Würzburg

Über den Tiber

Manchmal ist der Weg in die katholische Kirche nicht nur geprägt von Suche und Sehnsucht, sondern auch von Schmerzen. Doch die Ankunft lohnt sich. Ein persönliches Zeugnis zum Jahresausklang.

Tiber River and Saint Peter Cathedral in the Evening, Rome, Italy
Tiber River and Saint Peter Cathedral in the Evening, Rome, Italy Foto: Andrey Omelyanchuk (144772685)

Spätestens seit dem Sieg des evangelischen Preußen über das katholische Österreich bei Königgrätz 1866 sprach man in konservativ-protestantischen und liberalen Kreisen in deutschen Landen von den „Ultramontanen“, also diesen Leuten, die von „jenseits der Alpen“ gelenkt würden. Auch mein konservativer Großvater sprach so – ein vom Hagen ist Preuße und damit unmöglich Katholik.

Ich wuchs in den 1970er und 80er Jahren in Württemberg auf, wo jede richtig alte Kirche evangelisch ist. Der Pfarrer kam einmal im Jahr zum Hausbesuch bei Kaffee und Kuchen, und zur Konfirmation sollten wir Luthers 95 Thesen auswendig lernen. Lediglich Ostflüchtlinge, Gastarbeiter, oder ein paar Familien von der Schwäbischen Alb oder dem Schwarzwald waren katholisch. Eine katholische Kirche gab es in meiner Stadt bis in die 1950er Jahre nicht und dementsprechend modern waren die neuen Gemeinden. Die meisten Klassenkameraden waren evangelisch und die „Katholen“ fast so fremd wie die orthodoxen Klassenkameraden aus Griechenland oder die Mohammedaner aus der Türkei.

Katholizismus so fremd wie der Islam

An der Uni am Bodensee schloss ich eine enge Freundschaft mit einem Kommilitonen, der ein Jesuiteninternat im Südschwarzwald besucht hatte und mir abends beim Rotwein gerne von dieser mystischen Welt erzählte. Als Reserveoffizier beeindruckte mich an seinen Erzählungen die strenge Disziplin der Jesuiten. Ein Wegweiser am Konstanzer Münsterplatz erinnerte uns Wandervögel daran, dass es 2 340 km nach Santiago di Compostela sei – das brachte uns ins Schwärmen.

Erst ein Praktikum in Indien machte mir meine christlichen Werte so richtig deutlich bewusst, denn mein Mitgefühl für die Armen stieß bei den eigentlich liebenswerten Indern auf keinerlei Verständnis. Lediglich an einem Ort in unserer Provinzmetropole wurden die Bettler mit Almosen versorgt – einer katholischen Kirche. Ich muss gestehen, dass ich fast schockiert war, meine christlichen Werte so plötzlich zu entdecken. Die langen Schlangen von armen Hindus vor dieser katholischen Kirche in Indien sind mir noch immer in Erinnerung. In Deutschland besuchte ich dann regelmäßig den Gottesdienst, doch war es gar nicht so einfach, eine eher traditionelle evangelische Gemeinde zu finden. Der Gottesdienst bot mir Zeit zur Besinnung und Transzendenz, wenn auch die Predigten an der Oberfläche blieben.

