Sie sind unschuldig bei Gott

Sammelband motiviert zu mehr Seelsorge nach Fehl- und Totgeburten. Von Maria Overdick-Gulden

Spielzeug liegt in Dresden auf dem Begräbnisplatz für sogenannte „Sternenkinder“ auf dem Neuen Katholischen Friedhof. Foto: dpa
Spielzeug liegt in Dresden auf dem Begräbnisplatz für sogenannte „Sternenkinder“ auf dem Neuen Katholischen Friedhof. Foto: dpa

Dem selbst im kirchlichen Alltag eher selten begegnenden Thema der „Seelsorge nach Fehl- und Totgeburt“ widmet sich der im Pustet-Verlag neu erschienene Band von Teresa Loichen. Sie ist Diözesanreferentin für das „Netzwerk Leben im Bistum Eichstätt“ und Geschäftsführerin der „Bundesarbeitsgemeinschaft ,Folgen nach Schwangerschaftsabbruch‘“. Die Basis der angeführten Beiträge bildet die 2009 im Domschatz- und Diözesanmuseum Eichstätt gezeigte Ausstellung mit dem Titel „Sie schauen das Antlitz Gottes – Seelsorge nach Totgeburt“.

Alltäglich geschieht es, „dass eine kleine Seele die Erde nur streift“, und ihr „Ankommen und Gehen in eins fällt“, aus welchen Ursachen auch immer. Dabei gilt: „Ihr kurzes Verweilen ist nicht umsonst, denn sie verändert die Erde. Sie hinterlässt Spuren in den Herzen derer, die sie erwartet haben“ (P. Hiemer). Diese Seele gehört einem Menschen, einer sich entfaltenden Person. Wie gehen wir als betroffene Einzelne und als Gesellschaft mit diesen „Sternenkindern“ um? Können wir als Christen des dritten Jahrtausends einer wenig tröstenden Vergangenheit und langer bitterer Erfahrung der Nichtbeachtung in neuer Weise begegnen, um sie in Mitmenschlichkeit und gläubiger Hoffnung zu überwinden? In seinen frömmigkeitsgeschichtlichen Bemerkungen gibt der Liturgiewissenschaftler Jürgen Bärsch einen kurzen Überblick über mittelalterliche und frühneuzeitliche Formen der Seelsorge für die Risiken von Schwangeren und die noch weit höheren Gefährdungen ihrer Kinder, von denen bis zu einem Drittel vorgeburtlich verstarben.

Embryonen nicht Teil der Bestattungskultur

Zentrales hinterfragtes Thema: die Notwendigkeit der Taufe für die ewige Seligkeit bei Gott. Die Aussagen zum „Limbus“, jenem spekulativen neutralen Ort „zwischen Himmel und Hölle“ der Ungetauften, waren zwar nie dogmatische Lehre, und Josef Ratzinger als Chef der Glaubenskongregation betonte 1985, der „Limbus“ sei niemals definierte Glaubenswahrheit gewesen. Dennoch erreichte diese Annahme praktische Geltung bis in das vorige Jahrhundert und wurde offiziell nicht verworfen. Sie bot nur geringen Trost für elterliche und geschwisterliche Trauer. Sie stand (und steht vereinzelt immer noch) als „theologische Hypothek“ gläubig froher, erlösender Auferstehungshoffnung entgegen, die man im Laufe der Zeit durch eigentümliche Riten wie beispielsweise das „Kinderzeichnen“ symbolisch zu überwinden suchte. Seit November 2005 beschäftigt sich die päpstliche Internationale Theologenkommission mit dem Thema. Da Gott alle Menschen erlösen wolle, könne man davon ausgehen, dass auch die Seelen ungetauft verstorbener Kinder in den Himmel kämen. Eine unmittelbare Offenbarung dazu fehle zwar, aber es lässt sich sagen, dass sie „in der Erwartung auf universelle Erlösung durch Gott“ sterben.

