Romane geben dem Leiden eine Stimme

Selbstironie und skurrile Tragik kennzeichnet häufig die aktuelle litauische Literatur – Litauen ist das Gastland der Leipziger Buchmesse. Von Gerhild Heyder

Litauen in Leipzig - Kleines Land plant großen Buchmesse-Auftritt
„Freiheit“ – diese Skulptur steht vor dem Präsidentenpalast in der litauischen Hauptstadt Vilnius. Freiheit ist auch ein zentrales Motiv der litauischen Literatur. Foto: dpa
Litauen in Leipzig - Kleines Land plant großen Buchmesse-Auftritt
„Freiheit“ – diese Skulptur steht vor dem Präsidentenpalast in der litauischen Hauptstadt Vilnius. Freiheit ist auch ein... Foto: dpa

Das Wunderbare an fremdsprachiger Literatur sind die Reisen, die man ganz ohne lästige Vorbereitungen unternehmen kann – und sie sind noch dazu günstig zu haben: um den Preis eines Buches. Auf diese Weise lernt man auch Länder kennen, die nicht so im Fokus der eigenen Wahrnehmung liegen, und es ist das unschätzbare Verdienst der beiden deutschen Buchmessen in Frankfurt und Leipzig, jeweils ein Gastland in den Mittelpunkt der aktuellen literarischen Strömungen zu rücken. In Leipzig ist das von heute bis zum 26. März Litauen.

Die Geschichte des südlichsten der drei baltischen Staaten ist eng verbunden mit der Geschichte Russlands, Polens, Deutschlands und Weißrusslands und ist geprägt von Gewalt, Unterdrückung und einer sich daraus entwickelnden widerständigen eigenen Kultur. Seit 2004 ist Litauen Mitglied der EU und der NATO.

Das litauische Großfürstentum des vierzehnten Jahrhunderts mit Vilnius als Hauptstadt war der letzte heidnische Staat Europas. Ab 1385 ging die Großmacht eine Personalunion mit dem Königreich Polen ein, unter Führung der litauischen Jagiellonen, die das heidnische Kernland Litauens christianisierten. Die Verbindung mit Polen wurde 1569 in der Realunion zu Lublin gefestigt. Fortan ging Litauen zusammen mit Polen in der neu geschaffenen Aristokratischen Republik auf. Der innere und äußere Niedergang Polen-Litauens ab 1648 führte dazu, dass Litauen zusammen mit Polen 1795 nach mehreren Teilungen von der politischen Landkarte Europas verschwand. Litauen blieb bis 1917 Teil des Russischen Kaiserreichs und erlangte 1918 die Unabhängigkeit. Am 15. Juni 1940 rückte die Rote Armee in Litauen ein. Die Litauische Sozialistische Sowjetrepublik (SSR) wurde am 21. Juli 1940 offiziell begründet und trat kurz darauf der Sowjetunion bei. Von 1941 bis 1945 war Litauen von der deutschen Wehrmacht besetzt und gehörte zum Reichskommissariat Ostland. Von 1945 bis 1990 bestand wiederum die Litauische SSR als Teil der Sowjetunion. Im Zuge der Perestroika wurde nach freien Wahlen am 11. März 1990 die Unabhängigkeitserklärung verabschiedet.

Die sowohl qualitativ als auch quantitativ gewichtigste litauische Neuerscheinung ist der Gesprächsband zwischen dem wohl berühmtesten Lyriker und Essayisten Tomas Venclova, 1937 in Klaipeda (Memel) geboren und seit 1977 in den USA lebend, und der 1960 in Boston geborenen Lyrikerin und Essayistin Ellen Hinsey, die seit 1987 in Paris lebt. Das von Claudia Sinnig großartig aus dem Amerikanischen übersetzte Werk entfaltet auf über 600 Seiten einen dichten, üppigen Bilderbogen des Landes und seiner Menschen, der strukturiert in drei Teilabschnitten anhand von Venclovas eigenem Lebenslauf und dem seiner Familie einen detaillierten Einblick in die litauische Geschichte und Gesellschaft unter den Besatzungen – vor allem der deutschen und der sowjetischen –, die Venclova persönlich erlebte, erlaubt.

Das von Ellen Hinsey in der Rolle der Interviewerin klug geführte Gespräch umfasst alle Bereiche eines unterdrückten und um Freiheit ringenden Landes, lässt den Alltag in den Städten und auf dem Land eines mit allen Wassern gewaschenen gewitzten Volkes aufscheinen, schildert Ausbildung, Studium, geheime Dichterzirkel und katholischen Widerstand über die Jahrzehnte der Repression, vor allem zur Zeit der Sowjetunion, der alle Religionen, vor allem aber die katholische, zutiefst verhasst waren – über die alleinige „Religion“ verfügte die UdSSR selber, und die hieß Kommunismus.

Ausführlich beschreibt er die Völkerfluktuation nach dem Zweiten Weltkrieg, als fast alle Juden in Vilnius ausgerottet waren und die noch vorhandene polnische Bevölkerung vor die Wahl gestellt wurde, Sowjetbürger zu werden oder nach Polen auszureisen. Dafür kamen Weißrussen und Russen, mit denen sich die verbliebenen Litauer arrangieren mussten.

