Superbüßer

Rücktritt ja oder nein? Mit oder ohne Reue? Margot Käßmann, Karl-Theodor zu Guttenberg, Adolf Sauerland und zuletzt Christian Wulff mussten für sich die Frage im medialen Blitzlichtgewitter beantworten. Für die künftige Bewältigung von gesellschaftlicher Schuld und Sühne-Events bietet sich zu Beginn der Fastenzeit der Rückgriff auf alte Bußrituale an. Von Stefan Meetschen

Das Aschenkreuz an Aschermittwoch: Ein Zeichen, das über den Umgang mit Schuld nachdenken lässt. Foto: dpa
Das Aschenkreuz an Aschermittwoch: Ein Zeichen, das über den Umgang mit Schuld nachdenken lässt. Foto: dpa

„Am Aschermittwoch ist alles vorbei“, singt die Kölner Karnevalslegende Jupp Schmitz (1901–1991) und bietet damit inmitten der bunten Narreteien das kleine Kontrastprogramm, die vorweggenommene Überleitung auf die vierzigtätige Bußzeit, die graue Zone zwischen Karneval und Ostern. Tatsächlich markiert der Aschermittwoch einen Wendepunkt: Wenn der Priester während der Heiligen Messe den Gläubigen die gesegnete Asche in Form eines Kreuzes auf die Stirn zeichnet und die Worte „Bedenke Mensch, dass du Staub bist, und zum Staub zurückkehrst“ spricht, dient dies der Besinnung auf das Wesentliche, der Vergegenwärtigung des eigenen Todes. Für Pappnasen und Konfetti, Masken und Spielchen ist kein Platz mehr.

Doch wie lebendig ist das Wissen um die Bedeutung dieses Tages in der Bevölkerung? Denkt man heute bei Asche nicht zuerst an den Ausbruch eines Vulkans, dessen Aschewolke möglicherweise den Flugverkehr einschränkt? An alte Sportarenen mit wenig gesundheitsfördernden Aschenbahnen? An ein neues Angebot von Media Markt („Asche für Altes“), das dem kommerziellen Schnäppchen-Muster „Ausmisten, Abchecken, Absahnen“ folgt? In der Solarstrom-beheizten Spaßgesellschaft fristen Asche und Aschermittwoch nur ein Nischendasein.

Ein Blick auf die Parteienlandschaft hilft kaum, um das Verständnis des Aschermittwochs zu stärken: Statt Buße und Umkehr, einem öffentlichen Spaziergang in Sack und Asche, bieten SPD, CDU/CSU, FDP, Grüne und Piraten am sogenannten „Politischen Aschermittwoch“ das genaue Gegenteil von kritischer Selbstreflexion. Es ist der Tag polemischer Attacken auf den Gegner, derben Sprüchen, aufgeblasen rhetorischer Selbstbeweihräucherung. Von Reue und Schuldgefühlen, den charakterlich-geistigen Basiskomponenten der Buße im Zeichen des Aschekreuzes – keine Spur. Die wichtigste chemische Zusammensetzung bei diesem politischen Ascheritual bilden nicht Oxide und Bikarbonate diverser Metalle, sondern Wasser, Malz, Hopfen, Früchte und Kräuter. Bier.

Wie kann man in einem solchen gesellschaftlichen Umfeld erwarten, dass Menschen, die jahrelang in einem hohen Amt oder im Scheinwerferlicht standen, im ethischen Bedarfsfall ohne Umschweife zu reumütigen Sündern werden? Zu authentischen Büßern, die flink den Königsmantel des Erfolgs ablegen und das mit Asche bestreute Bußgewand überziehen? Unschuldslämmer wie Christian Wulff, Adolf Sauerland und Jan Ulrich zeigen: Es ist ein radikaler Einschnitt nötig. Gesamtgesellschaftliches Umdenken ist gefragt. Eine Kultur der praktizierten öffentlichen Buße, wie sie bis zum 10. Jahrhundert in der Kirche Brauch war, als Menschen, die sich einer schweren Sünde schuldig gemacht hatten, zu Beginn der Bußzeit unter Aschebestreuung aus der Kirche vertrieben wurden, könnte neu etabliert werden.