Das "Oxford Movement" als Weg zur katholischen Religion

Mit der Auswanderung nach Kanada bestand die Chance, eine rein lutherische Gemeinde zu besuchen. Viele Gemeindemitglieder hatten deutsche Vorfahren oder waren nach dem Krieg nach Kanada gekommen, doch wurden die Dinge leider ziemlich liberal gehalten. Nach einem Vortrag eines anglikanischen Priesters an der Theologischen Hochschule gingen wir noch in die Kneipe, wo ich in die hochkirchliche Gemeinde der Anglikaner schanghait wurde. Welch eine zeremonielle Welt voller Chorgesang, Glocken und Weihrauch! Mit der Königin als Kirchenoberhaupt konnte ich mich arrangieren, da die Gemeinde im 18. Jahrhundert von deutschen Einwanderern gegründet wurde und auf ihre Geschichte stolz war. Der dort gepflegte Anglo-Katholizismus ist eine kleine Bewegung im Anglikanismus und besteht seit dem 19. Jahrhundert, als das „Oxford Movement“ den Versuch unternahm, dem Anglikanismus zugrundeliegende katholische Orientierungen wieder zur Geltung zu bringen. Die Bewegung wurde vor allem durch John Keble, John Henry Newman und Edward Pusey, die in Oxford wirkten, begründet und prägte die theologische Diskussion im victorianischen England. John Henry Newman war anglikanischer Priester und konvertierte 1845 zum Katholizismus – „crossing the Tiber“ (den Tiber überqueren) war ein gesellschaftlicher Skandal. Obwohl man dem Apostaten auf katholischer Seite lange misstraute, wurde er letztlich 1879 von Papst Leo XIII. zum Kardinal ernannt. Im Oktober 2019 wurde er heiliggesprochen.

Just in dieser hochkirchlichen anglikanischen Gemeinde wurde ich nicht nur mit den Heiligen der westlichen Kirche vertraut, sondern begegnete auch meiner späteren Frau. Als anglo-katholische Gemeinde richtete man sich nach dem Book of Common Prayer, das nicht nur die Liturgie vorschreibt, sondern auch Morgenandacht und Abendandacht betont. Am Abend vor dem St. Matthiastag besuchten eine junge Dame und ich die Abendandacht und wurden anschließend vom Priester zum Abendessen nach Hause eingeladen. Im folgenden Jahr verlobten wir uns und heirateten in einem Hochzeitsgottesdienst von über zwei Stunden. Das weltliche Jahr wurde mehr und mehr vom Kirchenjahr und den Festtagen zu Ehren der Heiligen bestimmt. Tracy hatte in Schottland in Theologie promoviert und so kam es, dass wir an Rüstzeiten teilnahmen und mein theologisches Interesse geweckt wurde.

Anglokatholische Liturgie begann das Leben zu prägen

Nach ein paar Jahren erkrankte dann meine Frau sehr schwer und die Ärzte gaben ihr nur ein halbes Jahr zu leben. In einer Ausgabe von National Geographic, einem Monatsmagazin, dem sie huldigte, waren just im Dezember 2015 die weltweiten Marienerscheinungen und die damit verbundenen Pilgerfahrten zur Titelgeschichte gewählt worden. Sie war überzeugt, dass die Mutter Gottes auch sie heilen könnte. Unser Priester und guter Freund machte darauf aufmerksam, dass es für Anglikaner einen Marienschrein in einem englischen Dorf namens Walsingham gäbe. Dort war die Heilige Jungfrau Maria 1061 erschienen und hatte um den Nachbau ihres Geburtshauses neben dem dortigen Kloster gebeten. Während der Reformation waren Kloster als auch „Holy House“ zerstört worden, aber durch das Oxford Movement wurde Walsingham wieder zum Pilgerort. Tracy war aber zu schwach, um die mühsame Reise von Kanada nach England zu machen und verstarb Ende des Sommers 2016. Die Trauer warf mich schwer aus der Bahn und wollte auch nach zwei Jahren nicht besser werden. Unser Freund, der uns getraut hatte, war mittlerweile in Oxford/England und leitet dort an der Universität das Pusey House. Er lud mich ein und ich nutzte die Gelegenheit, anstelle meiner Frau nach Walsingham zu gehen. Noch am Tag der Ankunft nahm ich den Zug von London nach Norfolk bis zur Endhaltestelle. Von dort aus pilgerte ich über zwei Tage auf Feldwegen und Straßen entlang zum Marienschrein, wo ich spät nachts ankam. Die anglikanischen Priester dort feiern dreimal am Tag Messe und eine heilige Quelle entspringt direkt unter der Schreinkirche, in der ein Nachbau des Holy House steht. Im Gebet für Tracy spürte ich dort die Nähe der Heiligen Jungfrau Maria und eine große Leichtigkeit überkam mich. Our Lady of Walsingham, wie sie dort genannt wird, heilte mich letztlich von meiner Trauer.

