Verse gegen die Erbärmlichkeit des Krieges

Melancholisches Gesamtkunstwerk: Die gesammelten Gedichte des „War Poet“ Wilfred Owen (1893–1918) erstmals in deutscher Übersetzung. Von Anna Sophia Hofmeister

Der „War Poet“ Wilfred Owen. Foto: IN
Der „War Poet“ Wilfred Owen. Foto: IN

Wilfred Owen stirbt vier Tage vor dem Ende des Ersten Weltkrieges. Er fällt im Alter von 25 Jahren an der Front in Frankreich, am Canal de la Sambre a l'Oise. Und wie so viele seiner Kameraden, von denen nur ein Name blieb, wäre auch er an einem einsamen Kriegerdenkmal verwittert, gebrandmarkt als ein „Held für das Vaterland“ und dann vergessen. Doch Wilfred Owen wehrte sich dagegen: Er hinterließ ein Buch. Mit Zeilen, die vom Krieg handeln. Aber nicht von seinen Helden, sondern von seiner Erbärmlichkeit.

Owens Gedichte gehören zu einer kleinen Gruppe von Texten, die in ihrem unverstellten Blick auf den Krieg mit einer vorherrschenden Tradition von Dichtung brechen. Ähnlich wie der frühe griechische Lyriker Archilochos, der einmal darüber schrieb, dass er im Kampf seinen Schild verloren, sein Leben aber gewonnen habe, und damit den gesamten homerischen Ehrenkodex über den Haufen warf – so verfasste mehr als 2000 Jahre später der junge britische Soldat Gedichte, die den sonst in patriotischen Liedern mit pseudo-religiösem Eifer gefeierten Krieg schonungslos demaskierten. „Dieses Buch handelt nicht von Helden. (…) Weder handelt es von Taten, von Ländern, noch irgendetwas wie Ehre,/ Ruhm, Majestäten, Herrschaft, Macht oder Kraft, nur von Krieg. / (…) Es geht mir um den Krieg und die Erbärmlichkeit des Krieges./ Die Poesie findet sich in der Erbärmlichkeit“, schreibt Owen in seinem Vorwort, und weiter: „Alles, was/ ein Dichter heute tun kann, ist warnen. Daher müssen wahre Dichter/ wahrhaftig sein.“

Owens Gedichte gehören zum kulturellen Gedächtnis Großbritanniens, er wird dort als einer der wichtigsten „War Poets“, Kriegsdichter englischer Sprache, behandelt. In Deutschland ist er dagegen bis heute weitgehend unbekannt. Das sollte sich nun ändern. Mit dem Buch „Die Erbärmlichkeit des Krieges“ brachte der Berliner Independent-Verlag J.Frank in seiner Reihe „Edition ReVers“ die erste vollständige deutsche Übersetzung von Owens Kriegsgedichten und überlieferter Briefe heraus. Nicht nur der Band mit seiner für das Verlagshaus typischen offenen Fadenheftung und den rätselhaften Illustrationen der Typografin, Designerin und Verlegerin Andrea Schmidt, die an vergoldete Schützengräben und Sarggruben erinnern, ist ein Kunstwerk; es ist dies auch und vor allem die Übersetzung des Verlegers und Dichters Johannes CS Frank.

Frank versteht es, ganz dem Anspruch des Dichters folgend, beim Übersetzen wahrhaftig zu sein. Seine Wortwahl ist schlicht, präzise, stets nah am Original, das zusätzlich jeweils dezent unter der Übersetzung abgedruckt ist. Er verkünstelt sich nicht, was dem Leser Owens ungeschminkte Texte unvermittelt nahebringt. Das betont zum einen die zeitlose Bedeutung der Verse des jungen Dichters aus dem vergangenen Jahrhundert. Zum anderen den weiterführenden Wert des Buches für den heutigen Leser.

Franks Wortwahl ist auf feinsinnige Weise aktuell, er überbrückt gekonnt den Spagat zwischen einer lyrischen Sprache vergangener und gegenwärtiger Zeiten. So kommt es, dass sich Owens Gedichte hundert Jahre nach ihrem Entstehen gar nicht ohne Bezug auf derzeitiges Nachrichtengeschehen lesen lassen. Immer noch in einer Welt „der lodernden Fackeln“, in der „der Himmel bloß eine Straße für eine Patrone“ ist. Oder, wie es in „The Show“ heißt: „Die Grauen, in großer Überzahl gesät/ stürzten sich auf den Rest und fraßen ihn und wurden verspeist./ Ich sah ihre aufgerissenen Rücken sich krümmen, winden, durchdrücken/ ich beobachte ihre Qualen – ihr Kringeln, Recken, Strecken.“ Oder in „Anthem for Doomed Youth“, „Hymne für eine verlorene Jugend“: „Welche Trauerglocken läuten für euch, die sterben wie Vieh/ nur die wahnsinnige Wut der Waffen./ nur der stotternden Gewehre schnelles Geschwätz/ plappert ihre hastigen Gebete. (…) Die Blässe von Mädchenbrauen wird ihr Bahrtuch sein/ ihre Blumen die Zärtlichkeit geduldiger Gedanken/ und jede langsame Dämmerung eine herablassende Jalousie.“ Durch die Jahrhunderte, über allen Fortschritt hinweg, blieb eines gleich: In der Realität des Krieges wird der Feind zum Leidensgenossen; das Leid macht alle zu Opfern, Sieger gibt es eigentlich keine.

„Widerliche Landschaften, abstoßende Geräusche, widerwärtige Sprache – nichts als widerwärtig, auch aus meinem Munde (denn alle sind vom Teufel geritten) – alles ist unnatürlich, alles gebrochen, alles zersprengt. Die Toten, deren nicht zu bestattende Körper in verzerrter Haltung den ganzen Tag und die ganze Nacht vor den Gräben sitzen – der schrecklichste Anblick auf Erden. In der Poesie nennen wir ihn den glorreichsten“, schrieb Owen am 4. Februar 1917 an seine Mutter. Er weist auf die Spannung hin, die zwischen der mörderischen Realität des Krieges und seiner der Masse propagierten Abbildung steht. „Wilfred Owen schreibt als Zeuge eine Dichtung der Zeugenschaft“, stellt Frank in seinem Nachwort fest. „Seine Gedichte sind nicht als Anti-Kriegsgedichte misszuverstehen – sie richten sich gegen das Missverstehen des Krieges.“ Aber seien sie nicht gerade dadurch Antikriegsgedichte? Sie offenbaren auf ihre Weise, dass der Mensch bereits alle erdenklichen Gräuel durchlitten hat. Und sie warnen: Wird sich seine Erbärmlichkeit denn jemals ändern? Owens Verse bieten nun auch in deutscher Sprache die Gelegenheit, sich über den Lesegenuss hinaus mit einem anscheinend unverbesserlichen Phänomen auseinanderzusetzen – auf dass der Mensch vielleicht, vielleicht irgendwann fähig wird, aus seiner traurigen Geschichte zu lernen.

Die Erbärmlichkeit des Krieges. Gesammelte Gedichte von Wilfred Owen. Übersetzung Johannes CS Frank, Illustrationen Andrea Schmidt. Verlagshaus J.Frank, Berlin 2014, ISBN 978-3-940249- 55-5, EUR 14,90