Dies würde Zeit und Nerven sparen. Bei Journalisten und beim Publikum. Vorbei wäre es mit den von Steffen Burkhardt in seinem Buch „Medienskandale“ säuberlich aufgelisteten, sich manchmal über Wochen hinziehenden Skandalisierungsphasen. Die Berichterstattung könnte sich 364 Tage im Jahr den Sachthemen wie Wetter, Fußball und „Tatort“ widmen. Nur an einem Tag stünden die von einem unabhängigen Rat weiser, alter Männer – wir schlagen Otto Rehhagel, Helmut und Harald Schmidt vor – für schuldigbefundenen Akteure im Fokus. Die große Aschewolke würde auf Bundeskanzler mit Kommunismus-, Gazprom- oder Ehrenwort-Affinität, Außenminister mit Visa- oder Steuer-Inkompetenz, koksende Fast-Bundestrainer, Geld-waschende Post-Chefs, angetrunkene Bischöfinnen oder kopierende Verteidigungsminister gestreut werden.

Ab in die mediale Wüste und nach 40 Tagen: Herzlich willkommen zum geläuterten Auferstehungs-Comeback. Ohne überflüssige „Vorerst-gescheitert“ oder „In-Zukunft-mehr-Transparenz“-Interviews. Die zweite Chance stünde jedem offen. Das Aschermittwoch-Hand-Set mit den leicht anzulegenden Buß-Utensilien (Gewand, Asche, Heuschrecken, et cetera) hat ab sofort jeder A-, B-und C-Prominente bei sich zu führen.

Schon Ernst Jünger schrieb im Angesicht des Desasters eines verlorenen Weltkriegs: „Die Fehler, die Irrtümer, die Laster können zu Bildungselementen werden, und zwar gerade dann, wenn sie zum Scheitern, zum Zusammenbruch geführt haben. Das ist aus vielen Beichten bekannt. Doch vermögen unsere Augen den Bauplan nicht zu erfassen, nach dem das Leben sich ausrichtet. Uns fehlt die Perspektive, um zu begreifen, dass seine Werke und Taten wie Bögen und Pfeiler einer Kuppel zustreben. Jenseitiger Einsicht bedürfen wir dazu.“ (Tagebuch, 19. Juni 1945)

Recht hat er. Die Erreichung der Kuppel bleibt für jeden möglich. Gerade in der korrekt aufgelegten, religiös vorgarnierten Asche steckt ein enormes Reinigungspotenzial, wie schon die alten Römer wussten, die sich regelmäßig ein ausgiebiges Bad in der Asche genehmigten. Zur inneren und äußeren Sauberkeit. Heute wissen in Europa höchstens noch ein paar ältere Semester, dass man sich mit Asche prima die Zähne putzen kann oder dass Holzasche als Mittel zur Seifenherstellung diente.

Und das, wo unser überliefertes religionsgeschichtliches Wissen über die Asche tagtäglich in Redewendungen artikuliert wird. So weist der sprichwörtliche „Phönix aus der Asche“ auf einen Vogel, an dessen Existenz schon die alten Ägypter glaubten. Ein Vogel, der sich im Abstand mehrerer hundert Jahre verbrennt, um aus seiner Asche wieder neu zu erstehen. Sollte es bei Bundespräsidenten nicht ähnlich funktionieren? Bei jedem präsidialen Skandal-Fall greift man einfach auf frühere, inzwischen geläuterte Modelle zurück. Ein Ruck würde durch den gelben Wagen gehen. Vor allem eine Entlastung der Pensionskasse.

