Ratschläge für Kinogänger

Auch für Eltern lesenswert: Eine neue Broschüre rät Familien, wie Kinder mit Filmen umgehen sollten

Ein neuer, gedruckter Leitfaden für Eltern und Erzieher, damit „der Kinobesuch mit den Kindern ein Erlebnis wird“: Ist eine solche honorige Initiative in der Ära jederzeit zugänglicher Bilder- und Bilder-Speichermedien wie DVD, Computerfestplatten und Internet nicht von vornherein Makulatur? Die Bilderflut, die sich junge Menschen auf unkomplizierte Weise ins Kinderzimmer holen können, ist kaum noch kontrollierbar. Aber nicht trotz, sondern wegen dieser immens gestiegenen Verfügbarkeit von Filmen und Bildern können fachgerechte Informationen und Empfehlungen für den Umgang mit den ersten, prägenden Seh- oder Kinoerlebnissen von Kindern eine wertvolle Orientierung sein. Denn mit der Bilderflut wächst auch die individuelle, erzieherische Verantwortung von Eltern und Pädagogen.

„Mit der Familie ins Kino“ lautet die neue Broschüre des Netzwerkes für Film und Medienkompetenz, unter dessen Kürzel „Vision Kino“ neben Film- und pädagogischen Fachverbänden wie dem Bundesverband Kommunale Filmarbeit auch die Filmförderungsanstalt des Bundes (FFA) und der Staatsminister für Kultur und Medien beteiligt sind. Ein wesentlicher Vorteil des schmalen Leifadens, der nicht auf einzelne Filme abzielt, sondern generelle Tipps dafür geben will, was bei einem Kinobesuch mit Kindern und Jugendlichen zu berücksichtigen ist, sind zum einen die umfassenden Listen mit Literatur- und Internetquellen: Auf einen Blick sind alle brauchbaren, weiterführenden Bücher, DVDs und Webadressen zur Hand, die Eltern und anderen Erziehungsberechtigten detaillierte Informationen zu allen Aspekten film- und medienpädagogischer Arbeit im deutschen Sprachraum bieten.

Darüber finden sich im DIN A4-Heft von „Vision Kino“ – dessen Netzwerk mit den Schulkinowochen selbst das größte, jährlich stattfindende Film-Bildungsprojekt in Deutschland veranstaltet – grundsätzliche erzieherische Empfehlungen: Vom Kinobesuch mit Kindern unter sechs Jahren – den der Gesetzgeber ohne Begleitung von Erziehungsberechtigten ohnehin verbietet – wird wegen der Gefahr der Überforderung der noch unausgereiften Wahrnehmungs- und Verarbeitungsfähigkeiten von Sinneseindrücken bei Kleinkindern abgeraten. Mit zunehmendem Alter kann insbesondere das Kino als Ort familiären oder schulischen Filmkonsums eine wichtige, inspirierende Rolle bei der Entwicklung eines Grundlagenverständnisses von der Gestaltung und Wirkung visueller Medieninhalte bei Kindern spielen. Kino als Freizeitvergnügen kann nach Auffassung der Autoren die kindliche Medienkompetenz potenziell fördern, wenn bei der Auswahl der Angebote auf altersstufenbezogene Filminhalte und individuelle Kriterien geachtet wird, denn „Kinder nehmen je nach Alter, Geschlecht, Reife, Erfahrung, Bildung, Umfeld und Sozialisation unterschiedlich wahr.“

Staatlich anerkannte Institutionen wie die „Freiwillige Selbstkontrolle“ (FSK) der Filmwirtschaft, die vor wenigen Wochen ihr 50. Jubiläum feiern durfte, bieten Hilfestellungen, was „kindgerechte“ Angebote sind. Selbst erfahrene Kinogänger wissen kaum etwas über die Grundlagen und die Alltagspraxis dieser Einrichtung der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft e.V. (SPIO), die nach dem Krieg die Rolle der früheren, staatlichen Zensurbehörden übernommen hat, denn eine Vorführungserlaubnis von Filmen ist qua Jugendschutzgesetz noch immer an die Freigabe für bestimmte Altersstufen geknüpft. Insofern ist es löblich, dass der Elternleitfaden klarstellt, dass die derzeitige FSK-Staffelung nach Altersstufen (keine Altersbeschränkung, ab sechs Jahren, ab 12, ab 16 und ab 18 Jahren) keine regelrechte Alters- oder Qualitätsempfehlung ist, sondern eine Art Mindestanforderung formuliert: Die FSK-Altersfreigaben „weisen auch nicht speziell kindgerecht erzählte, gar wertvolle Kinder- und Jugendfilme aus, sie sollen vielmehr sicherstellen, dass Kinder und Jugendliche bestimmter Altersgruppen im Regelfall nicht durch problematische Medien-(ein)wirkungen nachhaltig belastet, beeinträchtigt und verängstigt werden.“

Andersherum können thematisch und/oder stilistisch anspruchsvolle Filme, die sich eigentlich an ein erwachsenes Publikum wenden, durchaus eine sinnvolle, filmische „Lektüre“ für ein jüngeres Publikum sein. Denn ein unabhängig vergebenes Empfehlungsprozedere für Filme im Bereich Kinder- und Jugendfilm – sieht man von Kritiken in pädagogischen Fachzeitschriften und von speziellen Festivalpreisen und Auszeichnungen ab – wie im Bereich der FSK-Qualifizierung gibt es in Deutschland nicht. Und die Vergabe (der zu geringerer Vergnügungssteuer führenden) Prädikate „wertvoll“ oder „besonders wertvoll“ der Filmbewertungsstelle in Wiesbaden (FBW) – einer staatlichen Einrichtung aller Bundesländer unter der Rechtsaufsicht des hessischen Kulturministeriums – ist schon gar nicht an pädagogische, sondern rein ästhetische Maßstäbe gebunden, die eine unabhängige Erwachsenenjury fällt (was naturgemäß immer wieder zu umstrittenen Urteilen führt, wie aktuell etwa im Falle von „Antichrist“ des Regisseurs Lars von Trier, der laut FBW als „wertvoll“ gilt).

Die Autoren der Broschüre ermuntern Eltern ausdrücklich, mit ihren Kindern jeden Kinobesuch mit Gesprächen oder spielerischen Aktionen nachzubearbeiten und den Pädagogen ihrer Kinder den „Lernort Kino“ und entsprechende Angebote von Institutionen ans Herz zu legen. Der Leitfaden „Mit der Familie ins Kino“ kann kostenfrei bestellt werden bei: