Würzburg

Tagesposting: Die SPD und der Selige

Was die SPD vom Seligen Pier Giorgio Frassati lernen könnte.

SPD
Bislang habe sich die SPD durch Augen- und Mittelmaß ausgezeichnet. Das gehe ihr jedoch zunehmend verloren. Eine Orientierung am seligen Pier Giorgio Frassati und den Prinzipien der Katholischen Soziallehre könnte helfen. Foto: Kay Nietfeld (dpa)

Die SPD war und ist eine wichtige Partei – zumindest für mich. Sie hat mehr Authentizität und Glaubwürdigkeit als Grüne, Linke und AfD zusammengenommen. Das hat mit ihrer Geschichte in der Weimarer und der Bonner Republik ebenso zu tun wie mit ihrer spezifischen Aura des Kleinbürgerlichen, die so gut zu Deutschland passt. Und kann man von einer Partei in einer Demokratie mehr verlangen, als sozial kongruent zu sein mit einem Großteil der Bevölkerung? Auch als Katholik fühlt man sich in der SPD nicht allein: Kurt Beck, Andrea Nahles, Wolfgang Clement, Franz Müntefering, Hans Jochen Vogel und Wolfgang Thierse bilden eine gute Gesellschaft. Doch es nähert sich der Zeitpunkt, an dem mein Interesse für die SPD zu erlöschen droht. Schuld daran sind nicht nur die beiden Hinterbänkler, die das Ruder übernommen haben, sondern vor allem die unreifen Äußerungen eines Herrn Kühnert, der die SPD ins Fahrwasser des Sozialismus und Utopismus bringen will. Dabei sind doch gerade Augen- und Mittelmaß das, was die SPD bislang ausgezeichnet hat.

Tagesposting: Zuversicht schleicht ins Herz
Die Autorin ist eine katholische Publizistin. Foto: Archiv

Ich hätte eine Idee, wie sich die SPD retten ließe: indem sie sich am Seligen Pier Giorgio Frassati orientiert. Dieser gutbürgerlichen Verhältnissen entstammende Selige stellte sich ohne das Wissen seiner Familie ganz in den Dienst der Armen in den Elendsvierteln Turins. Ab 1921 engagierte er sich zudem in der Italienischen Volkspartei, die sich den Prinzipien der Katholischen Soziallehre verschrieben hatte. Nach einem seiner Besuche in den Ghettos erkrankte er an Kinderlähmung, an der er, 24-jährig, 1925 starb. Die Eltern, die nichts von seiner karitativ-aufopferungsvollen Tätigkeit wussten, staunten, als sie sahen, dass tausende Arbeiter dem Sarg ihres Sohnes folgten. Am 20. Mai 1990 wurde Frassati von Johannes Paul II. seliggesprochen. Er ist Schutzpatron der Weltjugendtage.

Sich nicht den Versuchungen der „Neuerfindung“ hingeben

Der Selige Pier Giorgio Frassati, der stellvertretend steht für all' die sozial-karitativen Seligen und Heiligen des Industriezeitalters, kann der zwischen Klimastreik und Genderlehre hin und her schlingernden SPD zeigen, worauf es wirklich ankommt: auf die liebende Zuwendung zu den vom Kapitalismus Benachteiligten, die nicht in die Hände der kommunistischen Ideologie fallen dürfen, sondern auf dem Weg Christi zu einem höheren Verständnis von Gerechtigkeit geführt werden sollen. So einfach ist das, und es ist seit 150 Jahren immer wieder dieselbe Geschichte. Man muss ihr nur treu bleiben und darf sich nicht den Versuchungen der „Neuerfindung“ hingeben.

Eine zu den Leitlinien der Katholischen Soziallehre zurückkehrende und sich strikt auf die Arbeit an ihrer Durchsetzung widmende SPD wäre ein starkes Gegengewicht sowohl zum Neoliberalismus der CDU und der FDP als auch zu den eklatanten Ungerechtigkeiten, die der Markt hervorbringt. Denn Minijobs sind nichts anderes als eine neue Form der Versklavung, die der Vortäuschung von Vollbeschäftigung dient. Das hätte auch der Selige Pier Giorgio Frassati so gesehen. Er wäre ein guter Schutzpatron auch für die Sozialdemokraten.

Alexander Pschera
Der Autor ist Unternehmensberater, Essayist und Übersetzer. Foto: Archiv

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