Herne

Verstehen und Verwirrung in der Musik

Die Tage Alter Musik in Herne zeigen, wie Kommunikation funktioniert. Wie diese Kommunikation zwischen Musikern und ihren Zuhörern im Laufe der Jahrhunderte ablief, wann sie zum Verstehen und wo sie zur Verwirrung führte, ist das Thema der diesjährigen Tage Alter Musik in Herne, die vom 14. bis zum 17. November stattfinden und wieder zahlreiche renommierte Künstler zu Konzerten und der Musikinstrumenten-Messe in die Stadt führen werden.

Das Konzil von Trient
Das Konzil von Trient setzte Maßstäbe für die Kirchenmusik. Foto: KNA

Musik erklingt nie im luftleeren Raum. Sie lebt davon, dass sie gehört, von einem lebendigen Gegenüber rezipiert wird, jemandem, der bereit ist, die Schwingung aufzunehmen. Insofern ist die Musik aller Jahrhunderte mehr als L'art pour l'art. Auch dann, wenn ihr, wie der Kunst der Fuge von Johann Sebastian Bach oder die Weihnachtsmotette von Josquin Desprez komplexe Kompositionsprinzipien zugrunde liegen. Wie diese Kommunikation zwischen Musikern und ihren Zuhörern im Laufe der Jahrhunderte ablief, wann sie zum Verstehen und wo sie zur Verwirrung führte, ist das Thema der diesjährigen Tage Alter Musik in Herne, die vom 14. bis zum 17. November stattfinden und wieder zahlreiche renommierte Künstler zu Konzerten und der Musikinstrumenten-Messe in die Stadt führen werden. Begleitet wird das von Richard Lorber geleitete Festival wie immer vom Kulturradio WDR 3.

In Zeiten der Verwirrung steht der Wunsch nach klaren Botschaften

Lorber geht es bei seinem diesjährigen Konzept neben dem Thema Kommunikation auch um die Frage, was die Aufgabe der Musik sei und in welcher Form sie diese erfüllen solle. Dabei ist Lorber sich bewusst, dass die Antworten darauf der Mode unterliegen. Denn die diffizile Weihnachtsmotette von Josquin Desprez hat in der geistlichen Musik genauso ihre Berechtigung wie die Forderung des Tridentiner Konzils nach Verständlichkeit der liturgischen Texte und einer einfacheren Musiksprache. Dass die auch in anderen Situationen präferiert wurde, wie beispielsweise während des Dreißigjährigen Krieges, macht deutlich: In Zeiten der Verwirrung steht der Wunsch nach klaren Botschaften, nach Verstehen ganz oben auf der Prioritätenliste der Zuhörer. Dass dies aber keine platte Simplifizierung zur Folge haben muss, zeigt die Reaktion des Komponisten Giovanni Pierluigi da Palestrina auf die Forderung der Konzilsväter. Er schuf für sie eine elaborierte Messkomposition, in der er seinen verehrten Kollegen Josquin Desprez zitierte, deren Text absolut verständlich und deren Struktur eingängig war und sorgte so dafür, dass die Qualitätsstandards der musikbezogenen Verkündigung gewahrt blieben. Für heutige Kirchenmusiker ist dies eine wichtige Botschaft. Denn die Menschen dort abzuholen, wo sie sind, bedeutet nicht, bei ihnen einzuziehen, sondern vielmehr, sie herauszufordern und zur klingenden Antwort auf die Botschaft des Glaubens zu befähigen. Tatsächlich werden die zehn Konzerte der Tage Alter Musik in Herne deutlich machen, dass die musikalische Kommunikation in einer Pendelbewegung verläuft. Phasen komplexer und vielschichtiger Kompositionen, wie sie etwa durch Bachs Kunst der Fuge repräsentiert werden, wechseln mit solchen ab, in denen schlichtere und melodiösere Werke auf Resonanz stoßen wie etwa die gefälligen Werke der Mannheimer Schule.

Viele Ensembles gastieren erstmals in Deutschland

Mal steht bei der Rückkehr zur Simplizität die Monodie im Vordergrund, mal gehen Komponisten wie Claude Debussy in die Salons statt auf die Bühne des Konzertsaals, um in der kleinen und vielleicht gerade deshalb konzentrierteren Zuhörergemeinschaft Multiplikatoren für ihre Kunst zu finden. Aber auch der gegenteilige Effekt – opulente Stücke als Reaktion auf zu viel Einfachheit – wird bei den Tagen Alter Musik in Herne hörbar gemacht werden. Wer nicht vor Ort dabei sein kann, hat die Möglichkeit, sich die Konzerte in einer der vier Lifeübertragungen oder in den bis Ende Dezember folgenden Konzertsendungen des WDR anzuhören. Die Teilnahme oder das Einschalten lohnen sich, denn viele der in Herne gastierenden Ensembles sind erstmals in Deutschland zu hören. Mit spannenden Neuentdeckungen muss gerechnet werden.

Informationen über das Veranstaltungsprogramm sowie Hinweise für den Kauf von Eintrittskarten gibt es unter www1.wdr.de

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