Sterile Visionen

Der Begriff der „Familienplanung“ umfasst im 21. Jahrhundert nicht mehr nur die sogenannte „Empfängnisverhütung“ – die rasanten Fortschritte der Reproduktionsmedizin suggerieren dem Menschen, Kinder seien etwas, das man machen und planen kann. Der natürliche Zusammenhang von Sexualität, Partnerschaft und Fortpflanzung geht dabei immer mehr verloren. Von Tobias Klein

Den Kinderwunsch in allen Ehren – nicht alles im Leben ist planbar. Die Kirche hat früh gewarnt vor dem Machbarkeitswahn. Foto: IN
Den Kinderwunsch in allen Ehren – nicht alles im Leben ist planbar. Die Kirche hat früh gewarnt vor dem Machbarkeitswahn... Foto: IN

Vor wenigen Wochen machte ein in den Vereinigten Staaten von Amerika zugelassenes Medikament, das landläufig als „Viagra für die Frau“ bezeichnet wurde, weltweit Schlagzeilen. Die Wirkung der beiden Präparate ist zwar im Grunde nicht vergleichbar – Viagra wirkt auf den Blutkreislauf und verbessert so die Erektionsfähigkeit des Mannes, wohingegen die neue Pille „Addyi“ auf das Lustzentrum im Gehirn wirken und so die weibliche Libido, besonders in und nach den Wechseljahren, stimulieren soll. Eine auffällige Gemeinsamkeit liegt jedoch darin, dass sich bei beiden Medikamenten die Verwendbarkeit für sexualtherapeutische Zwecke erst durch klinische Tests herausstellte: Der Viagra-Wirkstoff Sildenafil wurde ursprünglich zur Behandlung von Herzbeschwerden entwickelt, Flibanserin, der Wirkstoff des neuen Medikaments „Addyi“, als Antidepressivum. In beiden Fällen wurde das Vermarktungspotenzial vermeintlicher „Nebenwirkungen“ erst erkannt, nachdem der jeweilige Wirkstoff sich als wenig geeignet für seinen ursprünglich vorgesehenen Zweck herausgestellt hatte. Der Grundsatz „Sex sells“ gilt eben auch für Pharmakonzerne.

Kritik an „Addyi“ entzündet sich nicht zuletzt an der Frage, ob oder inwiefern nachlassendes sexuelles Interesse überhaupt als therapiebedürftiges Leiden zu betrachten sei. Aus Sicht der Anbieter ließe sich hier freilich argumentieren, die Nachfrage nach dem Produkt werde diese Frage von allein beantworten. Indessen widmet sich der (ebenfalls nicht unumstrittene) Markt für Nahrungsergänzungsmittel einem anderen Aspekt des Geschlechtslebens: dem Kinderwunsch. Nachdem Produkte zur Förderung der weiblichen Fruchtbarkeit schon länger auf dem Markt sind, nehmen die Anbieter von Nahrungsergänzungsmitteln neuerdings verstärkt auch Männer in den Fokus. Das erscheint einerseits konsequent, wenn man bedenkt, dass Schätzungen zufolge bei 40 Prozent aller ungewollt kinderlosen Paare die Ursache für das Ausbleiben des Nachwuchses beim Mann liegt; dennoch macht eine Werbung, die ausdrücklich „Männer mit Kinderwunsch“ anspricht, zunächst stutzig. Aber warum eigentlich?

Als Antoni van Leeuwenhoek 1677 erstmals männliche Samenzellen unter dem Mikroskop untersuchte und die Ergebnisse in einem Brief an die Royal Society in London schilderte, stellte er es den Adressaten des Briefes anheim, zu entscheiden, ob seine Entdeckungen zu skandalös seien, um veröffentlicht zu werden. Tatsächlich ergaben Leeuwenhoeks Forschungsergebnisse erstmals einen Hinweis darauf, dass die Ursachen ehelicher Unfruchtbarkeit auch beim Mann liegen konnten. Trotz dieser Erkenntnis blieb die männliche Zeugungsunfähigkeit ein Tabuthema – tendenziell bis heute.

