Relotius und die Folgen

Beim medienethischen Kolloquium des Instituts für Gesellschaftswissenschaften Walberberg ging es um das Verhältnis von Wahrheit und Lüge im Journalismus. Von Sebastian Sasse

CNN Journalist Award 2014
Damals war er ein Star: Claas Relotius bekam 2014 den CNN Journalist Award. Heute gilt sein Fall als Symptom für eine Krise des Journalismus. Foto: dpa
CNN Journalist Award 2014
Damals war er ein Star: Claas Relotius bekam 2014 den CNN Journalist Award. Heute gilt sein Fall als Symptom für eine Kr... Foto: dpa

Fragen stellen – das ist eine Hauptbetätigung von Journalisten. Sich selbst in Frage zu stellen – eher nicht. „Was ist Wahrheit“ – journalistische Profis kommen an der Pilatus-Frage nicht vorbei. Und sie tun gut daran, sie nicht vorschnell zu beantworten oder einfach abzutun, schließlich sei es doch von ihrem Berufsethos her ganz selbstverständlich für sie, allein der Wahrheit verpflichtet zu sein. Journalisten verstehen sich oft als kritische Beobachter der Gesellschaft. Was sie aber auch sein müssen: Kritische Beobachter ihrer eigenen Arbeit. Die Pilatus-Frage kann als ständiger Wegbegleiter dabei helfen, sich immer wieder darüber zu vergewissern, welcher Wahrheit man denn tatsächlich verpflichtet ist. Das war auch die wichtigste Erkenntnis des diesjährigen medienethischen Kolloquiums, das das Institut für Gesellschaftswissenschaften Walberberg alljährlich am 1. Mai in Bonn veranstaltet: Journalisten müssen lernen, ihr eigenes Tun besser zu reflektieren.

Anlass über das Verhältnis von Wahrheit und Lüge im Journalismus nachzudenken, war jener Fall, der am Anfang des Jahres das Vertrauen in die Solidität des deutschen Qualitätsjournalismus deutlich erschüttert hat: Claas Relotius, mit zahlreichen Preisen ausgezeichneter „Spiegel“-Reporter, wurde als Fälscher entlarvt. Die Tagung nahm den Fall als Symptom für die Krise, an der der deutsche Journalismus zu kränkeln scheint. Die drei Referenten stellten unterschiedliche Diagnosen aus. In der anschließenden Diskussion wurde dann gemeinsam mit den Zuhörern überlegt, was auf dem Rezeptzettel stehen müsste.

Die Diagnose Nummer eins stammte von Sophie Dannenberg: Die Publizistin, bekannt durch ihre monatlichen Kolumnen im Magazin „Cicero“ und ihren kritischen 68er Roman „Das bleiche Herz der Revolution“, folgte der Leitlinie: Um zu verstehen, was im Journalismus gut oder falsch läuft, muss man erst einmal verstehen, was Journalisten überhaupt für Typen sind. Dannenberg blickte in die Literatur, von Erich Kästners „Fabian“ bis hin zu Journalisten-Beschreibungen in Gegenwartsromanen: Meistens sind es gebrochene, irgendwie außerhalb der Gesellschaft stehende Figuren, oft ohne richtige Berufsausbildung, die eher aus Zufall, wenn nicht aus Not in ihrer Profession gelandet seien. Von der bürgerlichen Gesellschaft würden diese Outsider denn auch argwöhnisch betrachtet. Das Interessante daran: Gerade diese Außenseiterstellung prädestiniere sie aber eben für ihre Aufgabe, die sie gerade für diese bürgerliche Gesellschaft unverzichtbar mache: Öffentlichkeit herzustellen. Ein zweiter Aspekt, den Dannenberg hervorhob: das Verhältnis von Journalist und Literat. Nicht wenige Journalisten hätten ursprünglich Schriftsteller-Ambitionen gehabt. Und die Fabulier-Freude ginge manchen vermutlich auch nicht verloren, wenn sie nun, statt ihren Traum zu erfüllen, dem sicheren Brotberuf nachgehen. Dannenberg wollte mit ihrem aufschlussreichen wie unterhaltsamen Vortrag bewusst zuspitzen. Denn, so machte sie auch klar, diese geschilderten Eigenschaften „des“ Journalisten seien natürlich nur Extreme. Gleichwohl, Orientierung geben sie schon. Ein gelungener Auftakt der Tagung.

Diagnose Nummer zwei lieferte Alexander Kissler. Er leitet das Ressort „Salon“ beim „Cicero“; zudem hat der bekennende Katholik viele Bücher, etwa über Benedikt XVI., veröffentlicht. Sein neuestes Werk setzt sich mit der verhängnisvollen Wirkung von Phrasen auseinander. Die Wirkung von denen illustrierte er am Beispiel eines Wackeldackels. Das Spielzeugtier, er stellte es auf sein Rednerpult, wackelt unablässig mit dem Kopf. Und genau dies sei eben auch die typische Reaktion, wenn man eine Phrase höre, sie ziele auf Zuneigung ab, auf einfache. Sie ist also im Grunde ein Zeichen von Lethargie. Und genau die beklagt Kissler auch für die Debattenkultur insgesamt. Als publizistische Waffe mache sich die Phrasen immer das Establishment zunutze. Und das sei im Moment links-liberal geprägt. Entsprechend sähen die dominierenden Phrasen im Moment aus: Da gehe es dann um Nachhaltigkeit, Klimawandel oder eben vermeintliche Gender-Probleme. Parallel betrachtete Kissler das Phänomen des Framings. Es werde versucht, im Sinne bestimmter Deutungsmuster den Diskurs zu steuern. Kissler warnte in diesem Zusammenhang davor, dem Framing des Establishments einfach ein eigenes entgegenzusetzen. Sein Ratschlag auch hier: mehr Reflektion. Eine interessante Beobachtung Kisslers: So wie in Walberberg über die Dominanz der links-liberalen Phrasen geklagt werde, sähe das Stimmungsbild bei einer TAZ-Gesellschafterversammlung vermutlich ganz anders aus. Dort werde dann beklagt, die Rechten seien in den Medien auf dem Vormarsch. Man müsse als Journalist in der Lage sein, beide Phänomene nebeneinander zu betrachten.

Als dritter Diagnostiker trat schließlich Josef Kraus auf. Der streitbare Pädagoge – er war jahrzehntelang Präsident des Deutschen Lehrerverbandes – und Publizist betrachtete das Problem vor allem aus Sicht des Medienkonsumenten. Hier beklagte er die mangelnde Schlagkraft des bürgerlich-liberal-konservativen Lagers.

Was also tun? Wie kann die Lösung des Problems aussehen? Die Vorschläge in der Diskussion waren vielfältig. Kraus schlug etwa vor, bei der Bundesregierung einen Beauftragten für Medienbeschwerden zu installieren. Alexander Kissler hingegen, der sich auch gegen den Begriff der „Lügenpresse“ wendete, beschwor die Macht des Medienkonsumenten. Medien, die aus Sicht des Lesers nicht das bieten, was er erwartet, sollten eben einfach nicht mehr gekauft werden. Das werde automatisch zu einer Flurbereinigung führen. Eigentlich ganz einfach.