Überwindung neuzeitlicher Kränkungen

Theoretiker des Uratoms: Der Physiker, Einstein-Freund und belgische Priester Georges Lemaître starb vor 50 Jahren. Von Felix Dirsch

Der belgische Priester Georges Lemaître, der ein Spezialist in Mathematik und Physik war. Foto: IN
Der belgische Priester Georges Lemaître, der ein Spezialist in Mathematik und Physik war. Foto: IN

Drei Kränkungen waren es nach Sigmund Freud, die die Schwergewichte neuzeitlicher Wissenschaft dem Menschen zugefügt haben: Kopernikus eliminierte die Erde aus dem Zentrum der damals als Kosmos betrachteten Regionen und verursachte für den Menschen einen frühen „Verlust der Mitte“ (Hans Sedlmayr). Charles Darwin raubte ihm Jahrhunderte später das erhabene Gefühl, Krone der Schöpfung zu sein. Freud selbst desillusionierte die Vorstellung, das humane Individuum sei Herr im eigenen mentalen Haus, sein Bewusstsein vom Ich zu steuern.

Zumindest die ersten beiden Kränkungen berührten das auch in der Neuzeit noch lange von der Bibel beeinflusste Weltbild tief. Galileo Galilei, der die von Kopernikus bekannt gemachten Lehren experimentell bestätigte – mittels eines fälschlicherweise als eigenes ausgegebenen Fernrohrs –, ist bis heute das Symbol für die Spaltung von christlichem Glauben und moderner naturwissenschaftlicher Betrachtung. Darwin gab der Auffassung von der Sonderstellung des Geschöpfes Gottes den letzten Stoß.

Später lockerte sich die Kampfzone ein wenig auf. Die naturwissenschaftlichen Großen des 20. Jahrhunderts, von Max Planck über Albert Einstein bis Werner Heisenberg, waren weder überzeugte Atheisten noch neigten sie zur dogmatischen Orthodoxie. Mit der Existenz Gottes setzten sie sich gleichwohl auseinander und bewahrten eine gewisse Ehrfurcht vor dem Unverfügbaren. Einige ihrer Kollegen aus der zweiten Reihe, von Fred Hoyle bis zu Richard Dawkins, beharrten hingegen auf der Unvereinbarkeit religiöser Anschauungen und wissenschaftlicher Rationalität.

Einstein war zunächst ablehnend, lenkte dann ein

In die Zeit aufregender naturwissenschaftlicher Umbrüche (im ersten Drittel des letzten Jahrhunderts) wurde der belgische Mathematiker und Physiker Georges Lemaître – er promovierte in beiden Fächern – hineingeboren. Als Angehörigen des Jahrganges 1894 blieben ihm bittere Fronterfahrungen nicht erspart. Diese Erlebnisse führten zu einer intensiven Reflexion des Lebenssinns. Bei dem von Jesuiten erzogenen Gelehrten reifte die Berufung zum Priester. Bald empfing er die Ordination.

Für Lemaître bestand zwischen seiner seelsorglichen Tätigkeit und der als Professor für Physik kein Widerspruch. Stets erschien er im Klerikergewand zur Vorlesung. Als Spezialgebiet entschied er sich früh für die Astrophysik. Wie andere herausragende Vertreter dieser Disziplin, etwa das früh verstorbene russische Genie Alexander Friedmann, stellte er die Bedeutung der bahnbrechenden Einstein'schen relativistischen Formeln für den Kosmos heraus. Wie waren sie genau zu interpretieren? Führten sie zu einem statischen Universum oder zu einem dynamischen? Ließ sich aus ihnen ein Anfang ableiten oder nicht?

Der Zusammenhang mit philosophisch-theologischen Fragen ist offenkundig. Bereits Thomas von Aquin dachte über das Problem von Zeitlichkeit und Ewigkeit der Welt nach. Letztere Alternative erachtete Aristoteles für plausibel. Der rechtgläubige Thomas wirkt in seinem Traktat unschlüssig, ob er dem Meister zustimmen soll, geht die Bibel doch von einer göttlichen Schöpfung aus. Kants Ansicht zu dieser Kontroverse ist als salomonisch zu bewerten. Die Vernunft kann danach nicht entscheiden, ob es einen zeitlichen Anfang gibt oder nicht. Sie hebt letztlich ihre Antinomien hervor, unlösbare Widersprüche.

