Thalia-Theater verunglimpft den Papst

Nicolas Stemann verfremdet „Nathan den Waisen“ auf grelle Weise

Die berühmten Blankverse des Lessing-Dramas „Nathan der Weise“ erklingen auf der Bühne des Hamburger Thalia- Theaters aus einem Lautsprecher. Der düstere, hohe, fast kahle Raum, in dem der Apparat von einer unsichtbaren Decke hängt, entpuppt sich als Aufnahmestudio, in dem gesichtslose junge Leute in Business- Anzügen die Dialoge von 1779 ablesen, als wäre es für den Schulfunk oder eine Hobby-Produktion. Doch als der Nathan-Sprecher die hoffnungsvolle, humanistische Ringparabel von der Gleichwertigkeit der Religionen erzählen soll, kippt die Handlung vor schaurig-kitschigen Videobildern von Krieg und Tod ins Aggressive, Pessimistische einschließlich des aktuellen Elfriede-Jelinek-Texts „Abraumhalde“.

Schauspieler stolzieren mit Benedikt XVI-Gesichtern herum

Unter großer Distanzierung und greller Verfremdung hat Nicolas Stemann den Aufklärungsklassiker von Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781), Pastorensohn und Verfasser der „Hamburgischen Dramaturgie“, inszeniert. Bei der zweistündigen Premiere der Koproduktion mit dem Schauspiel Köln am Samstagabend feierte das Publikum Regisseur und Darsteller, zu denen Philipp Hochmair, Felix Knopp und Maja Schöne zählen. So gibt es bei ihm kein festes Stück-Konzept mehr, keine Individuen und keine klare Rollenzuweisung. An der Rampe im Märchenton wie von einem Oberlehrer ins Publikum vorgetragen, ist die Botschaft der Ringparabel, diesem Kernstück deutscher Aufklärung, gleich ganz gestrichen: Sanftmut, herzliche Verträglichkeit, Wohltun und innigste Ergebenheit in Gott anstelle dogmatischer Religionsgläubigkeit solch ein Verhalten fordert hier kein Weiser mehr.

Dafür prasselt Feuer, dessen Schein sich riesig hinten auf der von Kathrin Nottrodt gestalteten Bühne widerspiegelt. Sätze wie „Der Jude wird verbrannt“ und „Die Toten sollen unter der Erde bleiben, wir wollen sie nicht mehr sehen“ gewinnen die Oberhand. Während in Schmierenfilm-Ästhetik Leichen, Klagefrauen und waffenstarrende Männer in Nahost-Kleidung auf einer Leinwand erscheinen, stolzieren Schauspieler mit Benedikt XVI.- und Josef-Fritzl-Pappgesichtern herum. Es erklingen chorische Sätze über Selbstmordattentäter mit Dauererektion und der Vision von 72 Jungfrauen im Himmel. Dazu erschallen Rufe wie „Wir sind jetzt Papst“ und vom „Vater, der einfach nur wahnsinnig scharf auf Jungfrauen ist“. Selbstverliebt tanzen Jude, Christ und Moslem, erkennbar an karikierenden Ganzkopfmasken, mit Goldbarren. Typisch wortspielerisch und wütend im Sinne der österreichischen Nobelpreisträgerin Jelinek (58) und in krasser Opposition zum auf Menschenliebe gründenden Lessing-Geist heißt es auch: „Egal, woran sie glauben, sie kriegen es nicht. Sie kriegen Krieg. Sie kriegen nichts mit.“ In der NS-Zeit war das um Frieden und Toleranz werbende Stück verboten. Bei Stemann übernehmen Darsteller in theatralischen Gewändern (Christoph Bantzer, Katharina Matz) altertümlich pathetisch das Regiment in einer „Nathan“-Version, in der es am Ende heißt: „Das Leiden siegt immer.“

Auch ein Jelinek-Werk wird menschlich unreif inszeniert

Bereits am Vorabend hatte Stemann einem Jelinek-Werk zur umjubelten Premiere verholfen: der Hamburger Fassung von „Die Kontrakte des Kaufmanns“, einer trostlos bunten „Wirtschaftskomödie“ über Gier und Unmenschlichkeit. Auch sein mit Jelinek versetzter „Nathan der Weise“ gerät dem 40-jährigen Regiestar und Lieblings- Interpreten der provokationsfreudigen Autorin zur bizarr formulierten, jedoch nur wenig geistbeflügelten, öden Zeit-Analyse: Denn dass es auf der Welt grausam zugeht, dürfte hinlänglich bekannt sein. Dass das allerdings zwingend Grund sein müsste, Ideale von Glaube, Liebe, Hoffnung zu begraben, erscheint so unrealistisch wie menschlich unreif.