Rücksichtnahme auf die Spitze getrieben

Wie die neuen Sprachverbote im Bildungsbetrieb sogar Karrieren behindern. Von Barbara Stühlmeyer

Francesca Carpos galt als virtuose und ausdrucksstarke Fagottistin und empathische Professorin für Musik am Londoner Music College. Ihren Unterricht beschränkte sie nicht nur auf die Vermittlung rein fachlicher Informationen. Es war ihr auch ein Anliegen, dass ihre Studenten nach Abschluss der Studienzeit dort ankamen, wo sie hinwollten, in der Musikwelt. Und die kann, auch und gerade was den klassischen Musikbetrieb angeht, durchaus rau sein.

In einem Orchester wird keiner der Instrumentalisten mit Samthandschuhen angefasst. Dort herrscht vielmehr eine lebhafte Konkurrenz. Die aber betrifft nicht nur die Mitglieder der einzelnen Instrumentengattungen untereinander – zwei falsche Töne zu viel und der Vorspielerposten geht an den nächsten ambitionierten Kollegen – sondern auch zwischen den Gattungen selbst.

Darauf machte Professor Carpos die Studenten aufmerksam und sie verwendete dabei genau jene Begriffe, die im Orchesteralltag durchaus gängig sind. In England bedeutet dies: die Violinen sind die Gypos – zu Deutsch Zigeuner – und die Harfen das pond life – das Leben am Teich. Was witzig gemeint ist und deshalb immer noch verwendet wird, geriet bei einigen ihrer Studenten in den völlig falschen Hals. Sie schrien empört auf, sammelten Unterschriften, bezeichneten Carpos als Rassistin und sorgten dafür, dass die bis dahin erfolgreich arbeitende Musikerin und Dozentin fristlos entlassen wurde. Der Vorwurf gegen sie lautete, sie habe mit ihrem Memo zum Thema erfolgreicher Einstieg ins Berufsleben dafür gesorgt, dass sich ein vergiftetes Klima entwickelt habe, in dem Musiker zu Komplizen bei der Belästigung und der Diskriminierung ihrer Kollegen geworden wären. Dass ihr einziges Anliegen gewesen war, die Studenten, deren Blick durch die engen Mauern des Elfenbeinturmes oft nicht weit genug reicht, auf die Realität vorzubereiten und in ihrem Memo auch zu lesen gewesen war, dass es hilfreich und förderlich ist, sich in das gewünschte Berufsfeld nicht nur professionell einzubringen, sondern auch sozial aufgeschlossen zu sein, war nicht mehr Teil des Diskussion. Es ging nur noch um ein einziges Wort: Gypos – Zigeuner.

Der Fall von Francesca Carpos ist insofern symptomatisch, als er zeigt, wie schwierig es heute sein kann, sich öffentlich zu äußern, ganz egal, ob es dabei um Toiletten für das dritte Geschlecht, die Frage, wer Mann und wer Frau ist oder die Untiefen der political correctness geht. Denn der Begriff, den die Musikerin verwendet hatte, war weder ihre Erfindung noch hatte sie die Intention, Orchestermusiker zu diffamieren. Er war ein Zitat, die Wiedergabe einer durchaus ironisch gemeinten Selbstbezeichnung. Dass die empörten Studenten dennoch und gegen alle berufsgenossenschaftliche Wahrscheinlichkeit Recht bekamen und Carpos entlassen wurde zeigt, dass sich heute jeder mit seiner Empfindlichkeit durchsetzen kann, wenn er nur laut genug schreit und genügend gleich Empörte um sich schart.

Und genau das ist gefährlich. Denn es kann und wird in nicht allzu ferner Zukunft zu entschiedenen, ja radikalen Gegenreaktionen führen. In Schottland ist dies bereits so weit.

Dort reklamierte kürzlich eine orthodoxe jüdische Studentin für sich, am Freitagabend und Samstag kein Examen schreiben zu können, weil dies den Geboten ihrer Religion zuwiderliefe. Die Reaktion des Professors war eindeutig. Es stünde ihr frei, so sagte er, nicht zur Prüfung zu erscheinen. Er würde dies dann als nicht bestanden bewerten. So weit, so konsequent. Tatsächlich ist es unmöglich, den Termin einer Prüfung jedem einzelnen Studenten mundgerecht zu machen. Es gibt islamische, jüdische, christliche, pagane und atheistische Studenten in Schottland und wer jedem Einzelnen zugesteht, die religiösen Vorschriften, denen zu folgen er frei ist, zum allgemeinen Gesetz zu erheben, wird Prüfungen ganz allgemein absagen müssen. Denn es wäre unmöglich, angesichts der breit gestreuten Festdaten der keltischen Götter, des noch einzurichtenden Gedenktags zu Ehren von Richard Dawkins, den islamischen, jüdischen und christlichen Festtagen noch irgendeinen allgemein akzeptierten Prüfungstermin zu finden. In einem solchen Fall gilt, dass man sich nach der Mehrheit richtet. Und die ist in Schottland christlich.

Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Der Professor fügte nämlich an, dass die Studentin besser daran täte, ihre Forderung nicht zu wiederholen, denn sonst sei damit zu rechnen, dass Studenten mit jüdisch klingenden Namen künftig nicht mehr an der Universität aufgenommen werden würden. Dies ist ein klarer Fall von Antisemitismus. Der Professor ist noch im Amt. Eine Ungerechtigkeit, die zeigt, dass Antisemitismus in Großbritannien salonfähig ist, im Hinblick auf Sinto und Roma aber große Sensibilität herrscht.

Dasselbe gilt bekanntlich im Bereich Gender. Hier gilt es einigen bereits als Hassrede, die lexikalische Definition des Wortes Frau öffentlich vorzulesen, weil die all jene ausschließt, die sich als Frau definieren, aber nicht als solche geboren sind. Was das Beispiel von Francesca Carpos also pars pro toto deutlich macht ist: Wir haben in Europa die Rücksichtnahme auf mögliche Empfindlichkeiten inzwischen auf die Spitze getrieben. Gleichzeitig sind Empathie und das, was man gemeinhin unter Anstand versteht, in erschreckendem Maße rückläufig. Zwischen beidem besteht ein Zusammenhang. Denn wer in nicht mehr nachvollziehbarer Weise gegängelt, diffamiert oder wie im Falle von Frau Carpos unrechtmäßigerweise entlassen wird, ist versucht, seinerseits überzureagieren. Die Professorin tat dies zum Glück nicht. Sie klagte und sie bekam auch Recht sowie eine Entschädigung von 180 000 Pfund. Die beteiligten Studenten wurden nicht diszipliniert.