Wien/Würzburg

Unangenehme Wahrheiten

Ein Freimaurer und Vatikan-Mitarbeiter sieht eine „Versöhnung“ zwischen „Loge und Altar“ – Wie ist das möglich?

Freimaurer
Interessante Symbole: Bei den Freimaurern liest man die Bibel mit Totenschädel und Sanduhr. Foto: dpa

Loge und Altar“ heißt das Buch des Wiener Priesters, Ex-Diplomaten und Vatikan-Mitarbeiters Michael Heinrich Weninger, in dem er verkündet, es sei kein Problem, zugleich Katholik und Freimaurer zu sein. Erstaunlich. Als ich vor zwölf Jahren das Buch „Ich war Freimaurer“ schrieb, sah die Welt noch anders aus.

Doch der Reihe nach. Zunächst einmal ist die Freimaurerei vereinsrechtlich organisiert. Ausschnitte aus einem Teil der Rituale sind auf Youtube anzusehen, viele Ritualtexte lassen sich googeln. Die Logensatzung wird von den jeweils zuständigen staatlichen Aufsichtsbehörden besiegelt. Kurzum, das viel beschworene Geheimnis besteht in Geheimnistuerei. Meine These lautet nach wie vor, die Freimaurerei, wie wir sie heute kennen, ist die Larve einer einstmals wirkmächtigen Vereinigung. Der Rest ist Verschwörungstheorie. Dass Freimaurer, Juden und Jesuiten nach der Weltherrschaft streben, ist ebenso wenig belegt, wie die Echtheit der unseligen „Protokolle von Zion“. Bei etlichen Vortragsabenden machte ich die Erfahrung, dass einzelne Zuhörer mit der Erwartungshaltung kamen, Schauermärchen zu hören. Ich musste sie enttäuschen. Ein Griff an die Nase ist kein geheimes Freimaurerzeichen, auch nicht die oft zitierte Manu cornuta. Es gibt auch kein mir bekanntes Ritual, in dem man auf ein Kruzifix spucken oder gegen eine Tiara treten muss. Wahr ist hingegen, dass der Adept, bevor er in den 32° befördert wird, die Säulen am Eingang umstürzen und über die Trümmer steigen muss. Das dazugehörende Motto lautet: „Ordo ab chao“. Doch hier reden wir vom „Schottischen Ritus“, den Weninger wohl absichtsvoll außen vor lässt. Dabei bedient sich die „reguläre Freimaurerei“ eines Tricks, indem sie behauptet, die Johannislogen, die nur die ersten drei Grade bearbeiten, hätten damit nichts zu tun. Das stimmt nicht. Es existiert ein Konkordat zwischen beiden Großlogen und deren Vertreter nehmen offiziell an den jeweiligen Großlogenratssitzungen, beziehungsweise Ritualfeierlichkeiten teil.

Die Freimaurer waren stets erklärte Feinde der Kirche

Auch sollte man unangenehme Wahrheiten nicht unter den Teppich kehren. Dazu gehört, dass die Freimaurerei in den vergangenen Jahrhunderten erklärter Feind der Katholischen Kirche war. Die von Weninger hofierten „regulären Freimaurer“ 1917 forderten „Satan muss herrschen im Vatikan“ und skandierten Carduccis Hymne „O satanas“, wobei sie ein Plakat entrollten, auf dem Luzifer den Heiligen Michael niederstach. Maximilian Kolbe, Augenzeuge dieses Ereignisses, gründete daraufhin die Militia Immaculatae.

Bleibt die wiederholt gestellte Frage: kann zusammenwachsen, was nicht zusammengehört? Freimaurerei und Christentum sind nun einmal nicht kompatibel. Wenn Weninger der Ansicht ist, dass die Rituale der von ihm vertretenen „regulären Logen“ nicht religiös oder zumindest quasireligiös sind, sollte er offenlegen, welchen Ritualen er beigewohnt oder welche er zumindest geprüft hat. Schon die Aufnahme in den Bund beinhaltet einen klaren Weihevorgang. Der Meister vom Stuhl legt eine Zirkelspitze auf die entblößte Brust des Adepten und bekundet durch jeweils drei Hammerschläge auf den Zirkel: „In Ehrfurcht vor dem Großen Baumeister der Welten. In Namen der Großloge der Alten und Freien Maurer. Kraft meines Amtes als Meister vom Stuhl, nehme ich Sie an und auf.“ Alles hat einen religiösen Touch, von der Verwendung der Lieder „In diesen Heiligen Hallen“ aus Mozarts okkulter Oper „Die Zauberflöte“, bis zur Bezeichnung „Freimaurer-Tempel“. Ein religiöser Akt ist auch die Totenbeschwörung im Meistergrad oder die Weihe des Freimaurertempels, die der Großmeister im Namen des „Großen Baumeisters der Welten“ mit Salz, Wein und Öl vornimmt. Allein die offizielle freimaurerische Ansicht, dass sich jeder unter dem rituell angerufenen „Baumeister der Welten“ vorstellen könne, wen er will, ist unvereinbar mit der eindeutigen Aussage Jesu: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“.

