Würzburg

Verdammt, verderbt, verloren?

Von Cicero bis Greta: Der „sündige“ Mensch sucht nach Wegen des Umgangs mit der Schuld.

Vergebung finden in der Beichte
Echte Selbstanklage, etwa in der Beichte, braucht Mut. Sie ist jedoch eine individuelle Gewissensangelegenheit und darf nicht zum sozial-politischen Trend werden. Foto: Adobe Stock

Sich frei von Schuld zu fühlen, meinte Cicero, sei ein starker Trost. Zu fühlen, betonte der römische Philosoph. Nicht: zu sein. Denn: Den von Schuld freien Menschen gibt es nicht. Wer lebt, wird schuldig. Gewollt und ungewollt. Durch Tun und durch Nichttun. „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“, beschrieb Albert Schweitzer diesen Konflikt kongenial. Eine Beschreibung, die für den großen Theologen keinen wohlfeilen Sozialdarwinismus bedeutete, sondern die Mahnung, anderes Leben zu respektieren und ihm mit Ehrfurcht zu begegnen. Es ist das christliche Gebot des achtsamen Umgangs mit dem Nächsten. Ein Gebot, das immer wieder blockiert wird von Versagen, Verfehlung, Verrat. „... und vergib uns unsere Schuld“ folgt denn im Vaterunser auch umgehend der Bitte um das tägliche Brot.

Schuld kann töten. Siehe Judas: „Und er warf die Silberlinge in den Tempel, hob sich davon, ging hin und erhängte sich selbst.“ (Mt 27,5) Schuld kann retten. Siehe die Ehebrecherin im Johannesevangelium: Denn es fand sich niemand, den „ersten Stein“ zu werfen, nachdem Jesus dazu denjenigen unter den Schriftgelehrten und Pharisäern aufgefordert hatte, der „von euch ohne Sünde ist“. „Als sie aber dies hörten, gingen sie, einer nach dem anderen ...“ (Joh 8,7; 8,9) Jesus wusste, was er tat. Indem er die Schuld der Ankläger gegen die Schuld der Angeklagten richtete, appellierte er an eine Instanz, die zu den mächtigsten Lenkungsinstrumenten menschlichen Wesens und Wirkens gehört: das Gewissen. Natürlich, ein Restrisiko blieb. Denn hätte unter den Versammelten auch nur ein „Gewissenloser“ geweilt, das Schicksal der Frau wäre besiegelt gewesen. Schließlich hatten seinerzeit Gottes Engel in ganz Sodom nicht einmal jene zehn Gerechten gefunden, deren Existenz verhindert hätte, dass der HERR die sündige Stadt mit „Schwefel und Feuer“ vernichtete.

Für Luther war der Mensch ein verderbtes Wesen

Martin Luther wetterte zwar gegen die pekuniären Praktiken, Schuld, Sühne und Sünde auch noch in klingende, in die Ablasskasse springende Münze zu verwandeln. Doch am „alten Adam“ und seiner ewigen Schuld hegte er keinen Zweifel: „Alles, was du anfängst, ist Sünde und bleibt Sünde, es gleiße, so hübsch es wolle; du kannst nichts denn sündigen, tue, wie du willst ...“ Die genuin-abgründige Bösartigkeit des Menschen war für die Lehre des Reformators das wohl wichtigste konstitutive Element. Ein Faktum, dessen Unanfechtbarkeit für ihn durch Gottes Wort in Altem wie Neuem Testament erhärtet war. Steht doch im 1. Buch Mose, wie „der HERR sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar“. Und der Evangelist Matthäus zitiert Jesus: „Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung.“

Für Luther war der Mensch ein verdammtes, verderbtes, verlorenes Wesen, das seiner sündig-sudeligen Existenz zudem nicht aus eigener Kraft entfliehen kann. Nur der Glaube und die Gnade Gottes bieten – vielleicht – einen Weg aus dem Wahn der Welt. Der Gipfel des Ganzen: Das mit dem seelischen Aussatz der Sünde geschlagene Menschentier kann nicht einmal irgendetwas Gutes tun, um seine irdische Bilanz mit Blick auf Jenseitiges ein wenig aufzubessern. Denn Luther, so der englische Kirchenhistoriker und Theologe Diarmaid MacCulloch, „hasste nicht nur Aristoteles, sondern auch die Vorstellung, dass Gott guten Werken oder menschlichem Verdienst irgendeinen Wert beimesse“.

