Vereinbarkeit von Familie und Beruf entscheidende soziale Aufgabe

Das Erzbistum Mailand richtet unter dem Motto „Die Familie: Arbeit und Fest“ vom 30. Mai bis 3. Juni das siebte Welttreffen der Familien aus. In zwei Beiträgen heute und am kommenden Samstag leuchtet dazu der Gastgeber des Treffens, der Mailänder Erzbischof, für „Die Tagespost“ die Herausforderungen für die Familien von heute aus. Von Angelo Kardinal Scola

Kochen, Kinder groß ziehen, Vater oder Mutter, denen es nicht so gut geht, pflegen und dann erwartet der Arbeitsmarkt von der Frau von heute auch noch ihren Beitrag – Mütter und Familien stehen unter vielfältigsten Anforderungen. Foto: dpa
Kochen, Kinder groß ziehen, Vater oder Mutter, denen es nicht so gut geht, pflegen und dann erwartet der Arbeitsmarkt vo... Foto: dpa

Ist es möglich, das Wohlergehen des Einzelnen zu fördern, ohne ihn innerhalb seiner familiären Beziehungen zu betrachten? Jeder von uns nimmt unweigerlich auf diese Beziehungen Bezug, wenn er ein gutes Leben führen will. Tatsächlich handelt es sich um grundlegende Beziehungen: Je authentischer und ausgeglichener sie sind, umso ausgeglichener und erfüllter wird das Leben des Einzelnen sein. Johannes Paul II. schrieb in „Familiaris consortio“: „Die Beziehungen zwischen den Mitgliedern der Familiengemeinschaft werden vom Gesetz des unentgeltlichen Schenkens geprägt und geleitet, das in allen und in jedem Einzelnen die Personwürde als einzig entscheidenden Wertmaßstab achtet und fördert, woraus dann herzliche Zuneigung und Begegnung im Gespräch, selbstlose Einsatzbereitschaft und hochherziger Wille zum Dienen sowie tiefempfundene Solidarität erwachsen können“ (Nr. 43).

Heutzutage wird jedoch der Familie nicht die gebührende Beachtung geschenkt. Der ihr innewohnende Charakter der Solidarität zerbricht an der Mauer des gedankenlosen postmodernen Individualismus. Zudem fehlt es seitens des Staates und der öffentlichen Institutionen an Strategien und an einer Sozialpolitik, die auf konkrete Weise das Familienleben als solches unterstützen.

Die Regierungen fördern die Keime guten Lebens nicht, die aus familiären Beziehungen hervorgehen, da die Familie als eine Art „Joint venture“ rein privater Art angesehen wird.

Man sieht nicht, dass zwischen dem Wohlergehen des Individuums und dem der Familie eine starke gegenseitige Abhängigkeit besteht. Wenn die Familie geschwächt wird, wirkt sich das nicht nur auf die Individuen, sondern auf die gesamte Gemeinschaft negativ aus. Die Bindungen zerfallen. Darunter leidet der gesellschaftliche Zusammenhalt, ein Ziel, das zwar stets wortreich gepriesen wird, aber de facto schwer zu erreichen ist.

