Sehnsucht nach Geborgenheit

Modernes Märchen in traumhafter Filmsprache: „Coraline“

Die computergestützte Animation hat dem Film eine neue Vielfalt eröffnet. Über die komplett im Computer erstellten Animationsfilme hinaus erblicken das Kinolicht immer wieder „Mischformen“, zuletzt etwa die gelungene Mischung aus animierten Figuren und handgemalten Hintergründen in „Bolt“ (DT vom 4. Juli). Die Digitalisierung erlaubt darüber hinaus, die alte Stop-Motion-Technik, bei der jede Bewegung und Geste einer handgefertigten Figur fotografiert und zu einer Sequenz von 24 Bildern in der Sekunde zusammengestellt werden, mit im Computer erzeugten Hintergründen zu verknüpfen. Die außergewöhnlichen Kameraeinstellungen und -fahrten verleihen dem Film beachtliche Plastizität und Räumlichkeit. Außerdem erreichen die Puppen eine ausgefallene Ausdrucksfähigkeit, die in den Dienst der Dramaturgie gestellt wird.

Einen ersten Höhepunkt dieser Verknüpfung von „Stop Motion“ und Computeranimation lieferte im Jahre 1993 „Nightmare before Christmas“, bei dem Tim Burton als Autor und Produzent fungierte, während Henry Selick Regie führte. Legte Tim Burton 2005 mit „Hochzeit mit einer Leiche“ („Tim Burton's Corpse Bride“) einen weiteren Stop-Motion-Film nach, so läuft nun im Kino der neue Spielfilm von Henry Selick in dieser Technik: „Coraline“.

Die Verfilmung des Jugendbuchs von Neil Gaiman handelt von der elfjährigen Coraline Jones, die mit ihren Eltern gerade von Michigan nach Oregon umgezogen ist. Wie jedes Kind vermisst sie ihre Freunde und die gewohnte Umgebung. Außerdem haben ihre beschäftigten Eltern für ihre Tochter überhaupt keine Zeit. Der gleichaltrige Wybie bietet auch nicht gerade Abwechselung.

Bei ihren Erkundungen durch das alte Haus entdeckt Coraline eine verborgene Tür, die in einen Tunnel führt. Am Ende des Tunnels findet sie eine Parallelwelt. Denn dort befindet sich genau das gleiche Haus, nur viel schöner eingerichtet. Alles ist scheinbar gleich und doch ganz anders: Kocht ihre Mutter in der realen Welt miserabel, so duftet es hier nach Coralines Lieblingsessen. Aus ihrem langweiligen Vater ist ein Musiker geworden, der seiner Tochter großes Interesse entgegenbringt. Aber auch in ihrer Umgebung treten bedeutende Änderungen auf: Wybie nervt sie nicht mehr, Mr. Bobinsky betreibt einen Mäusezirkus und die britischen Nachbarinnen bieten ihr die Hauptrolle in ihrer Bühnenshow an. In der Parallelwelt dreht sich alles um Coraline. Stutzig macht das Mädchen allerdings, dass in dieser Welt die Menschen statt Augen Knöpfe haben.

Als die „andere Mutter“ versucht, Coraline für immer in diesem Parallelzuhause zu behalten, wird aus dem dauernden Spaß bitterer Ernst. Bald erkennt Coraline, dass ihre wirklichen Eltern in großer Gefahr schweben. Um sie zu retten und einige Kinder zu befreien, braucht Coraline nicht nur ihren ganzen Mut, sondern auch etwas Hilfe, beispielsweise von einer sprechenden schwarzen Katze.

Erinnert das Drehbuch etwa an Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ und teilweise auch an Hayao Miyazakis „Chihiros Reise ins Zauberland“, so beeindruckt die überwältigende Inszenierung als ein Feuerwerk der Fantasie, das freilich für Kinder mitunter zu gruselig geraten ist.

Wie in den mittlerweile Stop-Motion-Klassikern „Nightmare before Christmas“ und „Hochzeit mit einer Leiche“ werden in Coraline zwei Parallelwelten miteinander kontrastiert. Ähnlich der „Weihnachtsstadt“ in „Nightmare before Christmas“ oder der „Unterwelt“ in „Hochzeit mit einer Leiche“ bersten in „Coraline“ die Bilder in der „Knöpfe statt Augen“-Welt geradezu vor einer Farbigkeit, die in ihren grellen Tönen an Tim Burtons „Charlie und die Schokoladenfabrik“ (2005) erinnert, während sich die wirkliche Welt in kalten grau-blauen Farben präsentiert.

Die große Raumtiefe und die expressiv-übertriebenen Gesten und Bewegungen der Figuren gehören wie eine bestens in die Handlung integrierte Filmmusik zu den her-ausragenden Stärken der Filmsprache von Henry Selicks Film.

Inhaltlich handelt „Coraline“ von den Wunschträumen der Pubertät, von der Sehnsucht nach Geborgenheit in der Familie. Deshalb ist die Moral dieser Geschichte einfach, aber tiefgründig: Wie im „Zauberer von Oz“ lernt Coraline, dass es nirgendwo so schön wie zuhause ist. „Und die Moral, die bei so einer Geschichte natürlich nicht zu kurz kommen darf, kommt mit einem kunstvoll stählernen Finger daher, so dass man sie gerne mit- oder hinnimmt“ – so die Filmbewertungsstelle Wiesbaden bei der Verleihung des Prädikats „besonders wertvoll“.