Vergessene Maler neu entdeckt

Das Landesmuseum Mainz zeigt in einer Ausstellung nie gesehene Werke der Schulen der Nazarener. Von Werner Häussner

„Heilige Cäcilie“ von Joseph Anton Dräger, 1823. Foto: GDKE Landesmuseum Mainz/Rudischer
„Heilige Cäcilie“ von Joseph Anton Dräger, 1823. Foto: GDKE Landesmuseum Mainz/Rudischer

Als der Kunstgeschichtler Keith Andrews 1964 die erste Studie über die Nazarener publizierte, war er ein einsamer Rufer in der Wüste. Die künstlerische Richtung, die sich 1809 mit der Gründung des „Lukasbundes“ erstmals manifestiert und in Italien binnen weniger Jahre Anhänger und Liebhaber gefunden hatte, galt als Fußnote der Kunstgeschichte, die bekämpft oder im günstigsten Fall ignoriert wurde. In Goethes Gefolgschaft hatte man für die vermeintlich glatte, kitschig-religiöse Nachahmung italienischer Renaissance- und Manierismus-Künstler nicht viel übrig.

Noch Ende der fünfziger Jahre vernichtete eine eifrige Denkmalpflege die malerische Ausstattung des Speyerer Doms, für die der Nazarener Johann Schraudolph im Auftrag von König Ludwig I. von Bayern verantwortlich zeichnete. Die Bedenken eines anderen Wüstenpredigers, des rheinland-pfälzischen Landeskonservators Werner Bornheim, wurden damals nicht gehört. Die Veröffentlichung von Andrews Studie auf Deutsch 1974 scheint dann die Perspektive verändert zu haben: 1977 richtete das Frankfurter Städel eine „Schlüsselausstellung“ aus. Erstmals versuchte sie, jenen jungen Verweigerern, die sich 1810 zu einer quasi-mönchischen Lebensform in das römische Kloster S. Isidoro zurückzogen, vorurteilslos gerecht zu werden.

Das Landesmuseum Mainz bricht nun die intensive Beschäftigung mit der Kunst der Nazarener auf eine regionale Ebene herunter. „Die Nazarener – vom Tiber an den Rhein“, so der Titel der Ausstellung, betrachtet erstmals die nazarenischen Malerschulen, die sich kaum zehn Jahre nach dem kometenhaften Aufstieg der deutsch-römischen Künstler in den Zentren Frankfurt und Düsseldorf und – durch bayerisch-münchner Einfluss – in der Pfalz gebildet hatten. Durch ihre Berufung an bedeutende Akademien konnten die ehemaligen römischen Lukasbrüder ihre Ideen und Ideale an Schüler in den deutschen Ländern weitergeben und der avantgardistischen Bewegung zu nachhaltiger Wirkung verhelfen.

Die rund 130 in Mainz gezeigten Werke wollen veranschaulichen, wie sich die Richtungen der Nazarener am Rhein überschneiden. Das Landesmuseum ist für eine solche Schau prädestiniert, liegt es doch im Zentrum der rheinischen Einflussbereiche. Die Basis bildet der eigene Bestand des Museums, zu dem zum Beispiel der Nachlass des Nazareners Philipp Veit gehört – 600 Blätter des Malers und seiner Freunde. Doch sind in Mainz auch eine Reihe kaum bekannter Werke zu sehen, die zum Teil eigens für die Ausstellung restauriert wurden.

Nie gezeigte Blätter aus dem Bestand des Landesmuseums erschließen manch reizvollen Aspekt, etwa Christian Beckers Bleistiftzeichnung des Klosters Sant'Isidoro, das er 1840 im Bewusstsein der historischen Rolle des Ortes porträtiert. Oder Philipp Veits lebendige Zeichnung seines jüngeren Bruders Johannes, der sich unter dem Einfluss Friedrich Overbecks als Maler in Rom niederließ und dort über vierzig Jahre arbeitete. Als einen der Höhepunkte zeigt die Ausstellung frisch restaurierte Original-Fresken von Johann Schraudolph aus dem Dom zu Speyer. Sie werden Ende des Jahres in eine neue Dauerausstellung im Kaisersaal im Westwerk des Kaiserdomes eingehen.