Man weist oft auf die Notwendigkeit einer Sozialpolitik für die Familie hin, doch in den seltenen Fällen, in denen sie auch in die Tat umgesetzt wird, beschränkt sie sich auf Eingriffe in Teilbereichen. Sie ist subjektbezogen und behandelt Probleme, von denen die Familien sicherlich betroffen sind, doch sie „sieht“ sie nicht als eine Gemeinschaft von Personen an. Diese Sozialpolitik kann den Eindruck vermitteln, dass ihr die familiäre Einheit ernsthaft am Herzen liegt, doch in Wirklichkeit geht sie auf „kumulative“ Weise vor. Die Familie kann jedoch nicht als numerische Summe von Menschen und Problemen betrachtet werden. Sie ist Wurzel und Frucht eines ständigen Dialogs unter ihren Mitgliedern und kann nur von einer übergreifenden Politik gefördert werden, welche die Logik der Gegensätze überwindet. Es wäre beispielsweise eine Einschränkung, die Familienpolitik als Eingriff im Kampf gegen die Armut zu reduzieren, und es wäre dumm, eine Politik für die Jugendlichen, für die Schaffung von Arbeit oder für die alten Menschen nicht als „Familienpolitik“ zu bezeichnen: Alles hat mit der Familie zu tun. Wenn alle Faktoren auf harmonische Weise miteinander verbunden werden, erreichen sie ihr eigentliches Ziel, die familiären Beziehungen zu stärken. Dabei darf nie vergessen werden, dass diese sich in zwei Richtungen aufgliedern: Die Beziehungen zwischen den Geschlechtern und die Beziehungen zwischen den Generationen.

Eine Familie, die über die Fähigkeit und die Mittel verfügt, ihre Bedürfnisse zu erfüllen, und sich ihrer fundamentalen Rolle im Bereich der Gesellschaft bewusst ist, ist eine unersetzbare Quelle für den sozialen Fortschritt. Das ist letztlich die Bedeutung des Subsidiaritätsprinzips. Wie Benedikt XVI. kürzlich bei der Feier des zwanzigsten Jahrestags von „Centesimus annus“ am 15. Oktober 2011 hervorgehoben hat: „Unter diesem Blickwinkel wird die Familie vom bloßen Objekt zum aktiven Subjekt, das fähig ist, an das ,menschliche Antlitz‘ zu erinnern, das die Welt der Wirtschaft haben muss.“

Zwei entscheidende Fragen verdienen heute besondere Aufmerksamkeit: die „Steuergerechtigkeit“ und die „Versöhnung“ von Familie und Beruf:

Ein Steuersystem, das die Familie gerecht behandelt, wird heute unvermeidlich ganz verschiedene und voneinander getrennte Interessen und Bereiche treffen. So ist es etwa notwendig, einen Teil der Steuermittel den Familien direkt zu überlassen und auf ihre Fähigkeit der Selbstorganisation zu setzen.

Und die Möglichkeit, Familie und Beruf miteinander versöhnen zu können, ist ein entscheidender Faktor für die Lebensqualität. Es handelt sich hier um ein zentrales Element für den Reifeprozess von Männern und Frauen. Folglich haben wir es hier mit einer notwendigen Bedingung für eine gerechte, zum Zusammenhalt fähige und solidarische Gesellschaft zu tun.

Maßnahmen zur Versöhnung – so sagen Experten nach reiflicher Überlegung – sind alle Erleichterungen, welche die Vereinbarkeit von bezahlter Arbeit und der Sorge um die Kinder und alten, pflegebedürftigen Eltern fördern, also alle Strategien, die darauf ausgerichtet sind, das tägliche Problem der Zeiteinteilung zu erleichtern.

In fast allen europäischen Ländern verbreitet sich immer stärker ein Lebensstil, bei dem beide Eheleute in die Arbeitswelt eingebunden sind und zum finanziellen Budget der Familie beitragen. Dies ersetzt zunehmend den Zustand, bei dem der Mann und Vater als Einziger ein Einkommen bezieht, während die Frau und Mutter als Hausfrau tätig ist.

Es ist daher entscheidend, Maßnahmen zu ergreifen, die darauf ausgerichtet sind, sowohl den Frauen als auch den Männern, sowohl den Müttern als auch den Vätern zu helfen und sie dabei zu unterstützen, sowohl die Arbeitszeit, die Zeit, sich um Familienmitglieder zu kümmern, sowie die Zeiten der Erholung miteinander zu versöhnen.

