„Überirdisches Ereignis“

Wie der Schriftsteller Ulrich Schacht seinem Vater begegnete. Von Barbara von Wulffen

Ulrich Schacht trifft seinen Vater, oben links; Familienbilder auf dem Buchumschlag des besprochenen Bandes. Foto: Aufbau Verlag
Ulrich Schacht trifft seinen Vater, oben links; Familienbilder auf dem Buchumschlag des besprochenen Bandes. Foto: Aufbau Verlag

„Ein Mann geht durch den Schnee. Der Schnee unter seinen Füßen bricht, splittert, knirscht.“ So beginnt das Schicksalsbuch eines bekannten Essayisten, Erzählers und großen Lyrikers seiner Generation, für den die Welt, von ihren arktischen Rändern aus betrachtet, weiß ist: „Ein weißer Raum aus schwarzem/ Schaum den nichts durchbricht. Nichts. Nichts“. Auch „...das Paradies ist weiß, und nichts als/ Schnee bettet die irrenden Geschöpfe“. Im Winter erkennt er „das Weiße im Auge/ Gottes, und wenn daraus Schnee/ fällt, was könnten wir/ glauben“ (Zyklus „Weißer Juli“). Es geht um Ulrich Schacht, den Poeten des Schnees, der durch und durch Naturlyriker, zum Nordlandfahrer wurde, im August 1995 sogar Franz-Josef-Land und Kronprinz-Rudolf-Insel erkundete, sein arktisches Utopia.

1951 im Frauengefängnis Hoheneck bei Stollberg/Erzgebirge geboren, wurde er 1973 selber wegen „staatsfeindlicher Hetze“ zu sieben Jahren verurteilt, von denen er vier bis zu seinem Freikauf in Brandenburg Görden abgesessen hat. Nach der Wende begann er, in Moskau nach seinem verschollenen Vater zu suchen, brach diese Suche aber auf Wunsch seiner Mutter ab, obwohl soeben aus Moskau das Fax mit der Nachricht kam, einen Fedotow aus einem Dorf im Oblast Smolensk, zu dem die Angaben genau passten, gäbe es in Moskau. Zwar hatte die Mutter nie schlecht über ihn gesprochen, aber wiederfinden wollte sie ihn nach so vielen Jahrzehnten in Wismar und später in Hamburg doch nicht mehr. Der harschige Schnee, der unter den Füßen bricht, splittert, knirscht, ist Symbol der langen Mühe, das Eis in der Mutter und das Eis auf der „anderen, der russischen Seite des Zeitflusses“ aufzubrechen, das in den 50 Jahren zwischen ihm und seinem Vater, zwischen Russland und Deutschland in arktischer Mächtigkeit angewachsen war. Den immerwährenden Verdacht zwischen Völkern teilt Schacht nicht, er plädiert für das Menschenrecht auf Unbefangenheit bei nachwachsenden Generationen.

Die schwangere Wendelgard Schacht wurde 1950 nach der Denunziation durch einen vermeintlichen Freund wegen „Verleitung zum Landeshochverrat und zur Spionage“ zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt, also wegen ihrer Liebe zu einem in ihrer Heimat Wismar stationierten russischen Offizier und dem Versuch, aus dieser Liebe eine Familie werden zu lassen, notfalls im Westen, da in der DDR solch eine Ehe undenkbar war. Nach dreieinhalb Jahren wurde sie dank Stalins Tod amnestiert. Der junge Leutnant Wladimir Jegorowitsch Fedotow war seit der Verurteilung seiner Geliebten vermeintlich im Archipel Gulag verschwunden, tatsächlich aber nur eine Weile nach Tschita verbannt gewesen und später nach Moskau gelangt.