„Asche auf mein Haupt“, um eine weitere beliebte Redewendung zu nennen: Bei den Juden im Alten Testament war dies nicht nur eine Floskel, sondern ein realer Brauch. Sie kippten sich die Asche als sichtbares Zeichen ihrer Reue auf die Haube. Sogar die heidnischen Bewohner der Stadt Ninive taten, wie der Prophet Jona berichtet, in Sacktuch und Asche Buße. Im Medienzeitalter brauchen wir bei der Wertevermittlung solche starken Bilder und Symbole. Man stelle sich nur Joschka Fischer und Margot Käßmann in einem solchen Buß-Outfit vor. Der Aschermittwoch würde in der Beliebtheitsskala der bundesweiten Feiertage schnell auf Platz eins rücken. Deutschland würde nicht mehr länger den Superstar, sondern den Superbüßer suchen.

Es gibt noch einen anderen wichtigen Asche-Aspekt, der besonders im Hinduismus zutage tritt. Dort wird der Asche (auf Sanskrit: Vibhuti), die aus dem Opferfeuer stammt, eine übernatürlich-heilende Wirkung zugeschrieben. Der hinduistische Feuergott Agni reinigt sich mit ihr, um die Spuren seiner vergangenen Verfehlungen zu beseitigen. Ein Grund, wieso der europäische Abenteurer Marco Polo Vibhuti während seiner Südindienreise mit dem christlichen Weihwasser verglich. Mit diesem Wissen ausgestattet wäre es auch in Deutschland kein Tabu mehr, öffentlich zur Asche zu greifen. Die Asche wäre von ihrem Stigma befreit. Sie wäre zu einer Art Medikament geworden, das – in richtiger Dosierung von den Priestern verteilt – auch bei den kleineren Fällen von Amtsmissbrauch Wunder bewirken könnte. Wobei die genaue Asche-Menge vom Rat der Alten in Abstimmung mit der spontan gezeigten Reue festgelegt werden würde.

Auf diese Weise müsste das Skandal-und-Erklärungs-überdrüssige Publikum nicht mit wochenlangen Umfrageergebnissen, mit unbefriedigenden Ermittlungen zum Reue-Status eines Delinquenten geplagt werden. Anstelle solcher intuitiven Methoden würden verbindliche Regeln aufgestellt werden. Auch für die bunten, aber keinesfalls völlig schuldlosen Vögel der Gesellschaft, die Künstler und Lebenskünstler (Ailton, Kachelmann). Hat nicht der französische Dramatiker Paul Claudel nach dem Zweiten Weltkrieg in Paris den „Aschermittwoch der Künstler“ ins Leben gerufen? Dieser erinnert bis heute daran, dass nicht nur der Mensch, sondern alle schönen Worte und Werke unter dem Gesichtspunkt der Vergänglichkeit gesehen werden müssen. Staub und Asche können aber auch Symbole für einen kreativen Neubeginn sein, wenn die göttliche Inspiration hilfreich zur Seite steht.

T.S. Eliot hat dies in seinem Gedicht „Ash-Wednesday“ (Aschermittwoch) tiefgründig ausdrückt: „Wenn das unvernommen ungesagte Wort ungesagt ist, unvernommen, Ist noch das ungesagte Wort, das Wort, das unvernommene, das Wort ohne Wort, das Wort inmitten der Welt und für die Welt: Und das Licht schien in der Finsternis: und Gegen das Wort rollt noch rastlose Welt um die Mitte des Worts, das schweigt.“

Noch einfacher hat der Bischof von Fulda, Heinz Josef Algermissen, das Fluidum des Aschermittwochs gedeutet. Bei einer Ansprache sagte er, dass „der Empfang der Asche in der Form des Kreuzes nicht nur eine Anerkennung der eigenen Begrenztheit, sondern zugleich ein Bekennen Jesu Christi, des Gekreuzigten“ sei. Eine „Bekundung des Willens zur Nachfolge“.

Es wird also auch in Zukunft, wenn Deutschland mit noch mehr Eifer den Superbüßer sucht, nicht ausreichen, Asche für die anderen zu sammeln und sich an der Abstimmung zum Endergebnis zu beteiligen. Wichtig bleibt es, in Solidarität mit den anderen und mit glasklarer Selbsterkenntnis vor dem Priester das eigene Haupt zu senken. Gründe gibt es bei jedem genug. Den Weg zu Ostern gehen wir dann zusammen und allein. Auf dass die Flamme weiter geschürt werde. Am Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit.