Von bösen Ungeheuern

Philipp Blom stellt sein neues Buch vor: Über einen Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung. Von Katrin Krips-Schmidt

Der französische Enzyklopädist Denis Diderot, Atheist und Aufklärer. Foto: IN
Der französische Enzyklopädist Denis Diderot, Atheist und Aufklärer. Foto: IN

Und wieder einmal: Aufklärung contra religiöse Unvernunft. Nicht zum ersten und gewiss nicht zum letzten Mal geschieht es, dass auf einer literarischen Veranstaltung der Kirche der Prozess gemacht wird, auch wenn es bei dieser Podiumsdiskussion schon fast nur noch en passant passiert. Und am „Erbe der Aufklärung“ – Toleranz, Gleichberechtigung der Geschlechter, Zurückdrängen der Religion und anderes mehr – wird hier im großen Vortragssaal der Museen Dahlem in Berlin schon gar nicht gerüttelt.

Das Dahlemer Autorenforum hatte den in Wien lebenden Autor Philipp Blom zu einem Gespräch über sein neuestes Werk „Böse Philosophen“ eingeladen, dem er selbst eine „nicht sehr fromme Stoßrichtung“ bescheinigt. Man glaubt es ihm sofort, dem hochgewachsenen smarten Historiker und Journalisten.

Der erste Teil des Abends bringt tatsächlich dort Erleuchtung, wo es um die Erhellung der Motivation des in Hamburg geborenen Schriftstellers geht. Routiniert eloquent legt er dar, weshalb es ihm in Fortführung seines im Jahre 2005 erschienenen Bandes „Das vernünftige Ungeheuer“ – in dem es schon einmal um das Projekt der „Encyclopédie“ ging – wichtig war, zwei Protagonisten der Pariser Salonkultur des 18. Jahrhunderts dem Vergessen zu entreißen und sie auf besondere Weise zu würdigen: Denis Diderot und Paul Thiry d'Holbach. Im Gegensatz zu Rousseau und Voltaire, die als die großen Philosophen der Aufklärung in die Ideengeschichte eingingen, werden die beiden anderen im kulturhistorischen Kontext nur selten erwähnt, obwohl doch wesentliche Aspekte aufklärerischer Positionen von ihnen stammen.

Die Vernunft stört nur die Lust des Körpers

Die unterschiedliche Wertschätzung lässt sich bereits an der Tatsache ablesen, dass Rousseau und Voltaire ihre letzte Ruhestätte im Panthéon gefunden haben, während Diderot und Holbach in einem Ossuarium unter dem Altar in der Eglise Saint Roc unweit des Louvre bestattet sind – laut Blom auch noch verleugnet vom derzeitigen Pfarrer der Gemeinde („Ach wissen Sie, man weiß gar nicht so genau, ob die da wirklich liegen“), was wohl unter anderem auf die beiden Entheiligungen der Grabstätten – einmal ausgerechnet durch den Mob während der Französischen Revolution – zurückzuführen ist.

Und so berichtet Blom von Holbach, wie er mit fünf Jahren als Sohn eines Winzers von seinem Onkel, einem Baron, adoptiert wurde, dann als junger Mann in Leiden studierte – einer sehr weltoffenen Universitätsstadt. Er erzählt von der Busenfreundschaft zwischen Diderot und Rousseau, die einst durch ähnliche Lebensschicksale miteinander verbunden waren – beide liefen mit 15 Jahren ihren strengen Vätern davon, beide suchten sie Antworten auf ihre Fragen, die nicht zuletzt auch religiöser Natur waren. Die drei Männer treffen sich in Paris, der überzeugte Materialist und Atheist Holbach möchte dort seine Erfahrungen aus Leiden wiederbeleben. Er gründet in seinem Haus selbst einen Kreis, in dem diskutiert wird. Diderot, ein ausgezeichneter Redner und die treibende Kraft in diesem Salon, radikalisiert sich intellektuell im Laufe der Zeit immer mehr. Von einem gemäßigten Deisten wandelt er sich zu einem radikalen Atheisten. Rousseau findet eine gänzlich andere Antwort auf seine religiöse Frage, nämlich die „universale Religion“ einschließlich des Glaubens an eine kommende Welt, was die beiden Freunde letztlich entzweit: Es kommt zum großen Bruch zwischen ihm und Diderot, der zwar glauben will, es aber nicht kann. Blom hat sich während der Arbeit an seinem ersten Werk über die Encyclopédie in Diderot „verliebt“, wie er sagt. Diderot und auch Holbach repräsentieren für ihn nicht die Aufklärung, wie wir sie heute als eine die Rationalisierung des Menschen fordernde Geisteshaltung kennen, bei der im Grunde der Körper als lustempfindendes, und die Vernunft irritierendes Element nur stört.

