Viele Fragen in Dublin

Die Voraussetzungen vor dem „World Meeting of Families“ in Dublin könnten spannungsreicher kaum sein. Papst Franziskus steht ein komplizierter Besuch auf der „grünen Insel“ bevor

Vor dem Besuch von Papst Franziskus in Irland
Letzte Handgriffe: Arbeiter befestigen die letzten Teile an der Altarbühne im Phoenix Park in Dublin, dem Austragungsort des Internationalen Weltfamilientreffens der Katholischen Kirche 2018. Foto: dpa
Vor dem Besuch von Papst Franziskus in Irland
Letzte Handgriffe: Arbeiter befestigen die letzten Teile an der Altarbühne im Phoenix Park in Dublin, dem Austragungsort... Foto: dpa

Am 21. August begann das Weltfamilientreffen in Dublin mit einem Abendgebet, seit gestern läuft die Konferenz mit zahlreichen Workshops und Panels. Papst Franziskus wird am Samstag in der irischen Hauptstadt erwartet. Der Besuch des Heiligen Vater stößt in Irland auf ein riesiges Interesse der Gläubigen. Die 45 000 Tickets für das Angelusgebet mit dem Papst im Marienwallfahrtsort Knock waren innerhalb weniger Stunden vergriffen. Eine halbe Million Menschen wird zur Freiluftmesse im Phoenix Park am Sonntag erwartet. Auch die einzelnen Veranstaltungen im dreitägigen Konferenzangebot des Familientreffens werden hervorragend besucht sein – ausgebucht sind sie seit langem.

Gastgeber Irland: Kirche und Staat auf Konfrontation

Dennoch wird es für Papst Franziskus kein leichter Besuch auf der grünen Sommerinsel – und das hat mehrere Gründe. Der erste: Kirche und Staat sind in Irland seit dem Abtreibungsreferendum auf Konfrontationskurs. Die irische Regierung droht mit dem Entzug der finanziellen Zuwendungen für katholische Beratungsstellen, wenn sie nicht auch gleichgeschlechtliche Paare beraten. Damit hat sie bereits eine katholische Eheberatungsagentur zum Einlenken gebracht – sie will in Zukunft auch Homosexuellen helfen.

Kürzlich übten mehrere Regierungsmitglieder Kritik an den Ansichten der katholischen Kirche, allen voran der irische Premierminister Leo Varadkar. Auf die Frage, worüber er mit Papst Franziskus sprechen werde, antwortete der homosexuelle Politiker, dass er die Haltung der irischen Regierung und der Gesellschaft übermitteln wolle, „dass Familien in den unterschiedlichsten Formen existieren, und dazu gehören Familien, die von gleichgeschlechtlichen Eltern geführt werden“. Gesundheitsminister Simon Harris meinte unterdessen kämpferisch, dass Religion (also: die Katholische Kirche) nicht länger die Sozial- und Gesundheitspolitik des Landes bestimmen werde. Ein herzliches Willkommen sieht anders aus.

Der zweite Grund: Es gibt innerkirchliche Reibungen in Sachen Ehe- und Familienpastoral. Sie lassen sich an den Differenzen zwischen der Jubiläumsenzyklika „Humanae vitae“ (1968) und dem Nachsynodalen Schreiben „Amoris laetitia“ (2016) festmachen. Zwar nimmt „Amoris laetitia“ durchaus affirmativ auf „Humanae vitae“ Bezug, die Stellung des Gewissens jedoch ist eine andere, eher vergleichbar mit der „Königsteiner Erklärung“ (1968) der deutschen Bischöfe. Viele weitere wichtige Fragen stehen im Raum: Wie ist das Verhältnis von Gewissen und „Glaubenssinn“ zur Dogmatik insgesamt zu bestimmen und zu bewerten? Kann das Kirchenvolk tatsächlich das letzte, entscheidende Wort in der Kirchenlehre sprechen? Verletzt diese „Demokratisierung der Moral“ nicht das Prinzip, dass es in dieser nicht um Mehrheit, sondern um Wahrheit geht? Zugleich: Zeugt das Misstrauen gegenüber dem Gewissen der Gläubigen – nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil nichts anderes als die „Stimme Gottes“ – nicht letztlich von einem Misstrauen gegenüber Gott?