„Das negative Urteil der Kirche über die freimaurerischen Vereinigungen
bleibt also unverändert, weil ihre Prinzipien immer als unvereinbar mit der Lehre der
Kirche betrachtet wurden und deshalb der Beitritt zu ihnen verboten bleibt“
Codex Iuris Canonici

Es ist bekannt, dass der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Joseph Kardinal Ratzinger, verkündete, dass das „Urteil der Kirche gegenüber der Freimaurerei unverändert“ sei. Das hatte jedoch nicht, wie Weninger kolportiert, Verwirrung zur Folge, sondern war eine eindeutige Klarstellung. Wenn Weninger behauptet, „Ratzinger habe sich später als Papst Benedikt XVI. auch mehrmals mit Großmeistern getroffen, seine Deklaration von 1983 habe dabei keine Rolle mehr gespielt“, muss man sich fragen, was er mit dieser Aussage anderes bezweckt, als Sand in die Augen der Leser zu streuen. Auch Helmut Kohl traf Gorbatschow, ohne dadurch zum Kommunisten zu werden oder dem Kommunismus zuzustimmen. Ebenso erstaunt Weningers Aussage, dass von den weltweit sechs Millionen Freimaurern zwei Millionen, also ein Drittel, katholisch seien. Woher nimmt er die Zahlen, wie sind sie belegt? Vor allem, wo doch die Freimaurer explizit betonen, dass sie nicht nach dem persönlichen religiösen Bekenntnis fragen und dieses tatsächlich nirgends registrieren. Zudem erschließt sich nicht, wieso Weninger unbedingt das Seelenheil dieser zwei Millionen angeblich verzweifelten Katholiken stärken möchte, indem er die Freimaurerei sanktioniert. Genügt der Glaube an Jesus Christus nicht?

Es gab keine Versöhnung

Wenn er dann noch zum Besten gibt, „Eine Begegnung von Großmeistern mit Vertretern der Kirche – mit dem Papst oder auch dem Präfekten der Glaubenskongregation –, bei der nochmals die Versöhnung offiziell ausgesprochen wird, sollte reichen. Denn kirchenrechtlich sei eigentlich ja alles geklärt“, stellt sich die Frage, warum man mit einer Überfallsstaktik versucht, die Freimaurerei heilig zu machen. Ein weiteres kommt hinzu: Wieso geht Weninger davon aus, dass die Versöhnung schon erfolgt sei? Der Hinweis „bei dem nochmals die Versöhnung offiziell ausgesprochen wird“, deutet schließlich darauf hin, als wäre längst im Geheimen eine Übereinkunft zwischen Katholischer Kirche und Freimaurerei getroffen worden, die lediglich durch ein shake hands vor laufenden Kameras für alle Welt sichtbar gemacht werden müsse.

Gilt nicht mehr, was im Codex Iuris Canonici steht: „(…) Das negative Urteil der Kirche über die freimaurerischen Vereinigungen bleibt also unverändert, weil ihre Prinzipien immer als unvereinbar mit der Lehre der Kirche betrachtet wurden und deshalb der Beitritt zu ihnen verboten bleibt. Die Gläubigen, die freimaurerischen Vereinigungen angehören, befinden sich also im Stand der schweren Sünde und können nicht die heilige Kommunion empfangen. Autoritäten der Ortskirche steht es nicht zu, sich über das Wesen freimaurerischer Vereinigungen in einem Urteil zu äußern“ [Erklärung vom 17. Februar 1981 (vgl. AAS 73/1981; S. 240-241)].

Papst Johannes Paul II. hat diese Erklärung, die in der ordentlichen Sitzung dieser Kongregation beschlossen wurde, bei der dem unterzeichneten Kardinalpräfekten gewährten Audienz bestätigt und ihre Veröffentlichung angeordnet. Ein Widerruf fand bis dato nicht statt.

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