Die Unzerstörbarkeit der Worte im Gedicht

Dank wiederaufgenommener Recherchen ist Ulrich Schacht also jener Mann, der am 4. April 1999 bei den fünf Pappeln am Rand des Dorfes Schalikowo zusammen mit einem holländischen Filmteam aus dem Auto steigt und an der Seite des soeben gefundenen jüngeren Halbbruders Slavik durch das Schneetreiben ausgerechnet eines Ostersonntags, „diesem ziemlich überirdischen Ereignis“, auf den gemeinsamen Vater zugeht, der zunächst nichts wissen wollte von seiner verdrängten Vorzeit in Wismar: „Ich möchte nichts darüber wissen, nichts davon hören“, hat er noch am Telefon behauptet. Der Moskauer Journalist Konstantin Issakow fand ihn übers dortige Militärarchiv. Arm in Arm mit Slavik geht „Ulrik“ den kurzen, aberwitzigen, in das Buch hineinkomponierten Marathonlauf durch das Gesichtsfeld der letzten fünfzig Jahre zur Umarmung des an einen Zaun gelehnten Vaters, und dies wird zum Buchraum, den Schachts innerer Monolog mit Slavik durchzieht. Er hatte sich, um die Schranke der Abwehr mit Takt und Standhaftigkeit zu durchbrechen, brieflich mit „Sehr geehrter Wladimir Jegorowitsch“ an den fremden Mann gewandt, der ihm nur „eine abstrakte Buchstabenreihe, ein bloßer genetischer Faktor“ gewesen war. Daraus ist zehn Jahre später ein Buch geworden – mit 200 gewichtigen Seiten ein Meisterwerk der Kompositionskunst. Man könnte es als eine Tripelfuge beschreiben, die wie in Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“ aus drei Themen (Mutter, Vater und Sohn sind 1., 2., und 3. Stimme) mit freien Zwischenspielen („Episoden“) gebaut ist, um in einer kanonartigen „Engführung“ auszuklingen – eine atemberaubende Konstruktion, die den Leser immer wieder zum Voraus- und Zurückblättern zwingt, bis er den roten Faden der drei so vielfach gebrochenen Lebensläufe herausfindet. Dieses scheinbar hochkomplizierte Verfahren ist völlig realistisch für einen Autor, der zwischen Gefängnis und Gefängnis seinen Lebensweg finden musste, was ihm nur gelang, weil ihn als Generalbass der lutherische Glaube seiner Familie aus einfachen, politisch extrem schwierigen Verhältnissen in der ersten und zweiten deutschen Diktatur als Grundausstattung mitgegeben war. Im Gefängnis liest er „Hiob“ und begreift, dass man mit Gott nicht rechten soll, sondern ihm vertrauen kann.

Die „Episoden“ der Buchkomposition haben viele Facetten: das Leben der Mutter zwischen Wismar und dem Frauengefängnis Hoheneck; die Originalprotokolle ihres Verhörs und 22 Jahre später des seinigen, sowie ein mit Richtmikrophon dokumentiertes Gespräch aus dem Jahr 1990 mit Schachts Richter Passon, dem er wohl als Christ verzeihen kann, den er aber nie wieder mit Vollmacht ausgestattet wissen will in einem „Gericht, das nicht Recht sprach, sondern Macht exekutierte“; oder die Episode der seelisch schier endlosen Zugfahrt der Mutter 1954 in die enge Freiheit der DDR mit Reflexionen ihrer Gefängnisjahre; dazu einige ihrer verzweifelten und doch im Glauben stets tapferen Briefe: „Weiß mein Uli eigentlich noch, dass er irgendwo noch eine Mami hat?“ Irgendwo? Nirgendwo? Ihr Baby hatte man nach wenigen Monaten der Mutter weggenommen, die dank ihres Glaubens in Tausendundeiner düsteren Nacht ihre Würde bewahrt und sich an „Eine feste Burg ist unser Gott“ gehalten hat, womit die Hohenecker Frauen im trotzigen Chor am 31. Oktober 1951 den Anstaltsgottesdienst beendeten.

Der Sohn hatte sich dann zum Vorbild seines Widerstandes an Bonhoeffer gehalten, an die „Weiße Rose“, Martin Luther King, Alexander Dubèek und – an Jesus. Später hat er sich, weil er die totalitäre Linke scharf kritisierte, vor DKP-nahen Kollegen im Westen, die mit der Diktatur sympathisierten, nach Schweden zurückgezogen. Denn er kannte jenes Land nur zu gut, das Tötungsanlagen brauchte für seine Grenze nach draußen, Stacheldrahtdorn statt Sanddorngesträuch und Hunde.

Eine der schönsten Buchpassagen erzählt, wie Schacht von der so kalt wirkenden Logik ausgehend, die er beim Theologiestudium in Rostock im Zwangsfach Marxismus-Leninismus kennenlernte und dort aufmüpfige Texte ablieferte, das Bedeutungsfeld der Sprache abschritt und im Quellgebiet der Wörter zum Logos vorstieß, „in dem alles steckt, was passiert.“ So fand er schon in jungen Jahren zur Unzerstörbarkeit der Worte im Gedicht, das in der Geschichte des Gebets gründet. Seine im Logos gefundene Heimat half ihm zu überstehen, was rasch auf ihn zukam, als die Relegation von der Universität in die Gemeinschaftszelle mit Mördern führte.

Ulrich Schacht: Vereister Sommer.

Roman. Aufbau Verlag, Berlin 2011,

221 Seiten, ISBN-13: 978-335102-729-2,

EUR 19,95