Tomas Venclova erzählt von Theater und Literatur und von bedeutenden Begegnungen, so mit dem hoch verehrten, in Litauen geborenen polnischen (und gläubig katholischen) Dichter und Literaturnobelpreisträger Czeslaw Milosz (1911–2004), der Jahrzehnte des Exils als Professor in Berkeley verbrachte, und dem engen Dichterfreund Joseph Brodsky (1940–1996), von Andrej Sacharow und Jelena Bonner. Und er beschreibt die friedliche Koexistenz der Religionen mit den vornehmlich katholischen Litauern, Juden (vor der deutschen Besatzung) und orthodoxen Russen. Er, Sohn einer Katholikin und eines kommunistischen Atheisten, bezeichnet seine frühe Überzeugung als „heroischen Agnostizismus“, da die transzendente Welt nicht zu erkennen und nicht zu erörtern sei.

Faszinierend zu lesen, bei aller historischen Schwere voller Leichtigkeit und Selbstironie, mit einer Zeittafel und einem umfassenden Personenregister versehen, könnte dieses Buch wohl zum Standardwerk über Litauen avancieren. (Tomas Venclova: Der magnetische Norden, Gespräche mit Ellen Hinsey, Suhrkamp Verlag Berlin 2017, 652 Seiten, EUR 36,–).

Undine Radzevièiute, 1967 in Vilnius geboren, möchte mit der Literaturtradition ihres Landes nichts zu tun haben. Ihr anspruchsvoller Roman „Fische und Drachen“ beeindruckt nicht nur durch seinen subtilen situativen Witz, sondern auch durch ein scheinbar unendliches Wissen über den Orient der frühen Neuzeit, insbesondere über die Tätigkeit der jesuitischen Missionare in China. Äußerst kunstvoll verwebt die herausragende Autorin, eine studierte Kunsthistorikerin, zwei Erzählstränge miteinander: der eine bewegt sich im China des 18. Jahrhunderts am kaiserlichen Hof in der Verbotenen Stadt und begleitet den Jesuiten und Maler Giuseppe Castiglione, der dort tatsächlich von 1715 bis 1766 lebte und, statt zu missionieren, immer tiefer in der geheimnisvollen Welt des chinesischen Hofs versank. Wie der Weg von Peking mitten hinein in die Wohnung und den tragikomischen Alltag von vier Frauen in einer unbenannten europäischen Großstadt der Jetztzeit führt, erschließt sich erst im Laufe des Romans. Was die drei Generationen – Großmutter, Mutter, zwei erwachsene Töchter – miteinander erleben, erinnert an Woody Allen, auch in seiner skurrilen Tragik. (Undine Radzevièiute: Fische und Drachen, aus dem Litauischen übersetzt von Cornelius Hell, Residenz Verlag Salzburg – Wien 2017, 400 Seiten, EUR 24,–).

Sicher eines der berührendsten Bücher dieses Frühjahrs ist „Salz für die See“ der 1967 in Michigan geborenen litauisch-stämmigen Jugendbuchautorin Ruta Sepetys, das die Geschichte einer der verheerendsten und nahezu unbekannten Tragödien des Zweiten Weltkriegs, die Versenkung der „Wilhelm Gustloff“ mit etwa 9 000 Toten beschreibt. Das Zitat von Primo Levi, das dem Geschehen vorangestellt ist, gibt die Richtung an – und bereitet doch nicht vor auf die kaum erträgliche Tragödie, die sich zwischen zwei Buchdeckeln auftut: „Nicht wir, die Überlebenden, sind die wirklichen Zeugen. (…) Vielmehr sind sie, (…) die Untergegangenen, die eigentlichen Zeugen, jene, deren Aussage eine allgemeine Bedeutung gehabt hätte.“

Ruta Sepetys gibt den Untergegangenen und den Überlebenden eine Stimme, und das so eindrücklich, dass man es nie wieder vergessen wird. Vier Personen, die alle ein Geheimnis verbergen, erzählen von den letzten Kriegstagen 1945, im eiskalten Winter auf der Flucht vor der Roten Armee gen Westen: Florian, ein deutscher Deserteur, Emilia, eine junge Polin, Joana, eine litauische Krankenschwester und der Matrose Alfred, ein überzeugter Nationalsozialist. Eine Notgemeinschaft, zu der noch ein alter Schuster, ein kleiner Junge, eine junge Blinde und eine selbstsüchtige Walküre gehören. Gemeinsam wählt der kleine Treck den gefährlichen Weg über das zugefrorene Haff Richtung Gotenhafen, wo das Schiff „Wilhelm Gustloff“ wartet, um sie über die Ostsee nach Westen zu bringen. Nicht alle werden ihr Ziel erreichen.

Ruta Sepetys hat akribisch recherchiert, wie dem ausführlichen Anhang zu entnehmen ist, und sie wollte mit ihrem Buch vor allem von den hilflosen Kindern und Jugendlichen erzählen, „weil sie unschuldige Opfer von Grenzverschiebungen, ethnischen Säuberungen und rachsüchtigen Regimen waren“. Sie tut dies meisterhaft und bewegend. Die menschliche Egozentrik und Grausamkeit in Zeiten des Überlebenmüssens wird nicht beschönigt, es gab aber auch selbstlose Hilfe und Unterstützung bis zur Selbstaufgabe. Die erzählenden Personen geben der Tragödie ein Gesicht. Indem wir ihre persönliche Geschichte erfahren, heben sie sich aus der anonymen Masse der unzähligen Flüchtlinge und Vertriebenen heraus und stehen doch für alle anderen. (Ruta Sepenys: Salz für die See, aus dem Amerikanischen übersetzt von Henning Ahrens, Königskinder Verlag bei Carlsen, Hamburg 2016, 416 Seiten, EUR 19,99, empfohlen ab 14 Jahren.)