Die 1920er Jahre brachten atemberaubende Veränderungen in der Sicht vom Universum. Lemaître war Teil eines Diskursgeflechtes, dem herausragende Wissenschaftler wie Einstein, Friedmann, Hubble, Gamov, Hoyle, Slipher und andere angehörten. Mit Hubbles Beobachtungen kam ein Stein ins Rollen. Erstmals konnte man – auch aufgrund verbesserter Teleskope – die Entfernungen zwischen Himmelskörpern genauer als jemals zuvor bestimmen. Der Andromeda-Nebel entpuppte sich als eigene Galaxie. Es gingen bald Gerüchte von der unvorstellbaren Anzahl von Galaxien um. Heute lässt sich das zahlenmäßig bestätigen. Das Sonnensystem entpuppte sich als äußerst klein im Vergleich zur Milchstraße, zudem noch als peripher gelegen.

Vor allem Hubble ist es zu verdanken, dass das Universum als dynamisch begriffen wurde, nachdem vorher der Kosmos in der Wissenschaftskommunität zumeist als ewig eingestuft worden war. Lemaître sammelte früh Belege für die neue Perspektive. Einstein lehnte sie anfangs unter Berufung auf die von ihm entwickelte Kosmologische Konstante ab. Er sah sich später zu einer Kehrtwende gezwungen. Der belgische Gelehrte rechnete in der Zeit zurück und kam zu dem Ergebnis eines Beginns. Dieser stellt sich in der Konzentration eines „Etwas“, das er „Uratom“ nennt, in einem winzigen Punkt, kleiner als ein Atom, dar. Es muss unvorstellbar heiß und dicht gewesen sein. Dieser Zustand lässt sich zunehmend genau berechnen. Der Verlauf des radioaktiven Zerfalls war ihm wohl im Hinterkopf präsent. Beim Atomzerfall (wie beim Uran) werden Teilchen, Strahlung und Energie frei. Bis heute interessieren sich die exzellenten Denker für diese „Singularität“.

Lemaître veröffentlichte die Früchte seines Nachdenkens. Einstein nahm dazu Stellung, und zwar ablehnend: „Ihre Berechnungen sind richtig, aber Ihre Physik ist scheußlich.“ Später lenkte er ein. Nach einem Vortrag des Abbés in Princeton gab die Ikone der Physik ihre Skepsis schließlich auf. Das angeblich Scheußliche hatte sich letztendlich doch durchgesetzt. Obwohl sich der Belgier als theoretischer Physiker verstand, behielt er die Fortschritte der praktischen Astronomie im Blick. Hubbles Forschungsergebnisse wurden von den Gleichungen Lemaîtres teilweise vorweggenommen.

Die Pioniertat fand Anerkennung. Die Schlüsselarbeit aus dem Jahre 1927, ursprünglich in französischer Sprache verfasst, wurde ins Englische übersetzt. Lemaître hatte den Ausdruck „Urknall“ noch nicht verwendet, ihn der Sache nach aber genau beschrieben. Die Bezeichnung „Big bang“ besaß ursprünglich negative Konnotationen. Das war durchaus gewollt. Fred Hoyle profilierte sich als einer der großen Kritiker dieser Theorie. Als Vertreter der „Steady-State“-Hypothese erachtete er einen Anfang als überflüssig. Im Laufe der Zeit geriet er immer stärker in die Defensive.

Die Lehre vom Urknall war mit der Schöpfung vereinbar

Bis heute ist umstritten, welche weltanschaulichen Hintergründe bei dieser Debatte eine Rolle gespielt haben. Die Vorstellung vom Urknall ließ sich leicht mit dem Gedanken der göttlichen Schöpfung verbinden, weswegen Papst Pius XII., der den kreativen Kopf zum Leiter der päpstlichen Akademie der Wissenschaft machte, die Resultate mit Wohlwollen beachtete. Ganz so einfach machte es sich der bedeutende Sohn der Kirche allerdings nicht. Er erhielt trotz seines tiefen Glaubens den Unterschied zu den Modellen der Naturwissenschaft aufrecht, betonte jedoch gleichzeitig, dass es nicht unbedingt einen Widerspruch zwischen beiden geben müsse.

Zu Lemaîtres großer Freude durfte er in seinen letzten Lebensjahren noch die bahnbrechenden Ergebnisse der jungen Astrophysiker Robert Wilson und Arno Penzias registrieren. Beide fingen 1963 ein zuerst rätselhaftes Signal auf, das sich bald als ein Echo vom Urknall herausstellte. Noch heute gelten diese Forschungen als hinreichende Belege für die Richtigkeit der Theorie vom Urknall – gewiss ohne die häufig fälschlicherweise vorgenommene Identifizierung des Urknalls mit dem Beginn der Schöpfung. Ohne den Scharfsinn Lemaîtres hätte sich das ursprünglich heftig umstrittene Erklärungsmuster nicht so schnell durchgesetzt, wie es dann faktisch der Fall war.