Berlin

Tagesposting: Leidenschaft und Augenmaß

Leidenschaft und Augenmaß
In der Politik braucht es beides: Leidenschaft und Augenmaß. Fehlt eines, gerät das gesellschaftliche Gleichgewicht ins Wanken. Foto: Adobe Stock

Wir leben in einer hasserfüllten Gesellschaft. Diesen Eindruck muss man jedenfalls bekommen, wenn man die Zeitung aufschlägt, den Fernseher einschaltet oder sich in den sozialen Medien tummelt. Wie konnte es dazu kommen? Der große Soziologe Max Weber forderte schon vor hundert Jahren eine Politik mit Augenmaß und Leidenschaft. Ja, auch Leidenschaft. Denn Politik als Kampf um die Macht ist nötig, weil die meisten gesellschaftlichen Probleme nicht gelöst werden können. Aber weil unserer politisch-medialen Elite das Augenmaß fehlt, ist ihre Leidenschaft in Wut und Hass umgeschlagen.

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Der Autor ist Initiator der Jugendkatechismus-Initiative „Youcat“ und Leiter der internationalen YOUCAT Foundation in As... Foto: Archiv

Das hat zu einer grenzenlosen Infantilisierung und Emotionalisierung der Themen geführt, gegen die der mündige Bürger und seine sachlichen Argumente auf verlorenem Posten stehen. Totalitäre von links und rechts erkennt man an dem wütenden Geschrei, mit dem sie Gegenstimmen zum Schweigen bringen wollen. „Silencing“ nennt man das in Amerika. Wer keine Argumente hat, kann immer noch „blockieren“ und „canceln“. Man muss heute auf der richtigen Seite stehen und „Haltung zeigen“ – da ist ein Interesse an Wahrheit eher hinderlich. Noch deutlicher gesagt: Heuchelei und Hass heißen heute „Haltung“. Es geht den militanten Aktivisten nämlich gar nicht darum, die Umwelt zu retten oder den Migranten zu helfen, sondern einen Feind zu bekämpfen: den Rassisten, den Klimaleugner, den Kapitalisten.

„Größenwahn und Infantilisierung sind zwei Seiten
derselben Medaille. (...) Warum fehlt das Augenmaß?“

In diesem kulturellen Bürgerkrieg machen uns Wissenschaft und Politik wenig Hoffnung. Sie betören die Öffentlichkeit mit einem apokalyptischen Ton, der zur radikalen Umkehr aufruft. Der Wissenschaftler tritt nämlich immer häufiger als Unheilsprophet und Gefälligkeitsgutachter auf – das ist aber genau die Figur, die einer so dringend nötigen neuen Aufklärung im Weg steht. Und bei den führenden deutschen Politikern dominiert ein moralischer Größenwahn, der uns heißt, bei allen großen Weltproblemen wie Klimawandel und Massenmigration „voranzugehen“. Größenwahn und Infantilisierung sind zwei Seiten derselben Medaille. Und wir müssen uns fragen: Warum fehlt das Augenmaß? Hier hilft ein Blick zurück. Im surrealistischen Manifest von 1930 forderte André Breton die Zerstörung von Familie, Nation und Religion – das klingt gerade für uns höchst aktuell. Denn was den Kampf gegen die klassische Familie, die Dämonisierung jeder Form von Patriotismus und die alltägliche Gottunfähigkeit betrifft, ist Deutschland sicher führend.

Tagesposting: Regeln, die  wir lieben
Der Autor ist Philosoph und Medienexperte. Foto: Kathrin Harms

Das bedeutet aber auch im Umkehrschluss: Den Maßstab für das Augenmaß bieten nur Familie, Tradition und Transzendenz. Je mehr sie an Bedeutung verlieren, desto größer wird die Manipulationsmacht der Medien. Wer das einsieht und dagegen kämpft, ist konservativ. Gegen den kulturellen Bürgerkrieg, das überhitzte Meinungsklima, die Radikalisierungen links und rechts hilft nur der Mut zur Bürgerlichkeit. Und Thomas Mann hat am Ende seines Romans „Der Zauberberg“ gezeigt, was auf uns zukommt, wenn die „große Gereiztheit“, die eben auch unsere Zeit kennzeichnet, nicht mehr gebändigt werden kann: „Der Donnerschlag“.

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