Sommerkonzerte vor prächtiger Kulisse

Classic Open Air 2017 auf dem Berliner Gendarmenmarkt schöpfte wieder den Bogen musikalischer Möglichkeiten aus. Von Ingo Langner

Festspielatmosphäre auf dem Gendarmenmarkt in Berlin. Foto: Classic Open Air 2017
Festspielatmosphäre auf dem Gendarmenmarkt in Berlin. Foto: Classic Open Air 2017

In Berlin sinkt die Sonne auch im letzten Drittel des Julimonats erst nach neun Uhr unter den Horizont. In ihrem weichen letzten Licht scheint der auf der Südseite des Gendarmenmarktes gelegene Französische Dom nicht mehr im Herzen der einst preußischen Metropole zu stehen, sondern in der auch tagsüber mit mildem Licht gesegneten Hauptstadt Frankreichs. Für die aus ihrer französischen Heimat vertriebenen reformierten Hugenotten ist von 1701 bis 1705 die Französische Friedrichstadtkirche gebaut worden. Der hoch aufragende Kuppelturm kam 1785 als Anbau hinzu und grüßt über den hundert Jahre älteren Gendarmenmarkt zum Deutschen Dom hinüber, der als Simultankirche für die deutsch-reformierte und lutherische Friedrichstadtgemeinde ebenfalls in den ersten Jahren des 18. Jahrhunderts errichtet worden ist. Das städtebauliche Vorbild beider sind die an der römischen Piazza del Popolo gelegenen Zwillingskirchen Santa Maria in Montesanto und Santa Maria dei Miracoli. Die preußischen Hohenzollern hatten generationenlang ein Faible für Rom. Bloß das Katholische dort störte sie.

Das den Musen geweihte Konzerthaus – über der Hauptfront thront der Apoll genannte Gott der Künste auf einem von zwei Greifen gezogenen Gespann, und die zur Charlottenstraße gelegene Westfront überragt das geflügelte Pferd Pegasus, dessen Architekt kein Geringerer als Karl Friedrich Schinkel ist – wurde 1821 als Königliches Schauspielhaus eröffnet. Es ist von 1919 bis 1945 Preußisches Staatstheater gewesen und war zum Ende des Zweiten Weltkriegs, von Bombentreffern schwer gezeichnet, ein elendes Spiegelbild Deutschlands. Erst 1984, also noch in den letzten Lebensjahren der DDR, ließ es der SED-Chef Erich Honecker rekonstruieren, in seinem Inneren völlig neu gestalten und als Konzerthaus aus Ruinen auferstehen.

Dessen nach Osten offene große Freitreppe mit ihrer übergiebelten Säulenvorhalle war auch in diesem Juli wieder die prachtvolle Kulisse für ein Freiluftfestival, das auf den Namen „Classic Open Air“ getauft ist. Nun bereits zum 26sten Mal war Impresario Gerhard Kämpfe Gastgeber für ein Publikum, für das insgesamt 5 800 Stühle bereitstehen und für das er ein Konzertprogramm bietet, dessen traditionell breitgefächerte Mischung im Sommer 2017 den weiten Bogen musikalischer Möglichkeiten vom Belcanto bis zum Jazz spannte.

Apropos Sommer. Schon für den Eröffnungsabend am 20. Juli, an dem die auch international renommierte Schauspielerin Senta Berger „Highlights aus Film und Musicals“ präsentierte und Gesangssolisten wie René Kollo, Angelika Milster, Eva Lind, Katharine Mehrling, The Dark Tenor, Tom Gaebel und Ella Endlich, musikalisch begleitet vom Deutschen Filmorchester Babelsberg auftraten, waren tagsüber, wie schon so oft in den Wochen zuvor, schwere Wolkenbrüche über Berlin niedergegangen, und bereits der erste von fünf Abenden drohte ins sprichwörtliche Wasser zu fallen.

Doch wie vom heiligen Petrus gelenkt zog die Gewitterfront am späten Nachmittag weiter nach Süden ab, und nachdem sich alle Solisten mit dem Abba-Song „Thank you for the Music“ aus dem Musical „The Girl with the Golden Hair“ verabschiedet hatten, stand auch „wettermäßig“ dem traditionellen Abschlussfeuerwerk des ersten Abends nichts mehr im Wege.

