Tre Fontane real und virtuell besuchen

Der Komplex der Abtei Tre Fontane in Rom mit der Hinrichtungsstätte des heiligen Paulus ist nun teilweise auch mit der VR-Technik erschlossen. Von Ulrich Nersinger

Den Einsatz von Technik und Technologie haben die Mönche der Abtei Tre Fontane nie gefürchtet. Foto: Ab-
Den Einsatz von Technik und Technologie haben die Mönche der Abtei Tre Fontane nie gefürchtet. Foto: Ab-

Im Südosten Roms – „tertio miliario ab Urbe“ (bei der dritten Meile vor der Stadtgrenze), wie ein früher lateinischer Text anmerkt – heißt die Tappisten-Abtei Tre Fontane Pilger und Touristen willkommen. Hier, ein wenig abseits von der Via Laurentina, in einer kleinen Talsenke gelegen, ist der Völkerapostel Paulus vor fast zweitausend Jahren für Christus gestorben. An einem Meilenstein, der sich dort befindet, eben jenem, der die dritte Meile bezeichnet, erlitt er unter Kaiser Nero (54–68 n. Chr.) den Märtyrertod.

Im ersten Klemensbrief, der um das Jahr 96 entstand, wird das Martyrium, das die Apostelfürsten Petrus und Paulus in der Hauptstadt des Römischen Reiches erlitten, als bekannt vorausgesetzt: „Wegen Eifersucht und Neid sind die größten und gerechtesten Säulen verfolgt worden und haben bis zum Tod gekämpft.“ Eusebius von Cäsarea bekräftigt in seiner Kirchengeschichte zu Beginn des 4. Jahrhunderts: „Es ist aufgezeichnet, dass Paulus in Rom enthauptet und Petrus unter Nero gekreuzigt wurde.“

Nach seiner Bekehrung zum Christentum hatte Paulus im Mittelmeerraum das Evangelium verkündet. Bei einem Tumult auf dem Jerusalemer Tempelberg im Jahre 57 war der Apostel in Haft geraten, appellierte dann als römischer Bürger an den Kaiser und trat zwei Jahre später von Cäsarea aus über Kreta, Malta und Sizilien die Reise in die Ewige Stadt an. In Rom stand Paulus zwar unter Hausarrest, durfte aber weiterhin missionarisch wirken. Nach zwei Jahren auf freien Fuß gesetzt konnte er Reisen nach Griechenland und Vorderasien unternehmen. In der neroanischen Christenverfolgung wurde er erneut verhaftet und zum Tode verurteilt. Da Paulus das römische Bürgerrecht besaß, hatte seine Hinrichtung durch das Schwert zu erfolgen, und zwar außerhalb der Stadtmauern.

Der Überlieferung nach soll das Haupt des Heiligen dreimal auf dem Boden aufgeschlagen sein; an den betreffenden Stellen entsprangen drei Quellen der Erde: „tres fontes“ (ital. tre fontane). Der Ort wurde von den Römern „ad aquas salvias“ (zu den Wassern des Lebens) genannt. Für die christliche Gemeinde war mit dem Martyrium kein Schlusspunkt des Lebens gesetzt; der Todestag eines Blutzeugen für Christus wurde vielmehr als dessen „dies natalis“ (Geburtstag) gefeiert. „Tre Fontane“ – drei sprudelnde Quellen – geben ein sehr anschauliches Bild dieser Überzeugung und Einstellung wieder. Schon sehr früh errichtete man an der Hinrichtungsstätte eine Kapelle.

Im 7. Jahrhundert ließ Papst Honorius I. neben ihr ein Kloster erbauen, in dem Mönche aus Zilizien, der Heimat des heiligen Paulus, Wohnung nahmen, um ein Leben zum Lobe Gottes zu führen. Im 11. Jahrhundert wurde die Abtei den Benediktinern übergeben und 1140 den Zisterziensern, die dort blieben, bis der selige Pius IX. (Giovanni Maria Mastai Ferretti, 1846–1878) das Kloster dem Trappistenorden anvertraute. Im Laufe der Jahrhunderte begann die Kapelle, die die Erinnerung an das Martyrium wachhielt, immer mehr zu zerfallen. 1599 befahl Kardinal Pietro Aldobrandini, der Schutzherr der Abtei von Tre Fontane, ihren Abbruch und verfügte, an derselben Stelle ein neues Kirchlein zu Ehren des Apostels zu errichten.