Die offenkundige Kehrseite dieses Umstands ist, dass auch der Kinderwunsch von Männern ein Thema ist, über das selten gesprochen wird. Die verbreitete Wahrnehmung, der zufolge das Kinderbekommen in erster Linie Frauen betrifft, wird durch den Umstand, dass Kinder keineswegs zwangsläufig in festen Beziehungen von Mann und Frau zur Welt kommen, zweifellos noch verstärkt. Schließlich ist es die Frau, die das Kind austrägt, wohingegen der Beitrag des Mannes zum Zustandekommen einer Schwangerschaft eher punktueller Natur ist. Dass ein Mann seinen Kinderwunsch nicht ohne eine Frau verwirklichen kann, ist offensichtlich. Einer modernen Frau, die – abseits der katholischen Ehe- und Familienlehre und Moral – zwar ein Kind, aber keine (heterosexuelle) Beziehung möchte, stehen hingegen verschiedene Möglichkeiten zur Verwirklichung dieses Wunsches offen – vom „One-Night-Stand“ bis hin zur In-vitro-Fertilisation mit Spendersamen. Männer haben es da bedeutend schwerer. Gerade im Zeichen des Strebens gleichgeschlechtlicher Paare nach rechtlicher Gleichstellung ist dieser Umstand alles andere als banal. Prominente wie Elton John haben bereits das Beispiel gegeben, dass mit Hilfe von Eizellenspenden und Leihmutterschaft auch männliche homosexuelle Paare sich ihren Kinderwunsch erfüllen können; in Deutschland ist dies derzeit noch illegal, aber es bleibt abzuwarten, wie lange diese Gesetzeslage sich noch wird halten können. Verglichen mit solchen Methoden wirkt der Ansatz, die Fruchtbarkeit mit Hilfe von Nahrungsergänzungsmitteln zu verbessern, geradezu konservativ – insofern, als dies in erster Linie darauf abzuzielen scheint, die Chancen zur natürlichen Zeugung eines Kindes in einer heterosexuellen Beziehung zu erhöhen. Maßnahmen zur Optimierung der Spermienqualität können jedoch auch Bestandteil umfangreicher „Kinderwunschbehandlungen“ sein, die in aller Regel auf künstliche Befruchtung hinauslaufen. Solche Behandlungen können sich über Jahre hinziehen, und die Kosten gehen nicht selten in die Zehntausende. Die Nachfrage ist groß: So waren 2 Prozent aller im Jahr 2003 in Deutschland geborenen Kinder durch künstliche Befruchtung gezeugt worden, in Dänemark waren es im selben Jahr fast 4 Prozent.

Es liegt auf der Hand, dass künstliche Befruchtung eine Entkopplung von Fortpflanzung und gelebter Sexualität bedeutet; sie verhält sich in gewissem Sinne komplementär zur künstlichen Empfängnisverhütung und trägt zusammen mit dieser dazu bei, dass sexuelle Befriedigung, Partnerschaft und Zeugung von Kindern nicht nur in der Praxis, sondern auch im öffentlichen Bewusstsein ihren natürlichen Zusammenhang verlieren. Dieses Auseinanderdriften von Aspekten, die man als integrale Bestandteile einer ganzheitlichen Sexualität bezeichnen könnte, scheint heutzutage kaum mehr auf Kritik zu stoßen.

