Über der Erde schwebt ein Paradies

Atemberaubende Action und schöne Bilder, aber oberflächliche Geschichte: Der Science-Fiction-Film „Elysium“. Von José García

Um ihn auf seine Mission Richtung Elysium vorzubereiten, wird Max (Matt Damon) mit einer Art kybernetischem Rückgrat von Spider (Wagner Moura) ausgestattet. Foto: Sony
Um ihn auf seine Mission Richtung Elysium vorzubereiten, wird Max (Matt Damon) mit einer Art kybernetischem Rückgrat von... Foto: Sony

Die ersten Bilder von „Elysium“ zeigen eine verwahrloste Welt. Nicht eine postapokalyptische, nach einer globalen Katastrophe verwüstete Erde sieht der Zuschauer, sondern die düstere Zukunftsvision einer überbevölkerten, erschöpften Welt. Mülldeponien, Bauruinen und Slums kennzeichnen das Los Angeles des Jahres 2154, in dem die Handlung des Filmes von Drehbuchautor und Regisseur Neill Blomkamp angesiedelt ist. Mit diesen Bildern kontrastieren die erhabenen Einstellungen, in denen die riesige, rotierende, über der Erde schwebende, an Stanley Kubricks Science-Fiction-Klassiker „2001: Odyssee im Weltraum“ (1968) erinnernde Raumstation Elysium erscheint. Dorthin haben sich die Eliten der Wohlhabenden geflüchtet. Über das Leben auf Elysium erfährt der Zuschauer jedoch eher wenig: Auf der gigantischen Raumstation gibt es keine Krankheiten, denn ein Ganzkörperscanner erlaubt es, die ersten Krankheitssymptome zu erkennen und gezielt zu heilen, sodass die Menschen uralt werden können. Dort ist auch Grün in ausreichendem Maße vorhanden – im Gegensatz zur verödeten Erde. Dass in Los Angeles Spanisch die vorherrschende Sprache geworden ist, deutet ebenfalls darauf hin, dass auf der verschmutzten Erde nur noch die Unterschichten leben, wo hohe Kriminalität und Arbeitslosigkeit herrschen und Roboterpolizisten für Ordnung sorgen.

Zu den Armen gehört auch Max (Matt Damon), der als Kind von einer Ordensschwester aufgezogen wurde, dann aber auf die schiefe Bahn kam, Autos klaute, und nun zur Bewährung in einer Fabrik arbeitet. Schon als Kind träumte Max zusammen mit seiner Freundin Frey, eines Tages nach Elysium zu fahren. Dies ist allerdings kein leichtes Unterfangen. Denn die Bewohner der Raumstation und insbesondere Elysiums Ministerin Delacourt (Jodie Foster) achten darauf, dass die strengen Anti-Einwanderungsgesetze mit brachialer Gewalt durchgesetzt werden. Ein Beispiel liefert „Elysium“ auch zu Beginn: Auf Befehl der Ministerin schießt der Söldner Kruger (Sharlto Copley) von der Erde aus drei Shuttle-Raumschiffe mit Illegalen ab. Überlebende werden gefangen genommen. Als Max in der Fabrik infolge eines Arbeitsunfalls verstrahlt wird, bleiben ihm ganze fünf Tage, um zu einem der Scanner-Heilgeräte auf Elysium zu gelangen. Sonst wird er sterben. Er muss sich nicht nur einer schmerzhaften Prozedur unterziehen, um eine Art kybernetisches Rückgrat eingepflanzt zu bekommen, sondern auch auf der Raumstation eine bestimmte Mission erfüllen – eine Voraussetzung, damit ihm eine Untergrundorganisation ein Ticket für Elysium verschafft.

Neill Blomkamp wurde mit seinem Erstlingswerk „District 9“ schlagartig bekannt, der ebenfalls Science-Fiction-Action mit der Vision einer heruntergekommenen Welt verknüpfte. Allerdings erinnert die strenge Trennung zwischen den Slums und der schönen Villenwelt der Superreichen in „Elysium“ eher an Andrew Niccols „In Time – Deine Zeit läuft ab“ (DT vom 1.12.2011). Die schnell laufende Kamera bei den Kämpfen kontrastiert mit den ruhigen Plansequenzen des Kameramanns Trent Opaloch, die das sorgfältige Produktionsdesign von Philip Ivey mit dem Gegensatz zwischen den verschmutzten Slums und dem aseptischen Weiß der Raumstation zur Geltung bringen. Regisseur Neill Blomkamp inszeniert „Elysium“ in atemberaubendem, von Ryan Amons Filmmusik teilweise noch gesteigertem Tempo.

Dadurch bleibt Regisseur Neill Blomkamp allerdings kaum Zeit, um über das Leben auf Elysium zu berichten. Was tun die Menschen dort? Womit beschäftigen sie sich die ganze Zeit? Wie ernähren sie sich? Fragen, die „Elysium“ genauso wenig beantwortet wie was aus der ganzen restlichen Welt geworden ist. Handelt es sich bei „Elysium“ um eine rein US-amerikanische Raumstation? Der Versuch, Internationalität vorzugaukeln, indem sich Jodie Foster mit einer Familie auf Französisch unterhält, wirkt lächerlich. Der Zuschauer erhält ebenfalls wenig Zeit, um mit den Figuren Empathie zu empfinden. Dass die Tochter der nun erwachsenen Frey (Alice Braga), der Max nach langen Jahren wieder begegnet, an Leukämie erkrankt ist, wirkt denn auch ebenfalls wie ein hilfloses Drehbuch-Konstrukt.

Einige der in „Elysium” angesprochenen Themen entspringen den futuristischen Fantasien von Ray Kurzweil, der bereits 1999 genau den Ganzkörperscanner vorhersagte, der im Film gegen die Krebszellen eingesetzt wird. Laut Kurzweil würden im Jahre 2029 die meisten Menschen ähnliche kybernetische Implantate haben wie das von Max benutzte, um auf die Mission geschickt zu werden. Wer laut Kurzweil nicht dadurch „aufgebessert“ sei, gehöre zu einer menschlichen „Unterklasse“. Schade, dass diese Themen in „Elysium“ nicht weiter ausgeführt werden. Stattdessen verlegt sich Neill Blomkamp auf einen herkömmlichen Science-Fiction-Action-Film. Weil drüber hinaus das Erlöserthema allzu offensichtlich und abgedroschen erscheint, bleibt unter der zugegebenermaßen gelungenen Oberfläche von „Elysium“ inhaltlich lediglich die Frage einer Gesellschaft mit strikter Trennung zwischen Arm und Reich übrig. Diese haben jedoch die meisten Science-Fiction-Filme der letzten Jahre von Alfonso Cuaróns „Children of Men“ (2006) über Andrew Niccols „In Time – Deine Zeit läuft ab“ (2011) bis zu „Die Tribute von Panem – The Hunger Games“ (Gary Ross, 2012) weit besser behandelt, sodass Neill Blomkamps „Elysium“ den Zuschauer mit dem schalen Nachgeschmack entlässt, sein enormes Potenzial verschenkt zu haben.