Das Problem von „Open Air“-Veranstaltungen ist naturgemäß, dass sie im Freien stattfinden. Doch obwohl es tagsüber immer regnete, hielt der heilige Petrus auch an den nächsten drei Abenden seine Hand schützend über den Gendarmenmarkt. So konnte am 21. Juli Weltstar Lucia Aliberti in einer „Romantischen Nacht“ mit Arien des Belcanto von Puccini bis Verdi das Publikum verwöhnen und überdies mit diesem Konzert, in dem auch einige junge Nachwuchstalente ihr Können zeigen durften, ihr 40jähriges Bühnenjubiläum feiern. Auch das dritte Konzert war mit glanzvoll dargebotenen Opernarien von Rossini, Donizetti, Verdi, Leoncavallo, Mascagni und Puccini auf klassischen musikalischen Pfaden unterwegs.

Der vierte Abend bot eine Überraschung. Denn wo zuvor große Orchestereinheiten Platz genommen hatten, standen jetzt nur zwei Konzertflügel. Die zwar, weil es zwei D-274 von der Firma Steinway & Sons waren, mit dem Maßen 274 Zentimeter Länge, 156 Zentimeter Breite und einem Gewicht von 480 Kilogramm, in kaum eine normale private Wohnstube passen würden, jedoch fürs Auge recht wenig boten. Umso fulminanter dann das, was die vier Pianisten Sebastian Knauer, Martin Tingvall, Joja Wendt und Axel Zwingenberger für die Ohren der rund 3 600 Zuschauer bereithielten. Das Stilspektrum der vier Herren reicht nämlich von klassischer Konzertmusik über alle Spielarten des Jazz bis zum Boogie Woogie, dessen König der Österreicher Axel Zwingenberger ist, der in seinem Heimatland sogar mit einer eigenen Briefmarkenserie geehrt wurde, und auch in Berlin sein Licht nicht unter den Scheffel stellte. Sebastian Knauer brillierte mit einer Version von George Gershwins „Rhapsodie in Blue“. Martin Tingvall bezauberte mit selten gehörten Klangwolken. Joja Wendt begeisterte mit seinen Improvisationen, und wenn alle vier Pianisten gemeinsam „jammten“, jubelte das Publikum und erhob sich wiederholt zu stehenden Ovationen.

Im Abschlusskonzert gelang es dem Jazz-Trompeter Till Brönner, der nun schon seit Jahren zur internationalen Spitze seiner Zunft zählt, die weit über 3 000 Zuschauer von den Sitzen zu reißen. An seiner Seite auch Helen Schneider, die alle Genres von Rock bis Chanson beherrscht und Peter Fessler, der mit Samba und Bossa Nova begeisterte, die mit eigenen Sets auftraten. Mit einem allgemeinen „Dancing in the Rain“ ging eine Konzertreihe zu Ende, die auch nach 25 erfolgreichen Jahren immer noch glänzt. 23 500 Menschen waren beim diesjährigen „Classic Open Air“ insgesamt dabei.

Nicht mitgerechnet werden jene, die auch in diesem Jahr wieder sehr zahlreich am Rande des Gendarmenmarktes, zwar außerhalb der Sichtblenden, aber doch in Hörweite auf ihren mitgebrachten Campingstühlen und in den umliegenden Restaurants Platz genommen hatten oder in den Dachgauben der Akademie der Wissenschaften und in den Lofts in einem der Neubauten an der Markgrafenstraße von hoch oben mit von der Partie sind. Wer als Veranstalter Zaungäste in solchen Mengen anzieht, kann nicht viel falsch gemacht haben. Das sieht Veranstalter Gerhard Kämpfe auch so: „Ich denke nicht einmal daran, gegen diese nichtzahlenden Gäste einschreiten zu wollen“, antwortet Kämpfe auf eine Journalistenfrage, „im Gegenteil, es ist für mich Lob und Ansporn zugleich!“