Tiger-Mama drillt den Siegernachwuchs

Warum die harte Erziehung zu Superkindern kein vertretbares Pädagogikkonzept ist. Von Albert Wunsch

Respekt, Achtung sowie die Erziehung zur Selbstdisziplin und Verantwortung für die uns anvertraute Schöpfung sollten in der Familie eine zentrale Rolle spielen. Foto: dpa
Respekt, Achtung sowie die Erziehung zur Selbstdisziplin und Verantwortung für die uns anvertraute Schöpfung sollten in ... Foto: dpa

Was würde weltweit passieren, wenn ein unbekannter Kunstprofessor einer renommierten deutschen Hochschule ein Buch über seine juristischen Praktiken oder Erkenntnisse veröffentlichte? Nichts, oder vielleicht ein müdes Lächeln, ergänzt durch den Volksmund-Appell: „Schuster bleib bei deinem Leisten!“ Was führt dazu, dass ein als Buch erschienener Erziehungsbericht einer chinesisch-stämmigen Yale-Jura-Professorin der Vereinigten Staaten weltweit einen Hype auszulösen scheint und das Blut der Menschen in Wallung bringt? Eigentlich ohne eine gewaltige PR-Maschinerie nicht zu erklären, es sei denn, dass die schriftlichen Ergüsse dieser anscheinend alleinerziehenden Mutter – der Vater ist eher eine ruhige Randfigur – auf eine latente innere Unruhe, Unsicherheit oder gar Angst gestoßen sind, sonst wäre dies nicht erklärbar. Ja, die „Schlachtrufe einer Tigermama“ trafen in großer Breite auf einen „wunden Punkt“ und lösten manche äußerst bizarre emotionale Reaktionen aus. Es gab sogar Morddrohungen in der heftig, leidenschaftlich und polemisch geführten Debatte.

Amy Chua – 38 Jahre alt – stellt als zur Elite gehörende Super-Mama eine fernöstlich als erfolgreich betrachtete Drill-Erziehung einer westlichen durch Weichheit, Inkonsequenz und Unterforderung geprägten pädagogischen Praxis gegenüber. Ein Kurzschluss-Resümee: Wer nicht von China überrannt werden will, muss dessen Erziehungssystem übernehmen. Damit befinden wir uns im Zentrum der Gefahr, dieses Buch als Sieger-Macher-Strategie zur Überwindung unseres allerorts festzustellenden geballten Unvermögens im Umgang mit Kindern aufzugreifen.

Aber ist es verwerflich, wenn Amy Chua ihre Kinder zum Erfolg zu führen sucht? Wollen nicht (fast) alle ihre Kinder als Sieger sehen? Dies wird meist so sein. Nur ist dann vorab zu klären, was als Erfolg oder Sieg betrachtet wird. Sonst wir aus einem „gutgemeinten Besten“ fürs Kind schnell das Gegenteil. So fühlte sich Napoleon etwa noch kurz vor Moskau als großer Sieger und sah den Zar schon ergeben zu seinen Füßen liegen. Er fühlte sich als mächtiger Eroberer, der nur noch die ruhmreiche Stadt an der Moskva in Besitz nehmen brauchte. Aber nur wenige Tage später stand er am Abgrund seines Erfolgs, zeigte sich das Desaster seines Größenwahns. So abrupt kann ein Höhenflug in einem Absturz enden.

Was kann dies möglichen Tiger-Mama-Fans sagen: Dass eine Zeugnis-Note maximal das Ergebnis fachlichen Wissens oder Könnens widerspiegelt. Sicher mag eine „summa cum laude-Urkunde“ sich innerhalb einer Bewerbung oder überm Schreibtisch gut machen. Aber welchen Wert fürs Leben drückt sie aus? Zu was führt dieses Zertifikat exzellenter Fachlichkeit den Absolventen? Wird er oder sie zum grandiosen oder verbissenen Forscher? Wird eine demokratische oder faschistische politische Karriere angestrebt? Soll es um die Leitung in einem Unternehmen gehen oder führt es zum Anheuern bei der Mafia? Und in welchem Umfang wird dabei das bisher kennengelernte Steuerungs-Instrument zwischen „kleinem Zuckerbrot und großer Peitsche“ das Handeln prägen?

Kein Super-Examen sagt etwas über die Voraussetzungen zu einem eigenständigen, selbstverantworteten und zufriedenen Leben aus. Dazu wären andere Fähigkeiten zu entwickeln. Denn um ein erfüllendes Leben in Beruf, Partnerschaft, Familie und Freundeskreis zu führen, sind reichlich liebevoll-kontinuierliche Beziehungs-Erfahrungen und ermutigende Zuwendungen notwendig. Je unsicherer die Zukunft ist, umso umfangreicher muss die Mitgift an Empathie, Fleiß, Durchhaltevermögen und Kompromissfähigkeit sein. Kinder brauchen die Erfahrung, dass Anstrengungen (nicht aufoktroyierte), Durststrecken und Rückschläge genauso wie Freude oder auch Langeweile zum Leben gehören. Ihnen ist zu vermitteln, dass neben emotional-sozialer Kompetenz auch fachliches Wissen und praktisches Können notwendig sind. Kurz. Es geht um das Erlernen eines erfolgreichen Lebens.