Es war die gesellschaftliche Veränderung in Bezug auf Weltanschauung und die zunehmend schwächelnde Jenseitshoffnung in der sogenannte Moderne, die zur Vielfalt von Bestattungskulturen führte und sich im Fall einer durch „Schwangerschaftsabbruch“ gewollten oder schicksalhaft ungewollten Totgeburt auch dem Befinden der Frau eher „randständig“ und oberflächlich zuwandte. Das Motto: „Du kannst doch wieder schwanger werden“ sollte die Betroffene möglichst rasch wieder dem Alltagsleben zuführen. Man „überging“ das verlorene Kind als Person. Man übersieht es faktisch sogar bis heute, obwohl uns moderne embryologische Forschung immer einsichtiger zu demonstrieren vermag, dass dieses Wesen von Anfang an Mensch ist. Es stand und steht nicht im Brennpunkt, sein Schicksal und sein Seelenheil scheint unsere Öffentlichkeit kaum zu berühren. Doch so manche unmittelbar Betroffene selbst, ihre Mütter und Angehörigen, stellen sich diesen Fragen. Die Fortschritte in der klinischen Geburtshilfe und der Hebammenkunst leiteten eine individualisierte medizinische Behandlung ein, in welcher die notwendige Aufklärung über mögliche psychische Folgen eines Kindesverlustes – im Fall von Abtreibung als „interruptio“ oder „Schwangerschaftsabbruch“ bezeichnet – weitgehend unterblieb. Bis heute wird das sogenannte Postabortionsyndrom trotz zahlreicher Mitteilungen betroffener Frauen im Internet, in Gedicht- oder Buchform über ihr persönliches Leiden offiziell und pseudo-emanzipatorisch bewusst verschwiegen. Entgegen allem medizinischen Wissen (s. Beitrag J. Wisser) blieb der Embryonenmensch aus der Bestattungskultur ausgeklammert und wurde in Klinikmüll oder Embryonenverbrauch „entsorgt“. So erfolgt der Verlust des Kindes namenlos, sein Sterben, Tod und Trauer blieb und bleibt ideologisches Tabu. Auf Beendigung dieser Benachteiligung von Müttern und Familien und der Unterdrückung ihrer Trauer um das verlorene Kind drängte die Gruppe Rahel e.V. seit Jahren.

Erst mit der Zunahme der Klinikgeburten änderten die deutschen Bundesländer ihre Bestattungsgesetze durch Einführung von Mindestgrammzahlen: der totgeborene Mensch mit 500 oder 1000 Gramm Körpergewicht erhielt (gem. WHO) zumindest eine solche Beachtung. In Bayern erfolgte am 1. Januar 2006 eine Ergänzung, wonach jede menschliche Leibesfrucht, unabhängig von Alter, Gewicht und Todesursache bestattet werden muss. In Gottesdiensten oder ökumenischen Gedenkfeiern wird der Sternenkinder gedacht, auf vorgesehenen Grabfeldern der Trauer in Gemeinschaft Raum gegeben, die sich mehr und mehr dem Wunsch nach individueller seelsorgerischer und psychischer Nachsorge der jeweiligen Tragik öffnet. Die klinische Medizin, die „das Fehlgeborene“ oder „die abgetriebene Leibesfrucht“ bis in die Anfänge des dritten Jahrtausends als „biologisches Untersuchungsmaterial“ verstand und als solches dokumentierte, lernt langsam dazu. Mancherorts weicht sie den mütterlichen Fragen und ihrer Ängste nicht mehr aus, Klinik- und Hausärzte versuchen diese behutsam aufzunehmen und ganz persönliche Heilwege aufzuspüren und zu entwickeln (Beiträge D. Katzwinkel; G. de Gregorio; S. Eisenkeil). Für die „hausnahe“ Begleitung durch eine Hebamme in dieser Tragik gibt das Buch wertvolle Hinweise (Beitrag K. Baumgarten).