Metaphysische Anteile im aufgeklärten Denken

Die beiden Salonphilosophen hingegen betrachten den Menschen als Kreaturen, die in erster Linie von der Lust angetrieben werden, weshalb in ihrem Konzept einer radikalen Aufklärung das Leiden an sich konsequenterweise keinen Sinn hat: an dieser Stelle wird die Aufklärung a la Diderot und Holbach dezidiert antichristlich. Im Endeffekt geht es bei ihnen darum, anderen Menschen und sich selbst möglichst viel Freude zu bereiten, und dabei kann – ihrer Ansicht nach – die Vernunft behilflich sein. Ein Denkmodell, das der Lehre des griechischen Philosophen Epikur recht nahekommt.

Die Frage des Moderators, weshalb sich während der Epoche der Aufklärung auch Theologen zu Atheisten entwickeln, bleibt weitgehend unbeantwortet. Blom stellt zwar fest, dass der Beruf eines Abbés in Frankreich diesem zwar die Möglichkeit gab, zu studieren, ohne auf ein festes Einkommen zu verzichten, was gleichzeitig aber keine Garantie auf Glaubenstreue des von der Kirche Alimentierten bot. Dennoch weist der mitdiskutierende Philosoph Holm Tetens auf die Komplexität der Fragestellung hin, weshalb es da auch keine eindeutige Antwort gebe. Wohl aber auf die Frage: „Was bedeutet Aufklärung für uns heute?“ Für einen entschiedenen Christen fällt diese freilich ganz anders aus, als sie nun vom Podium herab verkündet wird. Natürlich, so wird eingeräumt, könne darunter nicht mehr der Kampf gegen die Religion verstanden werden. Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts habe indes alles Recht ihrer Zeit gehabt, sich gegen die Kirche zu wenden. Heute gehe es jedoch darum, eine neue Art von Religiosität zu bekämpfen: Das „Projekt der Aufklärung“ müsse sich einer kritischen Auseinandersetzung mit der Wissenschaftsgläubigkeit unserer Tage widmen. Blom fordert, uns jeglichen theologischen Denkens überhaupt zu entkleiden, um nur noch auf einer rein menschlichen Ebene zu sprechen, damit man – gemäß den Vorstellungen seiner Vorbilder Diderot und Holbach – die totale Erfüllung des eigenen Glückspotenzials finde.

Als der Autor eine provokativ-spöttische Passage Diderots, die sich gegen den katholischen Glauben richtet, aus den „Bösen Philosophen“ vorliest, kommt es an diesem Abend zum ersten und einzigen Male zu einem, bisher höflich unterdrückten, Dissens: Der an der Freien Universität Berlin lehrende Professor für Wissenschaftsphilosophie Tetens kontert: „Wenn alle so denken würden wie Diderot und Holbach, dann wäre das genau so ein Horrorszenario, als wenn die ganze Welt unter der Knute der Kirche stünde.“ Solche Worte kommen unerwartet. Tetens warnt davor, es sich mit der Kritik an Religion und Kirche zu einfach zu machen, schließlich habe die Geschichte des religiösen Denkens nicht nur Albernheiten hervorgebracht. Zudem macht er darauf aufmerksam, dass Diderot und Holbach die Raffinesse der Argumente und das intellektuelle Potenzial der Gegenseite unterschätzt hätten. Und dass ihrem eigenen „aufgeklärten“ Denken dennoch metaphysische Anteile anhafteten, was ihnen aber nicht bewusst gewesen sei.