Das Vertrauen der Gläubigen in die Familien- und Ehepastoral der Kirche kann nur zurückgewonnen werden, wenn die Kirche ihrerseits dem Gewissen der Gläubigen vertraut. Zugleich sind diese gefordert, die Lehre der Kirche kennenzulernen, zu durchdenken und als wesentliche Quelle der Gewissensbildung anzuerkennen. Man darf gespannt sein, ob der Heilige Vater in Dublin diese Balance nicht nur wahrt, sondern theologisch stärkt, um die Kirche zu einer einheitlichen Familien- und Ehepastoral zurückzuführen.

Das Programm der drei Konferenztage ist gespickt mit zahlreichen Höhepunkten. Zu den eingeladenen Referenten und Moderatoren gehören etwa der Apostolische Nuntius in Syrien, Kardinal Mario Zenari, der als Hauptredner eines Panels zur Schlüsselrolle der Familie („The family as a Key to Peace in a Turbulent World“) für den Frieden sicher viel Wertvolles beizutragen haben wird und Carl Anderson, der ein anderes Panel zur friedensstiftenden Bedeutung der Familie leitet („The Family as an Agent of Peace in a Turbulent World“). Zweimal Familie, zweimal Frieden, zweimal „turbulente Welt“ – ein Schwerpunkt liegt also auf der Thematik „Familie und Frieden“. Weiterhin wird Kardinal Gualtiero Bassetti, Erzbischof von Perugia erwartet, der in seinem Vortrag zu „Amoris Laetitia“ Stellung nimmt, während Kardinal Vincent Nichols, Erzbischof von Westminster, in seiner Ansprache zu den Anforderungen und Bedingungen der Ehevorbereitung im Lichte des Schreibens eingeht. Um ökonomische Aspekte geht es in dem von Kardinal Peter Turkson, Präfekt des Dikasteriums für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen, geleiteten Panels.

Hilfe für Kinder und verletzliche Erwachsene

Besonderes Augenmerk liegt auch auf dem Thema Missbrauch – nach den Horrornachrichten der letzten Wochen und Monate kann das kaum verwundern. Die Veranstalter werden hier von der Aktualität und Brisanz der Ereignisse überholt: Kardinal Seán O'Malley, Erzbischof von Boston, der als Referent und Leiter des Panels zur Missbrauchsthematik gewonnen wurde, hat seine Teilnahme vor wenigen Tagen abgesagt: Die Diözese benötige seine „persönliche Aufmerksamkeit und Anwesenheit“. Die Veranstaltung auf dem Weltfamilientreffen wird natürlich trotzdem stattfinden. Thema seines Panels ist die Unterstützung von Kindern und verletzlichen Erwachsenen. Auf das mehrheitlich mit Frauen besetzte Podium darf man gespannt sein. Mit großer Spannung erwartet wird auch die Teilnahme von Homosexuellenverbänden und der Auftritt des Jesuitenpaters und Franziskus-Beraters James Martin, der – weit über die Kirche hinaus – dadurch bekannt ist, dass er regelmäßig „Offenheit und Respekt für LGBTQI-Personen und ihre Familien in unseren Pfarren“ einfordert und sich vor einem Jahr an der Seite John Patrick Hornbecks ablichten ließ, nachdem dieser mit Patrick Anthony Bergquist eine Homo-„Ehe“ einging; Hornbeck ist Dekan der Theologischen Fakultät der Jesuitenuniversität Fordham (USA). Sein für den 23. August terminierter Beitrag „Showing Welcome and Respect in our Parishes for ,LGBT‘-People and their Families“ zählt sicher zu den kontroverseren des Treffens.