Amy Chua will oder wollte das Beste aus den Kindern herausholen, ohne vorher abgeklopft zu haben, was das konkret im Hinblick auf ihre Töchter sei. Das Prinzip „Kein Lob ohne Leistung“ sollte das Selbstwertgefühl stärken; Glück und Befriedigung sind nur durch Perfektion erreichbar. In einem Interview sagte Amy Chua: „Hartnäckiges Üben ist ausschlaggebend für Spitzenleistungen. Der Effekt sturer Wiederholung wird in der westlichen Welt weit unterschätzt.“ Auf die Frage, ob sie einen Zusammenhang mit der hohen Suizidrate bei asiatisch-amerikanischen jungen Frauen sehe, sagte sie: „Wenn das stimmt, ist das natürlich tragisch. Aber mir erscheint das doch sehr anekdotisch.“

In Sachen Erziehung scheint das Pendel zu häufig zwischen Kuschelkurs und Laufenlassen auf der einen Seite und einem sich in Strenge und Härte äußernden diktatorischen Gebaren als Gegenpol zu schwingen. Meist geschieht dies in steter Abwechslung. Heute prägen Drüberwegsehen und Verwöhnung das Verhalten und morgen ist mir alles zu bunt, sodass Härte und Verbote die Szene beherrschen. Der Schlüssel für einen Mittelweg wäre das Stichwort: „Das Leben und Erleben von Vereinbarungen und Konsequenzen“. Denn wenn natürliche und logische Folgen von kindlichen Verhaltensweisen – ob mit positivem oder negativem Vorzeichen – viel umfangreicher deutlich würden, hätte dies einen Schub in Richtung eigenständigen Lernen und Selbstverantwortung zur Folge.

Wer beim Lesen des Erziehungs-Versuch-Buches von Amy Chua auch seine tiefere Botschaft erkennt, kann ihm drei wichtige Hinweise entnehmen. Erstens: Bei einem per Druck und Unterwerfung aufgewachsenen Menschen wird nicht Ausgeglichenheit und Liebenswürdigkeit, sondern Aggression und Gewalt wachsen. Zweitens: Jedes Überstülpen von eigenen Vorstellungen wird einem Kind mit seinen ganz spezifischen Anlagen und Entwicklungsbedürfnissen nie gerecht. Drittens: Ja, per Zwang kann etliches erreicht werden, ob nun Sklaven Pyramiden bauten, die Untertanen autoritärer Herrscher deren Drecksarbeit verrichten oder ein Kind zur Musik-Virtuosin herangezüchtet wird, aber es ist immer ein Angriff auf die Menschenwürde. Da ein durch Nachgiebigkeit und Unterforderung geprägter Erziehungsstil keinesfalls zu mutigen, leistungsbereiten und zufriedenen Erwachsenen führen kann, stellt sich die Frage: Was ist denn die Alternative zu Drill, Druck und Leistungszwang?

Bei der Erziehung geht es immer um Respekt, Wohlwollen, Achtung, Selbstdisziplin und Empathie, um die Befähigung zur Verantwortung für sich, die Mitmenschen und die uns anvertraute Schöpfung. Das kann und darf durch Zwang nie zu erreichen gesucht werden. Es deutet vieles darauf hin, dass Amy Chua diese Lektion zum Ende des Buches begriffen hat.

Der deutsche Titel des Buches von Amy Chua: „Mutter des Erfolgs. Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte“ (Nagel & Kimche, 2011) müsste eher heißen: „Wie ich Kindern die Seele kaputt machen kann. Vom Pyrrhussieg einer gutmeinenden überdrehten Mutter“. In China lächeln viele über die Reaktionen zu diesem Buch. Denn hier haben sich mittlerweile soviel Weichmacher ins Erziehungssystem geschlichen, so dass ein Blick auf die deutsche Pädagogen der sich breitmachenden Inkonsequenz und Unterforderung der Kinder ein Ende bereiten könnte.

Dr. Albert Wunsch ist Erziehungswissenschaftler, Psychologe, Supervisor (DGSv) und Konflikt-Coach. Er lehrt an der Universität Düsseldorf, der KatHO Köln sowie der PTH in Vallendar und arbeitet in eigener Praxis als Paar-, Lebens- und Erziehungs-Berater. Seine Bücher, „Die Verwöhnungsfalle“ (auch in Korea und China erschienen) und „Abschied von der Spaßpädagogik“ lösten ein starkes Medienecho aus.