Tagesposting: Wer ist Timothy Garton Ash?

Von Prof. Norbert Bolz

Tagesposting: Das Statement  ohne Botschaft
Der Autor ist Professor für Medienwissenschaften an der Technischen Universität Berlin. Foto: Kathrin Harms

Mit dieser Glosse möchte ich Ihnen, verehrter Leser, die langwierige Lektüre eines umfangreichen Buches ersparen. Diese negative Empfehlung, ja Warnung ist nicht nur deshalb nötig, weil der Autor weltberühmt, also ein Bestseller-Autor ist und Ihnen sein Buch über „Redefreiheit“, das schon 2016 erschienen ist, immer noch an jeder Bahnhofs- und Flughafen-Buchhandlung begegnen wird.

Was ihn allerdings geradezu immun gegen Kritik macht, ist die Fülle der Auszeichnungen, die ihn und sein wissenschaftliches Werk ehren. So erhielt Ash 2017 den Karlspreis der Stadt Aachen für besondere Verdienste um Europa. Sein unmittelbarer Vorgänger war übrigens niemand geringerer als Papst Franziskus.

Timothy Garton Ash ist eigentlich nur ein englischer Historiker. Er versteht sich aber als Wissenschaftler und Journalist zugleich.

In seinem Buch über das große, aktuelle Thema Redefreiheit hat er sich leider entschlossen, als Journalist aufzutreten. So ist ein Sachbuch typisch angelsächsischer Prägung entstanden: wenige, einfache Thesen, hunderte von Beispielen und immer wieder persönliche Anekdoten, die den Autor als Gesprächspartner der Großen dieser Welt zeigen.

Das Buch betreibt Marketing für die Plattform freespeechdebate.com, die alle Gutmeinenden dieser Welt – Ash nennt sie in aller Unschuld „Männer und Frauen guten Willens“ – einlädt, gemeinsam Regeln für eine globalisierte Welt zu formulieren, in der „wir alle zu Nachbarn werden“.

Das Buch will die „Bedienungsanleitung“ für eine weltweite Debatte über Redefreiheit als Grundbedingung von Demokratie und Frieden sein. Und genauso langweilig liest es sich denn auch.

Es ist sicher unendlich oft gekauft und verschenkt worden, aber nur einige wenige Rezensenten werden bis zur Seite 664 durchgehalten haben. Die zehn Prinzipien, die Timothy Garton Ash dieser Debatte als Rahmen vorgibt, sind von einer erschreckenden Banalität – und eignen sich gerade deshalb hervorragend für politische Sonntagsreden, Akademie-Tagungen und internationale Organisationen. So lautet das Prinzip des Wissenschaftlers zum Thema Wissen: „Wir nutzen jede Chance, Wissen zu verbreiten, und tolerieren hierbei keine Tabus.“ Und das Prinzip des Journalisten zum Thema Journalismus lautet: „Wir benötigen unzensiert, vielfältige und vertrauenswürdige Medien, um gut informierte Entscheidungen zu treffen und vollständig am öffentlichen Leben teilzuhaben.“

Die weltweite Debatte auf der Plattform freespeechdebate.com soll ein „transkultureller Dialog“ sein, der sich auf die Suche nach einem „universelleren Universalismus“ macht und am Ende „globale universelle Werte“ formuliert. Das spricht jedem Gesinnungsethiker aus der Seele. Die Botschaft dieses Buches lautet: Seminaristen aller Länder – vereinigt euch! Und sein Autor präsentiert sich als der nette, optimistische Liberale, der mit seiner Diskursethik die Welt ein wenig besser macht. Und dabei bedient er alle Vorurteile, die es gegen Liberale gibt.

Tagesposting: Das Statement  ohne Botschaft
Der Autor ist Professor für Medienwissenschaften an der Technischen Universität Berlin. Foto: Kathrin Harms