Tratsch auf literarischem Niveau

Giuseppe Gioacchino Belli – Roms großer Volksdichter bewegt noch 150 Jahre nach seinem Tod den Vatikan. Von Ulrich Nersinger

Die vatikanische Ein-Euro-Briefmarke zum Gedächtnis an den römischen Schriftsteller Giuseppe Gioacchino Belli. Foto: Archiv
Die vatikanische Ein-Euro-Briefmarke zum Gedächtnis an den römischen Schriftsteller Giuseppe Gioacchino Belli. Foto: Archiv

In Rom kann man sich derzeit eines Schmunzelns nicht erwehren, wenn man Post aus der Vatikanstadt erhält und der Brief mit einer Marke geschmückt ist, die den bekanntesten Volksdichter der Ewigen Stadt, Giuseppe Gioacchino Belli (1791–1863), zeigt. Der Kirchenstaat hat die Ein-Euro-Briefmarke zur Erinnerung an den 150. Todestag Bellis am 21. Dezember 1863 herausgegeben. Die postalische Ehrung des Dichters gewann auf ungewöhnliche Weise durch Papst Franziskus an Aktualität.

Ende September hatte sich der Pontifex gleich zweimal mit dem Thema „Geschwätz“ auseinandergesetzt. „Schluss mit dem ständigen Geschwätz! Geschwätz ist destruktiv für die Kirche“, bekamen die Teilnehmer an einer Frühmesse im vatikanischen Gästehaus zu hören. Bei einem Gottesdienst zum Patronatsfest der päpstlichen Gendarmerie forderte der Heilige Vater die Ordnungshüter sogar auf, jene, die sie im Vatikan beim Geschwätz ertappen, zu stoppen: „Der Tratsch ist eine Sprache, die man nicht im Vatikan sprechen kann, es ist eine verbotene Sprache, denn es ist die Sprache des Teufels.“ Und auch bei seiner Weihnachtsansprache an die Mitarbeiter der Römischen Kurie wandte sich Papst Franziskus nochmals mit harschen Worten gegen den Tratsch.

Aber ausgerechnet Giuseppe Gioacchino Belli, dessen Profil nun die vatikanische Briefmarke schmückt, ist für viele der Protagonist des Tratsches als Literatur. „Keinem gelang so sehr, das Gerede des Volkes zu Papier zu bringen, wie ihm“, urteilte der Augustiner-Chorherr und Kurienprälat Vincenzo Tizzani über den römischen Poeten. Belli wurde am 7. September 1791 in Rom geboren. Sein Vater Gaudenzio stand in Diensten der päpstlichen Verwaltung; seine Mutter Luigia Manzio entstammte einer bekannten Juristenfamilie der Ewigen Stadt. Wie sein Vater, so schlug auch der junge Belli eine Beamtenlaufbahn im Kirchenstaat ein. Schon früh zeigte sich sein Talent als Schriftsteller; zunächst bewies er es mit wissenschaftlichen Aufsätzen und, nach seiner Annäherung an das römische akademische Ambiente, mit dem Verfassen von Versen. Seine Heirat mit einer wohlhabenden Witwe ermöglichten ihm die Vervollkommnung seiner Literaturleidenschaft und Reisen in ganz Italien. In Mailand wurde er mit dem Werk des Dichters Carlo Porta bekannt und sah, dass die humorvolle, mundartliche Dichtung ein mit den anderen Literatursparten gleichrangiges Mittel der Darstellung der Gesellschaft zu sein vermochte.

Belli gelang es, mit beißendem Spott die Laster und Tugenden der römischen Bevölkerung zu beschreiben, wobei er sich als metrische Form für das Sonett entschied und es schaffte, mehr als zweitausend davon zu dichten: „Ich habe beschlossen, dem, was heute das römische Volk ist, ein Monument zu schaffen... die Sprache, das Naturell, die Sitten und Gebräuche, die Beschäftigungen, die Überzeugungen, die Vorurteile, die irrationalen Glaubensgebilde, kurz, alles was es betrifft.“ Doch diesem von ihm geschaffenen großartigen Monument steht der Dichter zwiespältig gegenüber. Denn im Grunde möchte er seine Sonette nicht veröffentlicht sehen. In seiner Vermittlung des römischen Dialekts, des Romanesco, ist er durch und durch wahrhaftig, aber zu dem Sarkasmus, der Brutalität und der Obszönität der Worte will sich der Römer aus gutem Bürgerstand, der antiklerikale und dennoch gläubige Katholik, eine sichere Distanz bewahren. So ist der Dialekt seiner Heimatstadt für ihn letztendlich „eine entartete und verdorbene Redensweise“, vor der ihm graut, die er hasst.

