Würzburg

Tagesposting: Das Lachen des armen Teufels

Das Lachen ist ohne Grund – wie die Gewalt.

Tagesposting:  Das Lachen des armen Teufels
Der Autor ist Philosoph und Medienexperte. Foto: Kathrin Harms

Nichts hat mich im vergangenen Jahr mehr irritiert als ein gewisses Lachen. Dass ich es im Kino erlebt habe, muss Sie jetzt keine Filmkritik am falschen Ort befürchten lassen. Ich will nur versuchen, eine erschütternde absolute Ausdrucksqualität zu beschreiben, die man nicht auf „Gesellschaftskritik“ reduzieren kann. Anthropologen haben das Lachen wie das Weinen als Grenzreaktionen gedeutet, die nicht in der Gewalt des Individuums liegen, und gerade daran das eigentlich Menschliche festgemacht.

Wie wenig harmlos das Ganze ist, zeigt sich vor allem im grausamen und verzweifelten Lachen. Es markiert eben auch eine Grenze der anthropologischen oder psychologischen Kompetenz. Sind hier vielleicht Theologen zuständig? Jeder, der Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“ gelesen hat, erinnert sich an die These, dass Jesus nie gelacht hat. Seinem Gegenspieler, dem Teufel, schreibt man das Lachen aber immer wieder zu. Und auch wer nicht an den Teufel glaubt, wird doch zugeben, dass es arme Teufel gibt. Ein solcher ist der „Joker“.

Er leidet an einer rätselhaften Lachstörung. Regelmäßig wird er beleidigt und verprügelt, schließlich verliert er seinen Job. Aber dann radikalisiert sich der traurige Verlierer, explodiert und wird zum psychopathischen Mörder. Die arme, kranke Mutter hat ihn das uramerikanische Keep Smiling gelehrt. Und tatsächlich gibt er sich verzweifel Mühe, zu lächeln und lustig zu sein. Sein Lebenstraum ist es, Comedian-Star zu werden. Er ist aber nur lächerlich und bricht immer wieder in unkontrolliertes Lachen aus.

"Weil er sein Leben als Schrecken ohne Ende erfährt,

sucht er sein Heil in einem Ende mit Schrecken und läuft Amok.

Der Clown ist nur noch die ausgefallene, anstößige Kreatur schlechthin."

So wird er selbst zur Witzfigur in einer Comedy-Show, deren Master ihn mit Spott überhäuft. Doch da hat der Joker bereits die Clownsmaske des Terrors aufgesetzt. Er, der niemals lustig war, will nicht mehr lustig sein – und schießt. Weil er sein Leben als Schrecken ohne Ende erfährt, sucht er sein Heil in einem Ende mit Schrecken und läuft Amok. Der Clown ist nur noch die ausgefallene, anstößige Kreatur schlechthin. Als radikaler Verlierer greift er zum letzten Überlebensmittel: Selbstbehauptung durch Gewalt. Erst ist er nur arm und krank, erniedrigt und beleidigt, aber dann explodiert er – und die Tragödie vom armen Teufel schlägt um in eine Komödie der reinen Gewalt.

Die rätselhafte Lachstörung ist wohl der eigentliche Schlüssel zum Verständnis. Der Joker bricht immer wieder grundlos in krampfartiges Lachen, oft ein satanisches Kichern aus. Wir müssen uns hier nicht um eine mögliche neurologische Begründung kümmern – das krampfhafte Lachen dessen, der nicht lachen kann und auch nichts zu lachen hat, ist die absolute Metapher des Films. Es ist das Lachen aus der Hölle. Es überkommt ihn – und das kann man eben auch von Jokers Gewaltorgie sagen. Das Lachen ist ohne Grund – wie die Gewalt. Und in den Explosionen des Lachens und der Gewalt manifestiert die Figur des Joker die autonome Macht der Zerstörung. Jeder Versuch einer psychologischen oder soziologischen Erklärung muss daran zerschellen. Hier wären Theologen gefragt, die noch etwas von der Erbsünde wissen – und davon, dass es vom Bösen nur eine Erlösung gibt.