„Luther hasste nicht nur Aristoteles,
sondern auch die Vorstellung, dass Gott guten Werken
oder menschlichem Verdienst irgendeinen Wert beimesse“
Diarmaid MacCulloch

Der französisch-schweizerische Reformator Johannes Calvin, in Genf Vorsteher einer veritablen Diktatur des Tugendterrors, setzte der verbalen Drastik morbider Metaphorisierung menschlicher Sündhaftigkeit noch eins drauf: „Der Menschengeist ist von Gottes Gerechtigkeit so vollständig abgekommen, dass all sein Wollen, Begehren und Tun nur gottlos, verrucht, befleckt, unrein und lästerlich ist; sein Herz ist dermaßen vom Gift der Sünde durchdrungen, dass es nur noch verweslichen Gestank von sich geben kann.“

Das vom Kirchenvater Augustinus (354-430) als Erbsünde theologisch etablierte „peccatum originale“ (Ursünde) ist von den Reformatoren in sado-masochistischer Weise in ein misanthropisches Menschenbild gepresst worden, das angeblich sogar den „Fortschritt“ forciert hat. Denn die Unmöglichkeit, dem Unvermeidlichen und zugleich Unvorhersehbaren zu begegnen, soll ein neues Prestigeprojekt befördert haben: mit der Aussicht, in wirtschaftlichem Erfolg oder Misserfolg die (unabänderliche) jenseitige Prädestination zu erkennen. So der Soziologe Max Weber in „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“.

Religiös konnotierte Schuldkomplexe in der Politik

Dass die schwere Schuld, die Deutsche im 20. Jahrhundert auf sich luden, auch im 21. Jahrhundert weit von einer Schlussstrich-Mentalität entfernt ist, mag völkerpsychologisch auch mit einer tiefsitzenden sakralen Sozialisierung zusammenhängen, mit einem ins Politische gewendeten religiös konnotierten Schuldkomplex, der die Unabtragbarkeit historischen Versagens über Generationen festschreibt. Manichäische Metaphern wie Hell- und Dunkeldeutschland sind dafür symptomatisch. Die mit Beginn der Großen Wanderung im Herbst 2015 sich über Deutschland ausbreitende Welle der Willkommenskultur war nicht zuletzt von solcher Pseudosakralität getragen, die einherging mit einer quasireligiös anmutenden Verklärung von Flüchtlingen als das genuin Gute, an dessen Teilhabe auch das Eigene gut und besser wird. Exemplarisch dafür war der Ausspruch des Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (LINKE), eines bekennenden Protestanten, beim Eintreffen des ersten Zuges mit Flüchtlingen in dem ostdeutschen Bundesland: „Das ist der schönste Tag meines Lebens.“

Der Politikwissenschaftler Alexander Meschnig verweist in diesem Zusammenhang auf „eine moralisch erhöhte Form des protestantischen Schuldabbaus“: „Denn das lautstarke, wenngleich aktuell leiser werdende ,Refugees Welcome‘ ist in seiner abstrakten Hypermoral der Ausdruck für eine letzte, metaphysische Größe, die nicht mehr hinterfragbar ist: die eigene und kollektive Schuld, die nun, angesichts des Zustroms der Elenden und Benachteiligten der Erde, abgegolten werden kann.“ In der Gestalt des Fremden, so Meschnig, verkörpere sich „symbolisch das Opfer der deutschen bzw. europäischen Geschichte“. Dass sich das einstige Unwort „Tätervolk“, ursprünglich dem Sprachgebrauch rechtsextremer Kreise zugeordnet, mittlerweile in Massenmedien zur Selbstkennzeichnung des „deutschen Volkes“ findet, passt zu Meschnigs Befund.

Vor Jahren schon erklärte die Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung, Anetta Kahane, es sei „die größte Bankrotterklärung der deutschen Politik nach der Wende“ gewesen, dass sie zugelassen habe, „dass ein Drittel des Staatsgebiets weiß blieb“. Mit dem „Drittel“ meinte sie Ostdeutschland, Kernland des Protestantismus, und mit „weiß“ die Hautfarbe der dortigen Bewohner. Die Aufarbeitung und Tilgung von historischer Schuld über eine Veränderung der ethnischen Zusammensetzung findet in Kreisen der gesellschaftlichen Linken zunehmend Anhänger.

