Reiseführer durch das Heilige Land

Josef Wohlmuth erzählt viele Details aus Leben und Theologie, doch mit dem Verstehen des Paulus hat er Schwierigkeiten

Dieses Buch ist vieles zugleich: Reiseführer, Erlebnisbericht, Einführung in die Philosophie des Emmanuel Levinas, auch in etwas Rosenzweig, in diverse Liturgien, in jüdische Feste zuhauf und in alle gegenwärtigen Fragen der Kirchenpolitik, ausgenommen Sexualethik und Piusbrüder. Es belehrt über „kanonische Bibelauslegung“, über Ökumene jeder Art (innerchristlich, außerchristlich, transislamisch), bringt Photos („Abschied vom See“; schon wenn man das hört, ahnt man, was auf dem Bild zu sehen ist) und sogar „Gedichte“ des Autors, der einst Professor für Dogmatik in Bonn war. Zum Reiseführer ist es freilich kaum geeignet, da an jeder Station der Verfasser von seinen innerlichen deutsch-kirchenpolitischen Gedanken geradezu überwältigt wird. Aber es werden auch wirklich dogmatisch so schwerwiegende Dinge wie die Frage behandelt, ob und vor allem wo Jesus auf die Toilette habe gehen können oder müssen. Denn mit den öffentlichen Einrichtungen dieser Art war es nicht so gut bestellt vor zweitausend Jahren. Dagegen sind mittelalterliche Quisquilien geradezu „hochwürdig“!

Vor allem aber liegt das Buch voll im Trend der neuerlichen deutschen alleinseligmachenden Theologie, die so sehr vom „Ersten Testament“ (Alt ist out) erfüllt ist, als gälte es, tausend, ach, was sage ich, zweitausend Jahre (angebliche) Nicht-Beschäftigung im crash-Kurs nachzuholen. Das gilt freilich nicht nur für Wohlmuth, sondern für die gesamte aufgeklärte katholische Szene in Deutschland. Spiritualität gibt es nur noch in Beth-El und am Sinai. Nun habe ich nichts gegen Beth-El und Sinai, doch der Rigorismus, mit dem das zurzeit durchgefochten wird, erinnert etwas schal an eine Modewelle. Ich wage es gar nicht, meine jüdischen Freunde danach zu fragen, was sie von dieser Begeisterung für Sabbat und Laubhütten halten; ich fürchte, es würde skeptisch, ironisch bis zynisch ausfallen.

Der erste Eindruck nach Lektüre dieses bunten Teppichs war: Es gibt ihn noch, den sonnigen rheinischen Prälaten, von weltumspannender Freundlichkeit, voll begeistert vom aggiornamento von vor fünfzig Jahren, kurzum jovial eben bis der Arzt kommt. Die verbreitete Klage, es gebe keine ernst zu nehmende Theologie in Deutschland, wird souverän im Meer der Reiseerinnerungen ertränkt. Den Eindruck, dass Jesus wahrer Mensch war, hatte ich, ehrlich gesagt, auch schon vorher aufgrund der Lektüre der Schriften des Neuen Testaments, und zwar aller. Dazu muss ich nicht nach Palästina fahren, das habe ich – mit Verlaub gesagt – in einer Kreuzwegandacht billiger. Auch über die Tatsache und Existenz von Kaffee-Agapen muss der Leser unbedingt informiert werden, man kann sich das ja auch nicht schrecklich genug vorstellen. Spätestens da beginnt nun der Leser seinerseits, tiefsinnig zu werden. Kaffee anstelle von was?

