„Versöhnung ist nur durch Fakten möglich“

Der Bromberger Museumsdirektor Micha³ F. WoŸniak über die schwierige Versöhnung von Polen und Deutschen anlässlich einer Ausstellung zum Kriegsbeginn

Ein Blick in die Ausstellung, im Vordergrund Gasmasken aus dem Zweiten Weltkrieg. Foto: Museum
Ein Blick in die Ausstellung, im Vordergrund Gasmasken aus dem Zweiten Weltkrieg. Foto: Museum

Das Leon-Wyczó³kowski–Museum in Bromberg (poln. Bydgoszcz) gilt als eines der meistbesuchten Museen der polnischen Woiwodschaft Kujawien-Pommern. Es zeigt neben einer Dauerausstellung zur polnischen Malerei regelmäßig Ausstellungen zu Moderner und Neuzeitlicher Kunst, Fotografie und Architektur sowie zu aktuellen gesellschaftlichen und historischen Themen.

Aus Anlass des Beginns des Zweiten Weltkriegs ist dort zurzeit die Ausstellung „Im Schatten des Krieges. Bromberg und seine Einwohner während des Zweiten Weltkriegs“ zu sehen. Stefan Meetschen hat mit Professor Micha³ F. WoŸniak, dem Direktor des Leon-Wyczó³kowski-Museums, über diese Ausstellung gesprochen.

Herr Direktor, bis zum 6. Januar 2015 kann man in Ihrem Museum eine Ausstellung sehen, die vom Krieg, Bromberg und seinen Einwohnern handelt. Wie ist diese Ausstellung konzipiert?

In drei Bereiche, wobei uns zwei Räume zu Verfügung stehen. Im Erdgeschoss kann man Bilder und Dokumente sehen, die unmittelbar mit dem Kriegsbeginn im September 1939 in Zusammenhang stehen. Propagandabilder der Nazibesatzer zeigen die öffentlichen Exekutionen der polnischen Bevölkerung: Priester, Lehrer, Pfadfinder. Dann geht es weiter im Treppenhaus, das hinauf zum dritten Stock führt. Dort sieht man mithilfe von Fotos und einer Multimedia-Präsentation die Fluchtbewegung der polnischen Bevölkerung in den von den Nazis besetzten Gebieten, im sogenannten Generalgouvernement. Man kann sich als Museumsbesucher einfühlen in die Haltung dieser Menschen, die ihr Hab und Gut verlassen mussten. Die wichtigste Abteilung befindet sich oben im dritten Stock. Dort sieht man Fotos und Dokumente, welche das normale Leben, aber auch die Zerstörung in der Stadt während des Krieges zeigen.

Bromberg/Bydgoszcz hat eine lange wechselvolle Geschichte, eine, wenn man so will, deutsch-polnische Geschichte. Welchen Einfluss hat das auf Ihre Ausstellung?

Über diese Tatsache, die nicht immer ganz unproblematisch war, ich erinnere etwa an die preußische Besetzung der Stadt während der ersten polnischen Teilung 1772, haben wir in unserem Museum schon oft diskutiert. Jetzt wird dieses Thema nur sehr sparsam behandelt. Was man sieht, sind historische Bilder aus den dreißiger Jahren, die zeigen, wie beispielsweise klassische deutsche Musik in der Stadt aufgeführt wurde oder manche Bromberger eine Mitgliedskarte des Deutschen Wohlfahrtsbundes besaßen. Dies sind Zeichen eines friedlichen Miteinanders in der Stadt, die seit 1920 polnisch war. Durch die Nazis ändert sich die Atmosphäre schlagartig. Das Leben wird vom Militär, von Verboten und Drangsalierung bestimmt. Das wollen wir zeigen. Nicht als Anklage gegen das heutige Deutschland, sondern als historisches Faktum.

Das friedliche, multikulturelle Miteinander von Polen aus verschiedenen Regionen des Landes, assimilierten deutschen Juden und Deutschen in Bromberg änderte sich vor allem mit dem sogenannten „Bromberger Blutsonntag“, wie die Nazi-Propaganda die Ereignisse des 3. und 4. Septembers 1939 bezeichnet hat…

Das stimmt. Wobei es natürlich bis heute große Unterschiede bei der Wertung gibt, was damals wirklich passiert ist. Deutsche Historiker betonen sehr stark den polnischen Hass und die deutschen Opfer und liegen damit leider ziemlich auf Linie mit der nationalsozialistischen Geschichtsschreibung, die ich persönlich eher als Geschichtsfälschung bezeichnen würde. Unter polnischen Historikern dagegen wird, gestützt auf verlässliche Quellen und Zeugenaussagen, die Meinung vertreten, dass Mitglieder des nationalsozialistischen Sicherheitsdienstes, die über Danzig nach Bromberg gekommen waren, dort einen Tumult unter der deutschen Bevölkerung auslösten. Mit dem Ergebnis, dass diese Aufständischen auf polnische Soldaten schossen, die sich auf dem Rückzug befanden. Die Soldaten schossen dann zurück. Das Ergebnis waren viele Todesopfer auf beiden Seiten, auch jene Unschuldigen.

