass die schmale zierliche Frau mit dem überbordenden Temperament und den offenen klaren Augen, die jedem Gegenüber auf den Grund der Seele zu blicken scheinen, diesen Weg überhaupt zu gehen vermochte, ohne am Leben zu verzweifeln, verdankt sie nicht nur ihrem unbändigen Lebenswillen und ihrer gewaltigen Sprachkunst. Kleinste Alltagsgegenstände wie das Taschentuch sind es, die in existenziellen Momenten zum Überleben drängen. Eindrücklich dokumentiert Herta Müller dies in ihrer Rede, in der sie an die Unterdrückung des Einzelnen in der kommunistischen Diktatur erinnert. Sie spricht vom Verlust der menschlichen Würde und damit der Selbstverständlichkeit der Existenz, dem verletzlichsten Eigentum, dessen man in jeder Diktatur zuerst beraubt wird und das in alltäglichsten Dingen – eben einem Taschentuch – seinen symbolischen Ort findet. Ein Taschentuch ist vielseitig einsetzbar. Als die junge Frau, die erst am Gymnasium mit 15 Jahren die rumänische Sprache erlernte, nach ihrem Studium der Germanistik und Rumänischer Literatur Übersetzerin in einer Maschinenbau-Fabrik in Temeswar, sich weigert, mit dem rumänischen Geheimdienst Ceausescus zusammenzuarbeiten und ihr Büro nicht mehr betreten darf, breitet sie ihr Taschentuch auf der Treppenstufe aus und nimmt mit ihren Wörterbüchern Platz, tapfer weiter ihrer Arbeit nachgehend, um keinen objektiven Vorwand für eine Entlassung zu liefern. „Ich war ein Treppenwitz und mein Büro ein Taschentuch.“ Bis zu ihrer Entlassung verbringt sie Wochen dort. Und lernt auf dieser Fabriktreppe, „wo ich mit mir selbst mehr ausmachen musste, als man sagen konnte“, dass man dem erzwungenen Schweigen mit Schreiben entfliehen kann, dass sich unerträglichen Situationen nur auf diese Weise begegnen lässt. „Das Geschehen war im Reden nicht mehr zu artikulieren.“ In Temeswar schließt sie sich dem aus der „Aktionsgruppe Banat“ um die Schriftsteller Richard Wagner, Ernest Wichner, Rolf Bossert und anderen entstandenen Literaturkreis „Schriftstellervereinigung Adam Müller-Guttenbrunn“ an.

Die fortwährende Verfolgung durch den rumänischen Geheimdienst Securitate zwingt Herta Müller und ihren damaligen Ehemann Richard Wagner 1987 zur Ausreise nach Deutschland. Doch ein Entkommen gibt es nicht, nicht vor der Securitate, deren Arm weit über die Grenzen hinausreicht und nicht vor der eigenen Geschichte, den erlittenen Beschädigungen, die den so Gezeichneten ihr Schicksal vorgeben. Herta Müller wird sich Zeit ihres Lebens mit diesem Teil ihrer Vergangenheit, der zur sie immer wieder einholenden Gegenwart geworden ist, auseinandersetzen. Sie tut es in all ihren Büchern, in ihren kunstvollen Gedicht-Collagen, im persönlichen Gespräch, in ihrem unermüdlichen Engagement für verfolgte Künstler auf der ganzen Welt, zuletzt für den chinesischen Dissidenten Liao Yiwu.

Dass in den letzten Jahren immer neue Enthüllungen über in Aktivitäten der Securitate verstrickte damalige Freunde und Mitstreiter ans Licht der Öffentlichkeit gelangen, fordert nicht nur öffentliche Stellungnahme. Wie geht man damit um, dass engste Freunde verraten und betrogen haben? Wem kann man noch vertrauen? Wo trügt die Selbstwahrnehmung und die Erinnerung? Darf man, muss man richten? Gibt es so etwas wie Wahrheit und wie kann man sie erkennen?

Vom ersten Roman „Der Fuchs war damals schon der Jäger“ (1992) über „Herztier“ (1994) und „Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet“ (1997) bis zu „Atemschaukel“ (2009) kreist die Schriftstellerin um ihr Lebensthema: die grausame und menschenverachtende Verfolgung und Unterdrückung des Individuums in der Diktatur. Sie beschreibt eine Gesellschaft, in der auch die intimsten Beziehungen von Argwohn und Verrat vergiftet werden. Dass man diese zutiefst erschütternden und verstörenden Texte überhaupt lesen kann, dass man sich freiwillig dem aussetzt, was Menschen ihren Mitmenschen antun können, das erreicht Herta Müller mit ihrer wort- und bildmächtigen Sprache, die so atemberaubend schön ist und fremdartig vertraut anmutet. Kaum ein Leser kann sich dem strudelnden Sog der Worte und Bilder entziehen, wenn er sich einmal auf den Weg in Herta Müllers Sprachkosmos begeben hat; mitten ins Herz treffen ihre Worte, und der Körper reagiert schneller als der Verstand auf die für den im demokratischen Frieden Aufgewachsenen unfassbaren Geschehnisse.

Zum Meisterwerk gerät ihr Roman „Atemschaukel“, der sich mit der Deportation der Rumäniendeutschen zwischen 17 und 45 Jahren in sowjetische Arbeitslager nach dem Ende des 2. Weltkriegs – stellvertretend für alle Deutschen, derer man nicht habhaft werden konnte – befasst, für den ihr völlig zu Recht der Literaturnobelpreis zugesprochen wurde. Geplant und begonnen mit ihrem langjährigen Freund und Wegbegleiter, dem Lyriker Oskar Pastior, dessen eigene Deportation in ein sowjetisches Arbeitslager als 17-jähriger junger Rumäniendeutscher hier einfließt, muss sie den Roman nach dem plötzlichen Tod Pastiors 2006 alleine schreiben. Sie tut es grandios, obwohl diese selbstgestellte Aufgabe sie ganz sicher mehr als einmal an den Rand ihrer Kräfte gebracht hat – auch ihre Mutter gehörte zu den ins Lager verschleppten Rumäniendeutschen, auch ihre persönliche Geschichte entreißt Herta Müller mit „Atemschaukel“ dem Vergessen. Kaum zu ertragen ist das Buch, tief gräbt es sich unter die Haut, nie wieder vergisst man den „Hungerengel“, jeder Bissen bleibt im Halse stecken. Fast geniert man sich dafür, am Leben zu sein und zu Essen zu haben.

Auch Oskar Pastior wird posthum vorgeworfen, zwischen 1961 und 1968 (bis zu seiner Flucht in den Westen) inoffizieller Mitarbeiter der Securitate gewesen zu sein, nachdem er zuvor jahrelang selber überwacht wurde.

An der bedrückenden Realität seines Lebens und dem aller Opfer von Diktaturen ändert das nichts. Schriftstellern wie Herta Müller ist es gegeben, die Gräueltaten vor dem Vergessen zu bewahren, in der eindringlichen Weise, wie es nur jemand vermag, der in sich eigenes Erleben mit begnadeter Erzählkraft vereint. Und dann kann die Literatur tatsächlich etwas bewirken in ihren Lesern:

„Literatur spricht mit jedem Menschen einzeln – sie ist Privateigentum, das im Kopf bleibt. Nichts sonst spricht so eindringlich mit uns selbst wie ein Buch. Und erwartet nichts dafür, außer dass wir denken und fühlen.“

Heute wird Herta Müller 60 Jahre alt.