Dennoch beziehen sich die offiziellen Dokumente der Europäischen Union, auch wenn sie von der Vereinbarkeit von Beruf und Familie sprechen, auf das einzelne Individuum und vor allem auf die Frau. Ansprechpartner ist also nicht die Familie als soziales Subjekt, als Ort von Beziehungen und gemeinsamer Verantwortung von Ehefrauen und Ehemännern, Vätern und Müttern mit Kindern. Es soll vielmehr der Frau geholfen werden – die aufgrund der Fürsorge für die Kinder teilweise als inaktiv angesehen wird –, stärker auf dem Arbeitsmarkt präsent zu sein. „Mütterfreundliche“ Eingriffe der Sozialpolitik sind jedoch fast ausschließlich darauf ausgerichtet, den Arbeitsmarkt durch eine Steigerung der Beschäftigung von Frauen zu erweitern, um so einen Zustand der Chancengleichheit herzustellen. Die familiären Beziehungen werden in diesem Zusammenhang auf eine Variable reduziert, die von der Arbeitswelt abhängig ist.

Diese Asymmetrie in der Beziehung zwischen Beruf und Familie muss überwunden werden. Das Augenmerk muss auf die Beziehung zwischen diesen beiden Bereichen gerichtet werden, und nicht auf einen einzelnen Erwachsenen, der sie wie ein Jongleur geschmeidig und couragiert miteinander zu vereinen versucht, indem er sich unbefangen durch die lockeren Verbindungen der sogenannten „flüssigen“ Gesellschaft bewegt.

Es geht nicht nur darum, einige Klassen zu schützen – auch wenn es sich hier um die Mütter handeln sollte –, sondern darum, das Familienleben mit der Arbeitswelt vereinbar zu machen. Jede Familie ist ein komplexes System verschiedener Generationen, eine kleine Welt, die von gefühlsbeladenen Bindungen und ziemlich konkreten Bedürfnissen gestützt und belebt wird. Sie bittet um eine Unterstützung der Entscheidungsfreiheit, die immer neuer, flexibler Gleichgewichte bedarf. Um jenes so notwendige „Sozialkapital“ zu produzieren, bittet die Familie, dass es ihr ermöglicht wird, auf bestmögliche Weise ihre soziale und bürgerliche Verantwortung im Bereich von Beruf und Familie auszuüben.

Chancengleichheit ist gut und richtig. Für mehr Beschäftigung und Arbeit zu sorgen, ist gut und richtig. Doch wenn alles das nicht innerhalb eines breiteren Horizonts erfolgt, der auf das Wohlergehen der Familie und auf die Unterstützung ihrer Aufgabe im Bereich der Erziehung und der gegenseitigen Fürsorge unter den Generationen ausgerichtet ist, wird sich das unvermeidlich in soziale Unzufriedenheit übertragen.

Die beiden Eckpfeiler der kirchlichen Soziallehre, die Subsidiarität und die Solidarität, stellen auch einen wertvollen Schlüssel zur Interpretation der Beziehung von Familie und Beruf dar. In dieser Hinsicht ist es wünschenswert, dass „eine erneuerte ,Theologie der Arbeit‘ die Bedeutung der Arbeit im christlichen Leben ins Licht stellen und vertiefen sowie die fundamentale Verbindung von Arbeit und Familie darlegen wird und somit die eigene und unersetzliche Bedeutung der Hausarbeit und der Kindererziehung“ (Familiaris consortio, 23; Laborem exercens, 19). Es ist daher notwendig, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf als entscheidende soziale Aufgabe neu zu überdenken, die eine Vielzahl von Mitwirkenden (Staat, Markt, Gesellschaft, Privatleben und Familie) zu Rate zieht und auswertet und den Beitrag eines jeden im Rahmen der schwierigen Aufgabe anerkennt, die Zeiten des Alltags ins Gleichgewicht zu bringen.

Der Beitrag geht auf eine Artikelserie zurück, die Kardinal Angelo Scola

derzeit in der italienischen Wirtschaftszeitung „Il Sole 24Ore“ veröffentlicht. Übersetzung für „Die Tagespost“

aus dem Italienischen von Claudia

Reimüller.