Das ist aber noch nicht die ganze Geschichte des dreitägigen „Blutsonntags“, oder?

Nein. Als die Wehrmacht am 5. September Bromberg erreichte, setzte diese sehr schnell eine Untersuchungskommission ein, welche allein der polnischen Seite die Schuld am Blutvergießen gab. 200 Polen wurden daraufhin sofort ermordet. Darunter auch Angehörige der polnischen Zivilbevölkerung und, wie man es im Erdgeschoss der Ausstellung sehen kann, gerade solche, die zur Intelligenzschicht zählten.

Wird es bei der Beurteilung dieses Ereignisses jemals Übereinstimmung geben zwischen Polen und Deutschen?

Ich hoffe es. Wir müssen uns bei diesem Diskurs auf die objektiven Fakten stützen. Nur das kann die Wunden wirklich heilen. Das betrifft auch nicht nur die Ereignisse in Bromberg. Es geht darum, dass nicht erst ab 1941 und an der jüdischen Bevölkerung Mordtaten durch die Nazis ausgeübt wurden, sondern von Beginn des Krieges an auch an der polnischen Bevölkerung.

Was für Reaktionen gibt es bisher auf die Ausstellung? Gibt es Unterschiede, je nachdem wie alt die Besucher sind?

Das ist eine wichtige Frage. Ja, es gibt Unterschiede. Die Leute im mittleren Alter kommen nur in geringer Zahl, um die Ausstellung zu sehen. Ältere mögen vor allem die Diskussionen und Debatten, die wir begleitend zur Ausstellung anbieten. Die jungen 20-Jährigen aber sind eigentlich diejenigen, die am aufgeschlossensten und interessiertesten sind. Sie wollen sich selbst ein Bild machen, Wissen sammeln, nicht nur unreflektiert eine Einstellung übernehmen.

Hatten Sie auch schon deutsche Besucher?

Natürlich. Überwiegend ältere. Diese pflegen das Bild einer Stadt, die sie verlassen mussten. Sie sehen sich also als Opfer. Das ist menschlich verständlich, aber eben nicht die ganze historische Wahrheit. Interessant ist der Fall einer deutschen Dame, deren Vater vor dem Krieg ein erfolgreicher Ziegeleibesitzer in Bromberg war und dann den Polen sehr viel Böses angetan hat. Diese Frau hat der Stadt nicht nur historische Dokumente ihres Vaters überreichen können, man spürte auch, dass sie sich schuldig fühlte für die Verbrechen ihres Vaters. Ich sage nicht, dass jeder Deutsche, der in die Ausstellung kommt, genauso reagieren sollte, aber es ist ein Schritt, den diese Frau gemacht hat, der Respekt verdient.

Was sollte aus Ihrer Sicht geschehen, damit die Wunden des Krieges wirklich verheilen?

Es ist ja schon viel gemacht worden. Das darf man nicht vergessen, doch manchmal ist der deutsch-polnische Dialog sehr emotional auf Versöhnung angelegt. Das ist nicht schlecht, aber wahre Versöhnung kann nur auf Grundlage objektiver Fakten wachsen. Also, man sollte sich um eine sachliche Aufarbeitung der Geschichte bemühen. Das ist auch das Ziel dieser Ausstellung. Ich sage dies als jemand, der einige Familienmitglieder im Krieg verloren hat. Auch im KZ. Und ich weiß, dass unsere Familie kein polnischer Einzelfall ist.

Also ist der Krieg immer noch nicht ganz vorbei?

Das ist sehr zugespitzt formuliert, aber es stimmt. Der Krieg oder besser die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg ist in Polen immer noch sehr lebendig. Als Trauma, als Langzeit-Wunde. Deshalb brauchen wir einen objektiven Diskurs.

Leon-Wyczó³kowski–Museum (poln. Muzeum Okrêgowe im. Leona Wyc-

zó³kowskiego w Bydgoszczy), ul. Gdañska 4, 85-006 Bydgoszcz (Polen)

Tel. 00 48–5 25 85 98 16, eMail: muzeum@muzeum.bydgoszcz.pl, im Internet: www.muzeum.bydgoszcz.pl

Öffnungszeiten im Winter (Oktober – März) Di.,, Mi., Fr., 9.00 – 16.00 Uhr, Do., 9.00 – 18.00 Uhr, Sa., und So., 10.00 – 16.00 Uhr, Mo. geschlossen