Dass der Dogmatik-Professor mit dem Apostel Paulus nicht gut kann, liegt natürlich an Paulus. Das kann man ja gut verstehen, weil auch Marx und Engels schon in Bonner Vorlesungen zum Neuen Testament an Paulus verzweifelt sind. Aber – Marx hin, Engels her – die Souveränität, mit der es der Verfasser versteht, den Neuen Bund im paulinischen Abendmahlsbericht (und damit in der Messe!) auszutricksen und autoritativ den Markus-Bericht für den ursprünglichen erklärt (der nur vom Blut des Bundes spricht), das lässt schon den Exegeten staunen, der beides lieber nebeneinander stehenlässt. Aber in der gegenwärtigen ideologiebesetzten Diskussion kann das natürlich nicht anders sein (E. Zenger lässt grüßen), denn einen Neuen Bund darf Jesus nicht gewollt haben. Die Lesart der Kirche (bei der Messe) führte laut Wohlmuth dazu, „die Sinaioffenbarung in ihrem systematischen Stellenwert zu degradieren, als habe die Christenheit die Judenheit ersetzt“, dabei hat man nicht bedacht, dass für den Propheten Jeremia der „neue Bund“ die Radikalform des Sinaibundes darstellt“. Und was ist mit der Sinai/Sion-Antithese in Hebr 12? Wo steht denn im Sinai-Bund etwas von Sündenvergebung? Man lese vor allem 2 Kor 3 um festzustellen, dass das mit dem Neuen Bund so einfach nicht ist, jedenfalls für den Juden Paulus. Warum gilt dann der Neue Bund für alle Heiden, der Alte aber nicht? Paulus gibt die Antwort, Wohlmuth nicht.

Aber wenn man so schwärmt, geht einem schon mal etwas durch die Lappen. Eine neue Art von Dogmatik will das Buch sein, narrativ, aber es ist eben zumeist nicht präzise. Und darf der Systematiker nach 2000 Jahren wirklich hinter die Differenziertheit des Apostels Paulus zurückfallen? Den Lobpreis der Weisheit Gottes in Röm 11,33f versteht Wohlmuth als Selbst-Eingeständnis des Paulus, dass er doch nicht alles gut kapiert habe. Das Gegenteil ist eher der Fall. Denn Doxologien dienen nicht dem Selbstzweifel, sondern gelten der Herrlichkeit Gottes. Eine Frage der Gattung. Röm 9–11 versteht der Autor Paulus ganz richtig, bis auf die allerdings nicht unwichtige Tatsache, dass der Dogmatiker hier meint, Judenmission ausschließen zu müssen oder zu dürfen. Dabei möchte doch Paulus selbst leidenschaftlich gerne so wirken und alle übrigen Autoren des Neuen Testaments mit ihm. Wohlmuth übersieht den Mittelweg, der sich anbietet: Judenchristen dürfen und haben Juden missioniert. Nur sind die leider gar nicht „in“, peinlich, wo doch alle Autoren des Neuen Testaments solche waren. – Wohlmuth ist wohl der Meinung, Israel komme um den Glauben an Jesus herum. Daher: „Das Heil (sei) dem jüdischen Volk dennoch zugesagt..., auch wenn es nicht an Jesus glaubt“. Schon nach ältester Überlieferung hat Jesus selbst das anders gesehen: Mt 23,39 („Doch eines Tages werdet ihr mich wiedersehen. Dann werdet ihr mir zurufen: Willkommen. Du bist der, der da kommen soll in Gottes Namen!“= Lk 13,35).

Aber alles, was die Evangelien erzählen, kann man ja so leicht für unecht erklären, nicht wahr? – Und Paulus nach Röm 11,23 wird auch verschwiegen, wo er sagt, dass Juden, wenn sie nicht im Unglauben verharren, wieder in den Ölbaum eingepflanzt, also gerettet werden. Worin der Unglaube zu Lebzeiten des Apostels besteht, das hat er nun im Römerbrief wirklich oft genug gesagt: darin, dass diese Juden nicht an Jesus glauben (vgl. nur 11,20). Paulus ist eine Zumutung im Zeitalter der Correctness! Alles in allem: Ein Buch, wahrhaftig voll Tiefsinn, eine Palästinafahrt ist wirklich um ein Vielfaches schöner. Aber das wird der freundliche Autor sicher auch zugeben. So sind wir uns am Schluss ganz einig.