„In Wirklichkeit setzt die Selbstanklage Mut voraus,
und diesen Mut besitzen nur wenige. Es ist
der Mut, Türen zu öffnen, meine
unbekannten Seiten zutagetreten zu lassen“
Jorge Mario Bergoglio

Wovon Cicero sprach, war das gute Gewissen, das – laut sogenanntem Volksmund – zugleich ein sanftes Ruhekissen sein soll. Doch es gibt kein historisches, kein gesellschaftliches, kein Volks- und schon gar kein Menschheitsgewissen. Der Wunsch oder die Forderung nach einer sozialen Selbstanklage sind letztlich nicht nur unbillig, sondern unsinnig. Gewissen ist immer individuell. Und bietet nur einer individuellen Erforschung die Basis und die Bedingungen. Alles, dem der Ruch von Agitation, Propaganda, „Gehirnwäsche“ anhaftet, ist geeignet, die damit transportierte Absicht, wie vorgeblich gut gemeint sie auch sein mag, ins Gegenteil zu verkehren.

Schuld, Buße, Vergebung kann nur der einzelne Mensch mit seinem bewegenden, bohrenden Gewissen erleiden und erfahren. Papst Franziskus hat 2005, damals noch als argentinischer Kardinal Jorge Mario Bergoglio, einen Kommentar zur Schrift „Über die Selbstanklage“ des christlichen Mönchs Dorotheus von Gaza († um 600) verfasst. Darin setzt er sich mit der Sicht auseinander, Selbstanklage „sei letztlich kindisch oder kleinmütig“. „In Wirklichkeit“, so der Jesuit Bergoglio, „setzt die Selbstanklage Mut voraus, und diesen Mut besitzen nur wenige. Es ist der Mut, Türen zu öffnen, meine unbekannten Seiten zutagetreten und die anderen mehr sehen zu lassen als bloß mein äußeres Erscheinungsbild. Der Mut, die ungeschminkte Wahrheit offenzulegen.“

Europas neue Bußbewegungen

Besonders im Gefolge der weltweiten Ausrufung der Klimakatastrophe ist in den Gesellschaften des Westens eine postmoderne Neuauflage millenarischer Buß- und Sühnebewegungen evident, wie sie einst das europäische Mittelalter durchschauerten. „Der Klimanotstand ist unser dritter Weltkrieg“, verkündete der US-Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz. Und die neue apokalyptische Jugendkultur hat mit dem Geheiß ihrer Prophetin Greta („Ich will, dass ihr in Panik geratet!“) die passende Parole gefunden in Zeiten rast- und atemloser Suche nach immer neuer Schuld und deren öffentlichem Zelebrieren. „Leugner“ fallen – wie einst Ketzer – der Ächtung anheim. Das Wort von der „Gesellschaft des Spektakels“, das der französische Konsumismuskritiker Guy Debord mit seiner gleichnamigen Schrift prägte, hat über 50 Jahre nach deren Erscheinen nichts von ihrer Aktualität verloren: Die grassierende Begier nach Teilhabe an und Abbüßen von Schuld ist perfekt kompatibel mit dem von der spätkapitalistischen Kulturindustrie geprägten Verlangen nach einem Zustand, in dem immer etwas „los ist“. „Weiter, weiter ins Verderben – wir müssen leben bis wir sterben“, heißt es treffend in einem Song der Rockband „Rammstein“.

So wie der „letzte Mensch“ in Nietzsches Zarathustra „sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht“ hat, pflegt der ökologisch sündige Mensch seine „Schüldchen“. Denn jeder, der lebt, isst, trinkt, sich kleidet, Auto fährt oder gar ein Flugzeug besteigt, trägt Schuld. Schuld an der großen global-menschlichen Misere. Solcherart in homöopathischen Dosen verdünnt, macht der Schuldexhibitionismus ein gutes Gefühl und das Gewissen frei für die große Gebärde gegen die Zivilisation.