Übergriffig, überflüssig, überfällig?

Die Renaissance der Nation und ihre Folgen für Europa. Eine hochkarätig besetzte Tagung diskutiert Grundsatzfragen nationaler und europäischer Identität. Von Josef Bordat

Demonstration in Polen
Wie eng sollte Polen mit der Europäischen Nation verbunden sein und wie eigenständig nach seiner Identität suchen? Darüber diskutierte das Polnische Institut Berlin. Foto: dpa
Demonstration in Polen
Wie eng sollte Polen mit der Europäischen Nation verbunden sein und wie eigenständig nach seiner Identität suchen? Darüb... Foto: dpa

Wie kann man heute sinnvoll von „Nation“ sprechen? Welche Rolle spielt die Nation in einem inter- respective übernationalen Staatenbund wie dem der Europäischen Union? Das waren einige der Themen einer Tagung zur nationalen Identität in Europa, die als sechsstündige Diskussionsveranstaltung mit drei Panels konzipiert war.

Anlass zur Veranstaltung im Polnischen Institut Berlin gab das Gedenken an die vor hundert Jahren infolge des Ersten Weltkriegs zerfallene europäische Staatenordnung, die wiederum hundert Jahre zuvor auf dem Wiener Kongress untermauert worden war.

Zwar bildeten sich einige Nationalstaaten erst im Laufe des 19. Jahrhunderts, doch dass die Nation überhaupt eine solch herausragende Bedeutung hat, zeigte sich schon in der Verarbeitung der Französischen Revolution und deren unmittelbarer Folge: das Ende der staatlich und kirchlich wohlgeordneten Struktur Europas. David Engels verweist eingangs jedoch darauf, dass die Idee der Nation älter ist, als es ihre Blütezeit im 19. Jahrhundert nahelegt. Bereits das antike Rom kannte Provinzen, das Mittelalter unterschied – trotz der scheinbar homogenen, christlich grundierten Ordnung des Reiches – zwischen Regionen und Landsmannschaften.

Zugleich zeigt sich bereits hier die Idee Europas: die gleichförmige Unterwerfung der Stämme und „Nationen“ unter den christlichen Kaiser. Doch dieses Europa kann auch scheitern, dann aber nicht an den Mitteln, sondern „am Mangel an Solidarität bei den Menschen“, wie Engels bezüglich der Flüchtlingskrise, der Finanzkrise und der Energiefrage verdeutlicht. Auch der neue Separatismus – so verständlich er historisch und identitätstheoretisch sei –, ist nach Engels ein Ergebnis der Entsolidarisierung. Auf diese fehlende Solidarität sollte später auch Andrzej Bryk eingehen – der Begriff wird zum Schlüssel der Deutung Europas, zumindest an diesem Nachmittag.

Im ersten Panel („Europäische Konzepte des Nationalstaats“) wurden Grundfragen adressiert. Jacques Dewitte sprach zunächst über Marx. Der Begriff „Nation“ spiele keine Rolle im marxistischen Denken und auch nicht in der globalisierten Welt. Er begründet das mit dem Niedergang der Sprachen („Sprachen haben heute keinen Platz mehr“) und der Kultur der Individualität („Es gibt nur noch unverbundene Entitäten“), so der belgische Soziologe. Das Sterben der Nation „macht mir Angst“.

Die Schriftstellerin Monika Maron, die sich als „Empirikerin“ vorstellt, macht die nationale Identität des Europäers an Alltagserfahrungen fest, an einem unbestimmbaren, aber doch allgegenwärtigen Zugehörigkeitsgefühl: „Man erkennt sich als Deutsche im Ausland.“ Für sie ist die Nation Quelle der Solidarität, die daher in übernationalen Beziehungen nicht mehr so stark wirken könne. In diesem Sinne, so ließe sich schließen, zöge Europa die Menschen durch abstrakte Institutionen immer weiter von der Solidaritätsquelle weg. Fraglich wird damit das deutsche Konzept des „Postnationalismus“ (Habermas), das Dewitte dann auch scharf attackiert: „Die Deutschen müssen wieder Selbstachtung lernen.“ Das schließe Kritik an übersteigertem Nationalismus auf der Basis eines wachen Geschichtsbewusstseins ausdrücklich ein. Dewitte sprach von einem selbstreflexiven Geist, der ebenfalls typisch sei für die nationale Identität in Europa.