Umso bemerkenswerter erscheint es, dass Papst Paul VI. diese Entwicklung bereits 1968 in seiner Enzyklika „Humanae vitae“ vorausgesehen und problematisiert hat – nicht umsonst bezeichnete der aktuelle Papst Franziskus diese Enzyklika in einem Interview mit dem „Corriere della Sera“ vom März 2014 als „prophetisch“. Als Paul VI. gegenüber der zu seiner Zeit aufkommenden Ansicht, der zufolge „die Weitergabe des Lebens mehr von Vernunft und freier Entscheidung bestimmt werden solle als von gewissen biologischen Regelmäßigkeiten“ (HV Nr. 3), auf der „Untrennbarkeit von liebender Vereinigung und Fortpflanzung“ beharrte, die „der Mensch nicht eigenmächtig auflösen“ dürfe (HV Nr. 12), hatte er zwar in erster Linie die künstliche Empfängnisverhütung vor Augen. Dennoch lässt sich seine Mahnung, man dürfe „den Dienst an der Weitergabe des Lebens“ nicht „menschlicher Willkür“ überlassen, sondern müsse „für die Verfügungsmacht des Menschen über den eigenen Körper und seine natürlichen Funktionen unüberschreitbare Grenzen anerkennen“ (HV Nr. 17), ebenso auch auf Reproduktionstechnologien anwenden, die 1968 noch Zukunftsmusik waren. Nur ein Jahr später sangen Denny Zager und Rick Evans in ihrem dystopischen Folksong „In The Year 2525“ die Strophe: „In the year 6565/ Ain't gonna need no husband, won't need no wife/ You'll pick your Son, pick your daughter too/ From the bottom of a long glass tube“ („Im Jahr 6565 wirst du keinen Ehemann und keine Ehefrau mehr brauchen – du nimmst dir deinen Sohn oder deine Tochter vom Boden einer langen Glasröhre“). Was damals als Horrorvision gemeint war, gilt heutzutage Manchem als begrüßenswerte Errungenschaft. So prognostizierte der Erfinder der Antibabypille, Carl Djerassi, in einem WELT-Interview anlässlich seines 90. Geburtstags am 29. Oktober 2013: „Es wird bald gang und gäbe sein, dass Männer und Frauen ihre Spermien und Eizellen in jungen Jahren einfrieren und sich danach sterilisieren lassen. Ihre ein bis zwei Kinder würden sie einfach später mithilfe künstlicher Befruchtung bekommen.“

Eine äußerst bedenkliche Vision der schrecklich schönen neuen Welt, bei der elegant verschwiegen wird, dass für die Erfüllung eines individuellen Kinderwunsches andere Menschen instrumentalisiert werden. Dies ist am deutlichsten bei Leihmüttern der Fall, denen zugemutet wird, für die Dauer der Schwangerschaft gewissermaßen ihren eigenen Körper zu „vermieten“; aber auch die Verwendung von Samen- oder Eizellenspenden Dritter bei einer künstlichen Befruchtung bedeutet, dem Kind mindestens ein biologisches Elternteil vorzuenthalten. Zudem entstehen bei jeder künstlichen Befruchtung „überzählige“ Embryonen; und schließlich ließe sich darüber streiten, ob nicht sogar das „Wunschkind“, das schließlich als Ergebnis einer aufwändigen Kinderwunschbehandlung zur Welt kommt, letztlich instrumentalisiert wird – insofern, als seine ganze Existenzberechtigung darin liegt, den Kinderwunsch seiner (sozialen) Eltern zu erfüllen. So urteilt die Journalistin und Autorin Eva Maria Bachinger in ihrem jüngst erschienenen Buch „Kind auf Bestellung“: „Das Recht auf ein Kind ist kein Kampf um ein Menschenrecht, sondern ein Slogan des Konsumdenkens.“

Festzuhalten bleibt, dass die Verheißung, dank des medizinischen Fortschritts könne jeder Mensch frei entscheiden und planen, ob und wann er Kinder haben möchte, letztlich nicht einlösbar ist. Ebenso wie keine Verhütungsmethode hundertprozentig „sicher“ ist, gibt es für keine Methode der Reproduktionsmedizin eine Erfolgsgarantie – ja, die Erfolgsquote ist sogar eher gering: Laut unterschiedlichen Schätzungen liegt die sogenannte „Baby-Take-Home-Rate“ bei künstlicher Befruchtung zwischen 10 und 20 Prozent. Die Konsequenz daraus kann nun natürlich nicht lauten, die Fortpflanzung „dem Zufall zu überlassen“: Ein dezidierter Kinderwunsch ist grundsätzlich ebenso legitim wie der Wunsch, in einer bestimmten Lebenssituation kein Kind bekommen zu wollen.

Darüber, welche Mittel zur Realisierung dieses Wunsches ethisch vertretbar sind und welche nicht, kann und wird es unterschiedliche Auffassungen geben; gläubige Katholiken etwa werden diese Frage von Fall zu Fall anders beantworten als Anhänger eines sogenannten „evolutionären Humanismus“. In jedem Fall sollten potenzielle Eltern sich jedoch der Tatsache bewusst bleiben, dass die Erfüllung oder Nichterfüllung eines Kinderwunsches sich in letzter Konsequenz der reinen Machbarkeit und Planbarkeit entzieht; was zugleich auch beinhaltet, anzuerkennen, dass Kinder von Anfang an Menschen mit eigenen Rechten sind und nicht das Produkt des Willens ihrer Eltern.