Unerwartete Auflösung

Auch Männer, die auf dem Weg sind, verstehen die Liebe. Eine versöhnliche Erfahrung zum Jahresausklang. Von André Thiele

Schnee in Nordspanien
Mit dem Tandem nach Santiago? 2019 könnte es möglich machen.dpa Foto: Foto:
Schnee in Nordspanien
Mit dem Tandem nach Santiago? 2019 könnte es möglich machen.dpa Foto: Foto:

Nach dem selbstverschuldeten Kollaps meines Lebens im Juli 2015 und der daraus resultierenden fast vollständigen sozialen Isolation lebte ich für lange Zeit quasi auf Facebook. Die Mischung von Unverbindlichkeit, Humor, Ernst und Chaos, die viele kluge und humorvolle Nutzer hier schufen, hat mir das geistige Leben gerettet. Mein Weg in den Glauben wäre ohne diese Anhäufung von herrlichen Irren nicht möglich gewesen, auch das steht fest. Der Einfluss vieler an diesem unerwarteten Ort auf meine soziale Genesung ist sublim, aber gar nicht zu überschätzen.

Ihr Name war über 20 Jahre das Hauptpasswort

Eine vergleichbare Form virtueller Rettung ist mir schon einmal passiert. 1993 lernte ich durch reinen Zufall ein elf Jahre jüngeres Mädchen in einem Forum von CompuServe kennen. Sie erinnern sich, das war die Zeit mit dem fiependem Modem, das sich quälend langsam einwählte und dann ganz spontan und gern auch oft den Kontakt unterbrach. Ich hatte gerade meine erste Scheidung hinter mir – eines der letzten Male, dass ich männlich-souverän reagiert habe, bevor ich völlig vom Weg abkam und zeitgemäß-modern wurde – und hockte ziemlich verwirrt in meiner Studentenbude herum. Das Mädchen lebte in North Carolina mit einer Mutter, die, gelinde gesagt, irrsinnig war, eine scheinreligiöse Fanatikerin. Ich spielte die Rolle der deutschen Brieffreundin Petra, da alle eingehende und ausgehende E-Post gelesen wurde, und wir wurden darin so geschickt, dass wir uns alles erzählen und sagen konnten, ohne dass „der Adler“ merkte, was vorging. (Hinweis an Väter und Mütter: Wenn Ihre Tochter etwas wirklich will, bekommen Sie es nicht mit – keine Chance.)

Nach und nach wuchs die Verbundenheit. Das Mädchen hatte so eine Art, Fragen zu stellen, die mich tief traf, wohl weil sie stets Recht hatte – wie die Zukunft dann weisen sollte. Ich hingegen – sie sagt, sie hätte nur dank meiner überlebt, ich bin mir heute aber weniger sicher denn je, dass ich es war, der da so geholfen hat.

Es wurde dann eben auch Liebe, um nicht zu sagen: sehr. 1996 beschloss sie, dass wir uns sehen müssten. Sie hatte die Highschool brillant abgeschlossen, war überall im 98-Prozent-Bereich und hatte, wie ich jetzt weiß, Einladungen von Ivy-League-Universitäten; ihre Mutter aber meinte, als Buchhändlerin sei sie besser aufgehoben. Sie konstruierte eine gigantisch verstiegene Geschichte, warum sie in Hannover eine Jugendveranstaltung der Sekte besuchen müsse – dass der Flug nach Frankfurt dabei gelinde gesagt ein Umweg war, kam dem „Adler“ nicht ein. Übrigens hatte sie nur einen Hinflug gebucht. (Hinweis an Väter und Mütter: Wenn Ihre Tochter usw. usf.)

Wir sahen uns. Und ich war offen. Warum nicht? Ich verdiente. Wir waren uns ungeheuer nah. Aber dann stand ich da am Flughafen, sah dieses kleine zitternde Bündel Mensch und wusste, dass es auf der Welt nur zwei Sorten von Männern gibt: die, die Verliebtheit junger Frauen aus bedrängter Lage für sich ausnutzen – und die, die es nicht tun. Ich tat es nicht. Sie fuhr weiter nach Hannover. Hätte ich damals anders entschieden, wir sprächen heute nicht mehr miteinander. Wir blieben in Kontakt. Immer wieder durch die Jahre tauschten wir uns aus, jedesmal war es ungeheuer intensiv, stets gab es Hindernisse.

Vieles, was mir widerfuhr, hatte mit ihr zu tun – sie war sich für sich dessen immer bewusst und stand dazu. So war ihr Name über 20 Jahre hinweg mein stets verwendetes Hauptpasswort für alle Online-Angelegenheiten. Jahrelang hatte ich mich mit meiner zweiten Ehefrau über eine CD von Céline Dion gestritten, die ich stets im Auto hatte. Meine Frau wollte die entsorgen – ich mochte das nicht dulden; warum, wusste ich selber nicht zu sagen. Die CD blieb. Sie hatte sie mir geschenkt. Am Samstag, den 25. November, erhielt ich eine Email von ihr. Ob ich sie bitte kontaktieren könne, es sei wichtig. Sie hatte auf einem alten Profil, das FB einfach nicht löschen will, gelesen, wie jemand sagte „warum postet der Thiele hier nicht mehr?“ und jemand antwortete: „weil es im Gefängnis kein Internet gibt!“ Ich rief sie an, sie war völlig aufgelöst, weil sie annahm, ich sei eingesperrt. Meine eigene Mutter, ja nicht einmal mein persönlicher angelus diaboli interessiert sich derart intensiv dafür, ob ich im Gefängnis bin oder nicht.

Wir sprachen – sieben Tage fast ohne Unterbrechung. Ein Orkan, ein Erlebnis, eine Herausforderung, ein seelisches Großreinemachen. Wir trauerten um die Zeit, die wir verloren hatten – und erkannten, dass wir miteinander niemals bestanden hätten, sondern dass alle Zwischenstationen notwendig und unumgänglich gewesen sind. Alle Steine fielen an ihren Platz. Alle.

Amber Lee hat die Jahre in der Sekte und den psychischen Missbrauch durch die Mutter völlig unbeschadet überstanden – das allein ist schon ein kleines Wunder. Andere Menschen in ihrer Lage verzweifeln vollends und sind endgültig traumatisiert. Trotz aller Kämpfe hat sie ihren Weg gemacht – ganz im Gegensatz zu mir, der nun wirklich jeden Um- und Abweg genommen hat, nur um am Ende eben doch in Gottes Hand zu landen.

Wir werden den Weg, den Gott uns bestimmt hat, zusammen gehen. Im April breche ich zum zweiten Mal nach Santiago de Compostela auf. Selbst dies, das erzwungene Abbrechen des ersten Versuchs 2017, macht nun das, was wir so Sinn nennen. Alles fügt sich.

Ab Santiago ist alles wie stets in Gottes Hand. Ob ich nach meiner Haftzeit zu meiner Frau in die USA werde immigrieren dürfen, muss offenbleiben. Amber Lee kaufte sich 2015 ein Haus auf den Azoren. Wenn also alles schiefgeht – ich Fischer, sie Dorfkrankenschwester auf Faial, der Hauptinsel.

Alles kommt wie es soll. Indem wir handeln, scheitern wir, indem wir scheitern, kann Gott wirken.

Sollte ich demnächst Kaugummi kauen und wie ein Besatzungssoldat klingen, seien Sie mir nicht böse.

Ich übe noch.

Sonst nichts.

Gott befohlen!

Der Autor ist Schriftsteller. Mehr zu ihm unter www.etiamsiomnes.de.