Das Verleugnen des Eigenen sei jedoch kein spezifisch deutsches Problem, so Frank Füredi, der in England lehrt, zeitweilig in Italien lebt und ungarische Wurzeln hat. Die kritische Debatte über nationale Identität sei verhältnismäßig neu. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kommt sie auf. Davor war klar, was das sei. Nationale Identität stünde trotz der vielfachen Rede von „Identität“ in einer zutiefst irritierten Gesellschaft (man denke an die „Gender-Identität“) nicht auf der Liste der legitimen Identitäten. Es gebe ein Bedürfnis, diese spezifische Identität loszuwerden. Maßgebend sei dafür, so Füredi, ein Mangel an Bürgertum und staatsbürgerlichen Teilhabeformen, die in der EU zurückgedrängt würden. Brexit-Befürworter Füredi (nach eigener Auskunft „der einzige britische Soziologe“, der für den EU-Austritt Großbritanniens eintrat) sieht hier auch einen Grund für das Votum der Briten: Sie wollten „selbst entscheiden“. Die Krise Europas sei also eine der Souveränität.

Maron bringt das einseitig negative Selbstbild der Deutschen mit dem Scheitern der Integration zusammen, denn ihr Gelingen hänge wesentlich davon ab, wohinein sich integriert werden soll. In die deutsche Identität hinein? Das sei sehr unattraktiv: „Wer will denn unsere Identität annehmen, wenn wir selbst dauernd sagen: ,Wir sind das schäbigste Volk der Welt!‘?“ Wir müssten, so Maron, denen, die sich integrieren wollen, ein positives Angebot machen – zumal, wenn Migranten bereits ein großes eigenes nationales Selbstbewusstsein in den Integrationsprozess einbrächten (sie nennt als Beispiel die Türken). „Wir müssen achtungsvoller mit uns umgehen“, nicht nur, aber auch, damit Integration oder Assimilation gelingt.

Das zweite Panel („Die polnische nationale Identität vor europäischem Hintergrund“) befasste sich mit Polen. Der Gedanke der „Nation“, der in Deutschland (und darüber hinaus in vielen Regionen des kulturellen Westens) im Ruf steht, eine rückwärtsgewandte Enge zu vermitteln, besitzt bei unseren östlichen Nachbarn aus historischen Erfahrungen (Stichwort: Teilung Polens) den Anstrich befreiender Zukunftsorientierung. Das beflügelt den Patriotismus, der sich in einem neuen Selbstbewusstsein zeigt. Eine gewisse „Dissonanz“ zwischen dem deutschen und polnischen Verständnis der Nation ist bereits in der Einführung Thema, als die Panel-Moderatorin Justyna Schulz, Direktorin des federführend beteiligten „Instytut Zachodni“, die politologische Arbeit ihrer Einrichtung vorstellt. Was also ist das Besondere an der polnischen Identität? Die Mobilität, meint der Schriftsteller Jacek Dehnel. Und die ethnische Durchmischung als Folge der Geschichte, also der territorialen Veränderungen in den vergangenen Jahrhunderten. Aus der „ungesunden Situation“ der Teilung Polens hätten verschiedene Pfade der Identifikation herausgeführt, allen voran die Sprache und Kultur. Dennoch war der Opferstatus das Grundgefühl der nationalen Identität vieler Polen. Seine Heimat, so Andrzej Bryk, befand sich historisch an der Peripherie Europas – aus dessen Sicht ein unbekanntes Gebiet. Polen stieg unter Otto III. aus freien Stücken in das „römische Projekt“ Europas ein – und so sei es auch heute mit dem Eintritt in die EU. Leider war Zdzis³aw Krasnodêbski – entgegen der Ankündigung – nicht nach Berlin gekommen. Als polnischer Vizepräsident des Europäischen Parlaments wäre seine Einschätzung sicher bereichernd gewesen. Mit David Engels saß dafür ein Experte in Sachen europäische Krise auf dem Podium. Der deutschsprachige Belgier lebt in Polen und schätzt gerade aufgrund seiner „supra-europäischen“ Identität das national Besondere, das Europa der spezifischen „Unübersetzbarkeiten“. Er bringt den Begriff „abendländische Identität“ auf und sieht diese ebenso wie die europäische und die nationale Identität im Zerfall – „zumindest in Westeuropa“.