Konversion bei den Franziskanern

In Halifax wurde mir dann allerdings schmerzhaft bewusst, dass Walsingham mit seiner ausgeprägten Marienverehrung auch unter den Anglo-Katholiken die Ausnahme ist. Selbst der hochkirchliche Gottesdienst wurde mir öd und als dann noch unsere Gemeinde eine Frau zur Ordination empfahl wusste ich, dass es an der Zeit war den Tiber nach Rom zu überqueren. „The Romans“, wie sie bei hochkirchlichen Anglikanern heißen, haben hier in Halifax seit einen Dutzend Jahren einen Franziskanerorden für Mönche und Nonnen, die direkt in eine Gemeinde eingebettet sind. Dort sprach ich zweimal vor und es wurde mir ein verkürztes RCIA (Roman Catholic Initiation of Adults) Programm unter Leitung einer Nonne angeboten. Eine katholische Freundin begleitete mich als Patin einmal pro Woche zu den Sitzungen, wo ich mit dem Katechismus vertraut gemacht wurde. Es mag an den Franziskanern liegen, aber welch heitere und große Welt öffnete sich mir. Im Sommer 2019 wurde ich vor versammelter Gemeinde in die katholische Kirche aufgenommen. Die Strenge der sieben Sakramente beeindruckt mich nachhaltig und gleichzeitig spüre ich diese Leichtigkeit in mir, wie ich sie in Walsingham durch die Heilige Jungfrau Maria kennenlernte. Sie scheint mit ihrem Segen überall zu sein und nichts kommt mir mehr zufällig vor. Durch sie als Mutter habe ich schließlich zu Jesus als Bruder gefunden, denn ihre Liebe erlaubte es mir, den weltlichen Panzer abzunehmen, den ich so lange trug, und ihren Sohn in mein Herz eintreten zu lassen. Der hl. Maximilian Kolbe verwendete für Maria den Titel Immaculata – die Unbefleckte. Ihre reinigende Rolle im Erlösungswerk Christi ist einzigartig. Maria führt diejenigen, die sich ihr hingeben, zu Jesus Christus. Die Ritter der Milita Immaculatae, einem weltlichem Orden, der von Fr. Kolbe 1917 gegründet wurde, treten daher dafür ein, dass Christus auch in der Welt wieder anerkannt werde, im Bewusstsein, es gebe „kein anderes wirksameres Mittel gegen die Übel der heutigen Zeit, als die Souveränität unseres Herrn wiederherzustellen“ (Pius X.).

Der Erfolg des Liberalismus wird zur konservativen Renaissance führen

Kruzifixe, Rosenkränze und Mönchskutten wirken heute im Westen auf Menschen, die sich für fortschrittlich und tolerant halten, so aufreizend und fremd wie einst im deutschen Kaiserreich. Will man als wirklich Konservativer nicht dem Zeitgeist huldigen, kann man es fast nur wie Quasimodo halten und in der katholischen Kirche Zuflucht und eine neue Heimat suchen. Der Liberalismus muss also ironischerweise zuschauen, wie sein vermeintlicher Erfolg zu einer konservativen Regeneration der Kirche führt. In vielen Ländern des Westens kommt es zu einer noch kleinen, aber intellektuell und glaubenstreu hervorragend aufgestellten katholischen Renaissance. Gläubige Katholiken sind eben nicht wie die breite Masse, da sie ein klares Menschenbild und eine in sich schlüssige, auf dem Glauben an Jesus Christus beruhende Ethik haben. Unter dem Banner der Immaculata bilden sie eine kleine Armee, welche selbst die größten Prüfungen übersteht und am Ende gegen die Übermacht siegt. So wie es Maria in Fatima voraussagte: „Am Ende wird mein Unbeflecktes Herz triumphieren!“

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