Die Entwürfe zu dem Neubau stammen von keinem Geringeren als Giacomo della Porta (1532–1602), einem Schüler Michelangelos und Miterbauer der Petersbasilika. Um eine würdige „memoria“ (Gedächtnisstätte) habe ihn der Kardinal gebeten, vermerkte der Architekt in seinen Aufzeichnungen. Die berühmten drei Quellen befinden sich seitdem in gleichen Abständen an der Längswand des Kirchenschiffes; sie sind in mit Marmor ausgekleideten Nischen untergebracht. Bis zum Jahr 1950 standen sie offen, dann wurden sie verschlossen. Bei der ersten Quelle ist eine durch ein Eisengitter geschützte kleine Säule zu sehen; sie soll der Meilenstein sein, an dem der Apostel hingerichtet wurde.

Im Laufe der Jahrhunderte zog es viele Pilger nach Tre Fontane, unbekannte und berühmte. Karl der Große betete zu Weihnachten 800 in der Kapelle. Der heilige Bernhard feierte dort 1138 die Messe und hatte dabei die Vision einer Leiter, die bis zum Himmel reichte. Philipp Neri kam 1556, um zu beten und seinen Beichtvater, einen der Mönche, um Rat zu fragen, ob er als Missionar nach Indien gehen solle oder nicht. Vor dem kleinen Gotteshaus ist ein Stück des antiken Steinpflasters freigelegt worden. Der dunkle Basalt dürfte zu den letzten Metern gehört haben, über die Paulus zu seinen Lebzeiten gegangen ist. Hier wird man an die Worte erinnert, die der Apostel an seinen Schüler Timotheus schrieb: „Ich werde nunmehr geopfert, und die Zeit meines Aufbruchs ist nahe. Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, die Treue gehalten.“ (2 Tim 4, 6–8).

Das Areal der Trappistenabtei in der Via di Acque Salvie 1 (00142–Roma) ist für Besucher täglich von 6.30 bis 20.30 Uhr geöffnet, der Ort der Hinrichtungsstätte des Völkerapostels, die Kirche San Paolo al Martirio, täglich von 9 bis 12 Uhr und von 16 bis 18 Uhr. Die direkten klösterlichen Anlagen (Abteikirche, Kreuzgang und Klausur) sind der Öffentlichkeit größtenteils oder gar nicht zugänglich. Um aber dennoch über sie, über ihre bedeutende religiöse und historische Dimension, zu informieren, hat sich die Abtei für die derzeit modernste Präsentation entschieden: den Einsatz der VR-Technik. „Virtual Realty (VR)“ versteht sich als die Darstellung einer virtuellen Welt, die durch einen Computer generiert wird. VR vermittelt den Eindruck, in einer künstlich erschaffenen Umgebung persönlich anwesend zu sein und sich in ihr frei bewegen zu können. Durch spezielle VR-Brillen ist es möglich. auf faszinierende Art und Weise in virtuelle Realitäten einzutauchen.

Dem Abt von Tre Fontane, Dom Jacques Marie Briere, fällt die Begründung für die VR-Installation nicht schwer: „Je mehr man an diesem Ort lebt, desto mehr verstehen wir die Bedeutung und die Schönheit des Erbes, das wir als Geschenk erhalten haben. Heute können wir es dank technischer Innovationen teilen, und allen die Orte unserer klösterlichen Existenz zeigen, den Menschen zumindest eine Vorstellung davon vermitteln, was das Klosterleben, ein Leben in der Einsamkeit und das ständige Streben nach der Gegenwart des Herrn beabsichtigt. Den Einsatz von technischen Mitteln, Technik und Technologie, haben die Mönche nie gefürchtet; im Gegenteil sie besitzen eine sehr positive Sicht auf alles, was den Menschen in ihrer Lebens- und Arbeitswelt hilft.“

Die VR-Installation befindet sich im Museumsbereich der Abtei und kann dort täglich von 9.30 bis 13.30 Uhr und von 15.30 bis 19.30 Uhr genutzt werden. Weitere Informationen finden sich auf der Internetseite www.abbaziatrefontane.it, auf der auch Änderungen der Öffnungszeiten zu erfahren sind. Den Abteikomplex erreicht man mit der Metrolinie B, Station „Laurentina“, und von dort aus mit dem Bus 761 in Richtung „S. Paolo“ mit dem Ausstieg bei der dritten Haltestelle. Alternativ kann man von der Metrostation auch einen Fußweg von circa 20 Minuten wählen.