Das dritte Panel („Die Rolle der Nationalstaaten in der Europäischen Union“) vertiefte schließlich vieles von dem, was im ersten Panel grundgelegt wurde, anhand politischer und institutioneller Fallbeispiele. Abgeordnete unterschiedlicher ideologischer Verortung aus Polen (Izabela Kloc), Frankreich (Frédéric Petit) und Deutschland (Manuel Sarrazin) sprachen unter Engels‘ Moderation höchst kontrovers über die Frage der Identität. Leitfrage: Widersprechen sich nationale und europäische Identität? Nein, meint Kloc – sie sei stolze Schlesierin, stolze Polin und stolze Europäerin. Petit unterscheidet zunächst zwischen Nationalität und Staatsbürgerschaft, Zuschreibungen, die manchmal kongruent gedacht werden, aber doch Verschiedenes meinen. Die personale Identität leite sich von beidem her, Europa hingegen sei eher Hort der Diversität, als dass es Identität stiften könne.

Gegen Nationalismus und Europazentrismus spricht Sarrazin: Europa habe sich gerade im Austausch mit dem Rest der Welt entwickelt. Sein Traum: „No borders, no nations!“ – ein deutlicher Kontrast zum bisherigen Diskussionsstand der Veranstaltung. Sarrazin denkt eher transatlantisch, in Richtung USA, Europa funktioniert für ihn als Werte-, vor allem aber als Schicksalsgemeinschaft gegen nationale Egoismen. Polen (und andere kleinere Staaten) fühlten sich oft als „Länder zweiter Klasse“ in der von Deutschland und Frankreich dominierten Europäischen Union, so Kloc. Petit widerspricht: Europa gebe den „Kleinen“ ganz neue Chancen.

Was bleibt von dem sehr bunten Nachmittag? Die Erkenntnis, dass das Thema schwierig ist, weil sich beim Begriff der Nation wissenschaftliche Expertise, historisch-biographische Erfahrung und persönliche Vorstellung einer lebenswerten Zukunft untrennbar vermengen. Die Nation ist der Beitrag Europas zur Weltgeschichte – im positiven Sinne, aber auch im Kontext der großen historischen Katastrophen, vom Kolonialismus bis zur genozidalen Gewalt. Europa kann und darf sich nicht gegen die Nationalstaaten entwickeln. Gleichwohl braucht es das europäische Gemeinschaftsgefühl, das über die nationale Identität hin-ausweist, damit Europa nicht in einen Tribalismus verfällt.

Ob nun der Mangel an Souveränität (Füredi) oder Solidarität (Engels, Bryk) der Bürger maßgebend ist – eins ist unbestritten: Europa ist in der Krise. Der Nation-Begriff ohnehin. Das zeigte sich auch an der eher spärlichen Beteiligung. Die hochklassige Veranstaltung hätte mehr Zuspruch verdient gehabt. So waren es am Ende nur wenige Zuhörer mehr als Referenten, Übersetzer und Institutsmitarbeiter. Für die, die da waren, aber sicher ein Gewinn.