Ein anderer, kaum mehr bekannter Maler ist zum ersten Mal in einer Nazarener-Schau vertreten: Peter Rittig. Sein Ölbild „Der barmherziger Samariter“ verschafft dem in Koblenz geborenen Maler ein spektakuläres Entree in den Kreis qualitätvoller Nazarener. Die Leihgabe aus dem Museum Wiesbaden zeigt Rittig als einen Maler, der originell in der Bildfindung, dramatisch in der Lichtführung und komplex im theologischen Denken arbeitet. Dass Rittig auch ein begabter Zeichner war, erweist sich am „Bildnis einer jungen Römerin“. Die geschmeidige, nuancenreiche Führung des Bleistifts und die das Gewand betonenden Weißhöhungen lassen dem Betrachter ein lebensvolles, stofflich greifbares Porträt entgegenschauen.

Rittig hat in Berlin, an der Pariser Akademie und bei Jacques Louis David eine klassizistische Schulung erhalten. 1816 ging er nach Rom, wo er sich dem Kreis um Overbeck anschloss. 1840 ist er dort gestorben. Sein OEuvre ist kaum bekannt; so wurde erst im Zuge der Vorbereitung der Mainzer Ausstellung ein Gemälde Rittigs in einer Kirche in Vallendar wiederentdeckt. Norbert Suhr, der Rittig im Katalog vorstellt, ist überzeugt, dass der Koblenzer Maler „sich als einer erweist, der mit Friedrich Overbeck mithalten kann“. Auf diese Weise kann die Mainzer Ausstellung auch die Forschung anstoßen: Eine Monografie zu Peter Rittig fehlt noch.

Ein anderer weitgehend vergessener Maler aus dem Frankfurter Kreis um den Städel-Direktor Philipp Veit ist der vor 200 Jahren in Kassel geborene Eduard Ihlée. Frisch restauriert, bildet sein Hauptwerk „König Ludwig von Frankreich trägt mit seinem Sohne eigenhändig Kranke in das von ihm neugegründete Hospital zu Compiegne“ einen Glanzpunkt der Mainzer Ausstellung. In Ihlées Bild, das 1846 im Pariser Salon ausgestellt wurde, werden auch die politischen Implikationen der Nazarener-Bewegung erkennbar. Ludwig der Fromme galt als Prototyp eines guten Herrschers, der die Einheit von Kirche und Staat, wie sie einem romantischen Ideal entspricht, verkörpert.

Ihlée scheint auch durch das malerische Aufgreifen mittelalterlicher Prinzipien – etwa in der Farbwahl – ein Bekenntnis zum mittelalterlichen Herrschaftskonzept ablegen zu wollen. So deutet sein Gemälde schon an, was sich im heraufziehenden Kulturkampf deutlich abzeichnen sollte: Die Nazarener-Kunst ist nicht unpolitisch, sondern ergreift Partei. Die Ausstellung will in einer Abteilung das Thema wenigstens anreißen. Die engen Beziehungen von Künstlern zu Joseph Görres oder Clemens Brentano sind verbürgt; letzterer entdeckte nicht nur das Talent von Joseph Anton Settegast, sondern war auch mit Philipp Veit, Joseph Schlotthauer und Eduard von Steinle befreundet, den er mit seinen Märchen und romantischen Dichtungen inspirierte.

Von Steinle und Veit weiß man, dass sie Bismarck kritisch sahen. Der Maler August Gustav Lasinsky erlebte die Trierer Heilig-Rock-Wallfahrt 1844 als einen persönlichen Wendepunkt, der ihn zur Konversion führte. Mit einem großformatigen Gemälde – heute im Simeonsstift in Trier – setzte er ihm ein persönliches Denkmal. Im Sinne ihres Ansatzes will die Ausstellung zu einer wissenschaftlichen Reflektion solcher kaum erforschter Themen anregen. Beitragen soll dazu ein Kolloquium, das unter dem Titel „Die Nazarener. Religiosität und Modernität“ eine Bestandsaufnahme der aktuellen Nazarener-Forschung versucht. Die öffentliche Veranstaltung findet ab 18. September, 14 Uhr, bis 19. September im Landesmuseum und im Erthaler Hof in Mainz statt. Das Kolloquium ist eine Kooperation des Landesmuseum Mainz mit dem Institut für Kunstgeschichte der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Deutschen Gesellschaft für die Erforschung des 19. Jahrhundert.

Die Ausstellung „Die Nazarener – vom Tiber an den Rhein. Drei Malerschulen des 19. Jahrhunderts“ läuft noch bis 25. November im Landesmuseum, Große Bleiche 49–51, 55116 Mainz, Tel.: 0 61 31/2 85 70, www.landesmuseum-mainz.de. Geöffnet ist das Museum täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr, dienstags bis 20 Uhr. Der Katalog ist im Verlag Schnell + Steiner, Regensburg, erschienen. Der 240-seitige Band kostet 29,95 Euro.