Hugo Schuchardt fragte sich in seinem Essay „G. G. Belli und die römische Satire“ (1871): „Glich nicht Belli ein wenig seinen Trasteverinern, welche Hostie und Messer zusammen tragen, jetzt ,mannaggia la Madonna!‘ (verflucht …!) rufen, und eine halbe Stunde später andachtsvoll zur heiligen Jungfrau beten, sich vor dem Papst demütig in den Staub werfen und im Aufstehen ein Witzwort über ihn auf den Lippen haben?“ Selbst für Otto Ernst Rock, der sich eingehend mit dem Dichter beschäftigt hat, ist das „Phänomen Belli“ noch heute schwer zu erklären, den Belli „stand innerlich dem einfachen Volk fern“. Belli „schämte sich zeitlebens dieser Liaison mit dem Gewöhnlichen, das ihn so faszinierte… er hatte die Sprache des Volkes von Trastevere als das rechte Mittel entdeckt, sich seinen Abscheu vor Heuchelei und Bosheit, Machtmissbrauch und Rechtsbruch von der Seele zu schreiben und seine Ängste dazu.“ In seinen Sonetten gibt der Dichter ein so fundamental erklärendes und prägendes Bild vom einfachen römischen Volk, wie es kaum jemandem vor und nach ihm gelang.

Mit der Zeit und dem vorgerückten Alter versagte es sich Belli, dieses Werk fortzuführen. Es war eine Vielzahl von Gründen, die hierfür verantwortlich war – nicht zuletzt die Sorge, mit seinen Sonetten und ihrer Veröffentlichung könne er der Karriere seines Sohnes, der beruflich in die Fußstapfen seines Vaters und Großvaters getreten war, schaden. Und so wurde Giuseppe Gioacchino Belli sogar Mitarbeiter der römischen Zensurbehörde, die sich häufig päpstlicher als der Papst gebar, und über die sich selbst Pius IX. mokierte: So hatte ein übereifriger Zensor in einem Operntext „beim Klang der Engelsharfe“ in „beim Klang der harmonischen Harfe“ umgewandelt. Der Papst erfuhr davon und reagierte wenige Tage später darauf. Als er zu einer Ausfahrt den Vatikan verließ, rief er bei der Porta Angelica (Engelstor) dem Kutscher zu: „Also los, fahren wir durch die Porta Harmonica!“

1850 wurde Belli Präsident der Akademie der Tiberiner, er widmete sich nun einer anderen Literatur, er verfasste religiöse und kirchliche Texte. 1856 erschienen seine „Geistlichen Hymnen des Breviers“ in Gedichtform und Hochsprache. Belli wurde vom Papst in Privataudienz empfangen, überreichte dem Pontifex seine neuen geistlichen Werke und erhielt zum Dank von Pius IX. eine goldene Pontifikatsmedaille. Am 21. Dezember 1863 erlag der Dichter den Folgen eines Schlaganfalls. Seine Sonette in Romanesco hatte er zuvor Monsignore Tizziani zur Aufbewahrung anvertraut, mit der Verpflichtung, sie nach seinem Tode zu verbrennen. Doch der Prälat, Bellis Sohn Ciro und der Freundeskreis des Dichters entschieden sich, dem nicht nachzukommen. Die Sonetten wurden veröffentlicht – und damit zu Literatur und zu einem einzigartigen Kulturgut.

Giuseppe Gioacchino Bellis Werk in andere Sprachen zu übertragen ist oft angegangen worden. Eine erste Übersetzung erfolgte 1878, und zwar von Paul Heyse in Deutsch. Die gewaltigen Schwierigkeiten, die sich bei allen Translationen zeigten, versuchte man nicht selten dadurch zu überwinden, indem für die Übersetzungen heimische Dialekte genutzt wurden. So bediente sich Adrianus Hendrik Luidjens des Amsterdamer Platts und der amerikanische Dichter Harald Norse des New Yorker Dialekts. Generell reichen die zahlreichen Übersetzungen kaum an das Original heran und bleiben immer in dessen Schatten. Eine lesenswerte Auswahl der Sonette in deutscher Sprache gibt Otto Ernst Rock. Rock greift in seinem Werk „Die Wahrheiten des G. G. Belli“ (Frankfurt am Main 1984) auf das Umgangsdeutsch zurück und nennt seine Übersetzung einen Versuch, so vorzugehen, „dass wenigstens ein Abglanz des Originals und dessen Sprach- und Darstellungskraft spürbar wird“.

Bellis Werk bedarf einer guten Kenntnis der italienischen Sprache und verlangt, sich mit der Geschichte der Ewigen Stadt eingehend vertraut gemacht zu haben. Wenn sich heute sogar Römer mit dem Romanesco schwer tun, so kann für jemanden, der Deutsch seine Muttersprache nennt, eine Beschäftigung mit den Sonetten Bellis immer nur eine Annäherung, eine mühevolle Annäherung sein. Doch die auf sich genommenen Mühen lohnen sich; sie geben einen faszinierenden Blick auf die Stadt am Tiber, auf die Stärken und Schwächen ihrer Bevölkerung. Geschwätz und Tratsch als „Lebensmittel“ der Römer werden in ihrer Verlockung und Wirkung erkennbar. „Schwätzen ist wie Honigbonbons naschen – man nimmt noch eines und noch eines, und am Schluss hat man Bauchweh.“ Dieses Bonmot könnte aus der Feder Bellis stammen, aber es sind Worte aus dem Munde von Papst Franziskus.