Vor dem Bildungsgipfel

In Ganztagsschulen müssen auch Werte vermittelt werden

Welche Schulform hat Zukunft? Können es sich die Deutschen leisten, ihre Kinder nur vormittags lernen zu lassen? Wird der von der Bundesregierung forcierte Ausbau der Ganztagsschulen fortgesetzt? Fragen, die gewiss Thema sind auf der „Bildungsreise“ quer durch Deutschland, auf die sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ab Donnerstag begibt. Die Tour mündet im Nationalen Bildungsgipfel, zu dem die Kanzlerin Vertreter von Bund und Ländern am 22. Oktober nach Dresden eingeladen hat.

Was dort konkreter inhaltlicher Schwerpunkt sein wird, ist noch vage. Die SPD fordert jedoch bereits, das Thema Ganztagsschulen ins Zentrum zu rücken. Die Botschaft müsse sein: „Ganztagsschulen sind sinnvoll und notwendig“, so die Vorsitzende des Bundestagsbildungsausschusses, Ulla Burchardt (SPD). Hintergrund ist nicht zuletzt die Tatsache, dass das Programm des Bundes für den Ausbau von Ganztagsschulen im Gesamtumfang von vier Milliarden Euro nach 2009 ausläuft. Nach der Föderalismusreform lässt die Verfassung eine neue Investition des Bundes in diesem Bereich nicht mehr zu.

Die katholische Jugendsozialarbeit indes sieht den Ausbau der Ganztagsschulen ambivalent. Der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholischer Jugendsozialarbeit (BAG KJS), Pater Franz-Ulrich Otto, warnt: „Die Möglichkeiten und Gelegenheiten, jungen Menschen Werte zu vermitteln, kommen zu kurz, wenn die Ganztagsschulen auf ein rein wertneutrales Angebot setzen.“ Derzeit gestalten rund zwei Drittel der Schulen den Ganztagsbetrieb zusammen mit externen Partnern wie etwa Sportvereinen und Musikschulen. Aber nur knapp sechs Prozent der außerschulischen Partner seien konfessionell ausgerichtet, so Otto. Der Salesianer-Pater betont die positiven Auswirkungen der kirchlichen Jugendsozialarbeit, bei der keineswegs katechetische Religionsvermittlung im Vordergrund stehe. Es gehe in den meisten Projekten vielmehr darum, den Jugendlichen niederschwellige Angebote zu machen, ihnen die Gelegenheit zu geben, innerhalb der Schule mit sozialpädagogischen Fachkräften, die ganz klar außerhalb des eigentlichen Schulsystems stehen, über Probleme zu reden. Häufig, so die Erfahrung, wirkten die Jugendsozialarbeiter quasi wie Katalysatoren und könnten zwischen Schülern, Lehrern und Eltern vermitteln.

„Die Schule allein ist oft mit den sozialen Situationen, die sie vorfindet, überfordert“, sagt der profilierte Jugendsozial-Experte Otto. Auffälligkeiten haben zugenommen. Für Ganztagsschulen sei dies eine ganz besondere Herausforderung. „Um die Probleme in den Griff zu bekommen, müssen Elternhaus, Schule und Jugendhilfe eng zusammenarbeiten.“ Die Bundesarbeitsgemeinschaft fordert daher die flächendeckende Einführung der Schulsozialarbeit. Ferner plädiert Otto dafür, bei neuen Ganztagsschulkonzepten die Einbindung freier, außerschulischer Träger, vor allem auch Werte vermittelnder, festzuschreiben.

Das hieße allerdings, mit dem Neutralitätsgebot der Schulen brechen. Doch Otto ist mit Blick auf die Bundesländer optimistisch: „Manchem Kultusminister ist die strikte Wertneutralität inzwischen zu extrem. Denn man hat erkannt, dass die Problemjugendlichen einfach überhaupt keine Werte mehr haben.“ Das sei vor zehn Jahren noch nicht so aktuell gewesen wie heute. „Die Gesellschaft überlegt wieder stärker, wie Werte wieder entwickelt werden können – und das sehe ich als Chance“, so Otto. „Kinder und Jugendliche haben ein Recht, in aller Freiheit verschiedene Wertsysteme kennenzulernen.“