In der Erfahrung Sinn suchen, Leben (und Sterben) als ureigene Aufgabe des Menschen zu erkennen – dieses Lebensthema des Psychotherapeuten Viktor E. Frankl – erscheint hilfreich. An „Grenzerfahrungen“ setzt die eigentliche Seelsorge an. Dazu hält der vorliegende Band reichlich Orientierungsmaterial bereit: J. Bärsch legt liturgietheologische und liturgiepastorale Hinweise vor, und Klinikseelsorger Klaus Schäfer teilt Erfahrungen und Anregungen mit, die durch den umfangreichen Literatur- und Sachhinweis im Anhang wertvoll ergänzt werden. So mag das Anzünden einer Kerze zum Symbol werden, um das verzehrende Brennen des „Warum?“ vor den Schöpfer allen Lebens zu tragen und tröstende Antwort zu erhalten. Stillfromme Betrachtung der Ölbergszene und der Pieta bedeuteten schon in vormoderner Zeit Trauerbewältigung, davon zeugen Wegkreuze, Kapellen, Altäre und Wallfahrtskirchen. Sie haben die Zeiten überdauert und scheinen sich auch in unserer Zeit zu bewähren. Inzwischen hat sich mittels Heilkunst das Leben mehrerer Kinder mit einem Geburtsgewicht unter 500 Gramm weltweit fortsetzen lassen, das Jüngste mit einem solchen von 284 Gramm. Das überzeugte offenbar auch eine säkularisierte Welt: Sternenkinder dürfen seit Mai 2012 in unserem Land auf Wunsch ihrer Eltern bestattet werden. Sie erhalten Namen, werden ins Personalregister eingetragen und mithin als Person wahrgenommen.

Die Glaubensaussage: „Unschuldig verstorbene Kinder sind bei Gott“ bildete die Motivation zur Eichstätter Ausstellung „Sie schauen das Antlitz Gottes“. Für den Christen geht es um ein „Mehr“: die Frage nach dem Menschen als Gottes Abbild, nach der Würde jeder Person, unabhängig von deren Alter und Seins-Phase, und deren sozialer Einbindung in Familie und Gesellschaft. Loichen rückt das Thema „vom Rand in die Mitte“ pastoraler Zuwendung und Verantwortung. In katholischer Glaubenslehre ist man sich sicher: Gott hat die Möglichkeit, außerhalb des Sakraments der Taufe Menschen zum Heil zu rufen (GS No 22; vgl. KKK 1257). Bereits Psalm 22,11 und 139,13 rühmen Gott als treuen Beschützer des ungeborenen Menschen. In seinem Erlösungswerk tritt Christus für alle ein (KKK 3634). Gemäß 1 Tim 2,4 ist es der Wille Gottes, dass alle Menschen gerettet werden. Mk 10,14 ist vielzitierter neutestamentlicher Imperativ: „Lasset die Kinder zu mir kommen! Denn ihrer ist das Himmelreich.“ Wertvolle Hinweise zur begleitenden Pastoral finden sich in der Arbeitshilfe Nr. 174 der DBK, „Wenn der Tod am Anfang steht“ (2005).

Die engagierte Wahrnehmung eines grundlegenden Kapitels christlicher Anthropologie in der vorgelegten Lektüre wird theologisch, psychologisch und allen am Bild des Menschen und seines von Gott geschenkten Seins Interessierten wärmstens empfohlen. Sie bereichert in Mitgefühl, motiviert zum Einsatz für das Leben und festigt den Glauben, dass Gott Liebe ist und sich auf den Wegen Seiner Caritas uns je neu mitteilt: Wir sind unterwegs.

Teresa Loichen (Hg): Sie schauen das Antlitz Gottes. Seelsorge nach Fehl- und Totgeburt. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, 172 Seiten, ISBN 978-3- 7917-2460-7, EUR 16,95