Für das irische „Lumen fidei Institute“ ist bereits die bloße Beteiligung der LGBTQI-Gruppen Grund genug, eine Gegenveranstaltung zum Weltfamilientreffen zu organisieren: die „Conference of Catholic Families“ (Konferenz katholischer Familien). Die Veranstalter sehen sich als Verteidiger der traditionellen Kirchenlehre und orientieren sich theologisch an „Casti Connubii“ (Papst Pius XI., 1930) und freilich an „Humanae vitae“. Auch für die Gegenveranstaltung sind namhafte Persönlichkeiten als Referenten gewonnen worden: Kardinal Raymond Burke etwa oder auch Bischof Athanasius Schneider. Es wäre voreilig, die beiden Treffen direkt mit den beiden Verlautbarungen zu verbinden und so „Humanae vitae“ gegen „Amoris laetitia“ auszuspielen beziehungsweise umgekehrt. Denn entscheidend ist, dass die Enzyklika „Humanae vitae“ heute schlicht weitgehend unbekannt oder eindeutig negativ besetzt ist. Was fehlt, ist die Kenntnis ihrer positiven Dimension. So stand es im Bericht zur außerordentlichen Bischofssynode (2014). Und an dieser Stelle kann „Amoris laetitia“ abhelfen, weil in dem Apostolischen Schreiben die Enzyklika „Humanae vitae“ an einigen Stellen positiv rezipiert wird, etwa, wenn es heißt, sie habe „das innere Band zwischen der ehelichen Liebe und der Weitergabe des Lebens ins Licht gehoben“ (Nr. 68) oder wenn an die Verbindung von Sex und der Offenheit für das Leben erinnert wird: „Von Anfang an wehrt die Liebe jeden Impuls ab, sich in sich selbst zu verschließen, und öffnet sich einer Fruchtbarkeit, die sie über ihre eigene Existenz hinaus ausdehnt. So kann also kein Geschlechtsakt diese Bedeutung bestreiten“ (Nr. 80). Diese Gedanken, aus „Humanae vitae“ entnommen, gelte es „wiederzuentdecken“, denn sie heben hervor, „dass bei der moralischen Bewertung der Methoden der Geburtenregelung die Würde der Person respektiert werden muss“ (Nr. 82). In diesem Kontext wird bei der Ermutigung, Methoden anzuwenden, die auf den „natürlichen Zeiten der Fruchtbarkeit“ beruhen (Nr. 222), ausdrücklich auf „Humanae vitae“ Bezug genommen.

Familie – ein Begriff im Wandel

Der gesellschaftliche Zusammenhang gerät angesichts von irischen Befindlichkeiten und innerkirchlichen Richtungsstreitigkeiten etwas aus dem Blick. Das Konzept „Familie“ wird seit einem halben Jahrhundert beständig hinterfragt und erweitert. Familie, das war ehedem „Vater, Mutter, Kind“ (oder Kinder), dann kam eine Phase, in der medial bis heute besonders die Alleinerziehenden im Focus standen, danach Formen von Wahlverwandtschaft in der Kommune, schließlich die sogenannte Regenbogenfamilie, in der homosexuelle Paare mit dem Kind (oder den Kindern) eines der Partner leben. So wurden künstlich und vor allem durch die Medien Gräben ausgehoben zwischen der Gesellschaft und der Kirche. Die soziologische Wirklichkeit sieht anders aus. Immer noch stellt die traditionelle Familie (Vater, Mutter, Kind-er) drei Viertel aller Familien, zumindest in Deutschland. Die Soziologen sprechen von der Koexistenz traditioneller und moderner Familien- und Lebensformen. Dennoch scheinen diese Gräben in der Wahrnehmung der Menschen unüberwindlich. Es ist sicher nicht Aufgabe eines Papstes, diese Gräben zuzuschütten. Aber die gesellschaftliche Dynamik und Veränderung müssen auch von der Kirche zur Kenntnis genommen und reflektiert werden – vor der Dogmatik, aber auch vor dem sensus fidei, dem „Glaubenssinn“. Zugleich ist auch die Entstehung von Gegenbewegungen zu beobachten: die Großfamilie, in der drei Generationen unter einem Dach oder zumindest in räumlicher Nähe zusammenleben, so wie es früher schon einmal war. Das spart den Babysitter und später den Nachhilfelehrer, immer öfter auch den Katecheten. „Großeltern sind für eine Familie ein wahrer Schatz. Kümmert euch um eure Großeltern, liebt sie, lasst sie mit euren Kindern sprechen!“, twitterte Papst Franziskus am 26. Juli zum Fest der Heiligen Anna und Joachim.

Rund einen Monat später wird er nun beim Familientreffen in Dublin erwartet. Kein leichter Besuch in dieser „turbulenten Welt“.