Rassismus bei der Polizei?

Podiumsdiskussion über angebliche rassistische Gewalt bei Gesetzeshütern anlässlich der Tatortfolge „Verbrannt“. Von José García

In der Tatortfolge „Verbrannt“ enthüllen die Bundespolizisten Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) und Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring, rechts) rassistische Gewalt bei der von Werl (Werner Wölbern) geleiteten Polizeistelle. Foto: ARD
In der Tatortfolge „Verbrannt“ enthüllen die Bundespolizisten Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) und Thorsten Fal... Foto: ARD

Am Sonntagabend strahlte die ARD einen „besonderen“ Tatort aus. Besonders weil sich „Tatort: Verbrannt“ von Stefan Kolditz (Drehbuch) und Thomas Stuber (Regie) trotz weitgehend erfundener Geschichte an einen realen Fall anlehnt: Im Januar 2005 starb in Dessau in Polizeigewahrsam und mit Handschellen an eine Liege gefesselt Oury Jalloh aus Sierra Leone. Die Polizeibeamten haben Jallohs Tod zumindest nicht verhindert. Bis heute ist es unklar, wie es überhaupt geschehen und wie man das zulassen konnte.

Grundrechte werden nicht immer ernst genommen

In „Verbrannt“ beschatten die Bundespolizisten Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) in einer nicht näher beschriebenen Kleinstadt in Niedersachsen einen afrikanischen Asylbewerber, denn er soll für eine Schleuserbande mit gefälschten Pässen handeln. Bei der Festnahme verliert Falke die Kontrolle und misshandelt den Verdächtigen schwer. Der vermeintliche Passfälscher wird in Polizeigewahrsam genommen. Ein Arzt bescheinigt ihm trotz Verletzungen Haftfähigkeit. Weil der Festgenommene Widerstand leistet, wird er an eine Liege gefesselt. Am nächsten Morgen erfahren Lorenz und Falke, dass der Mann unter ungeklärten Umständen starb.

Am Ende der Ermittlungen, die gegen den Widerstand des örtlichen Dienststellenleiters Werl (Werner Wölbern) die zwei Bundespolizisten durchführen, steht eine erschütternde Einsicht: Der Tod des afrikanischen Asylbewerbers war kein Einzelfall. Dahinter steckt vielmehr ein System rassistisch motivierter Polizeigewalt, in dem der Dienststellenleiter selbst eine Schüsselrolle einnimmt.

Weil der „Tatort“ schwere Vorwürfe gegen die Polizei erhebt, fand im ARD-Hauptstadtstudio eine Podiumsdiskussion „Polizeigewalt gegen Flüchtlinge – Korpsgeist oder Einzelfälle?“ statt.

Christian Granderath, Leiter der NDR-Abteilung Film, Familie und Serien, führte aus: „Rassismus und Fremdenfeindlichkeit auch unter Polizisten sind sicher nicht die Regel, aber eben auch nicht auf eine Stadt, eine Region, ein Bundesland oder Ostdeutschland beschränkt.“ Granderath wies auch darauf hin, dass nach dem Ende der Dreharbeiten für „Tatort: Verbrannt“ in Hannover Misshandlungen von Flüchtlingen bei der Bundespolizei bekannt wurden.

Zwar betonte Autor Stefan Kolditz, dass sich die Tatort-Folge in vielen Punkten vom realen Geschehen im Fall Oury Jalloh unterscheidet. Denn für Kolditz soll „Verbrannt“ in einer größeren Dimension gesehen werden: Es gehe nicht um eine eindeutige Zuordnung von Gut und Böse, sondern um die Frage: „Wie viel Rassismus steckt in uns allen? Wo fängt Rassismus an?“ Die Tatortfolge verdeutlicht dies etwa in einer der Anfangsszenen, in der Falke einen Asylbewerber regelrecht verprügelt.

Dennoch konzentrierte sich die weitere Diskussion weitestgehend auf den Fall Oury Jalloh. In diesem Zusammenhang erhob die Hamburger Rechtsanwältin Gabriele Heinecke schwere Vorwürfe gegen die Staatsanwaltschaft Dessau: „Polizisten haben mit Unterstützung der Staatsanwaltschaft gelogen“. Nicht nur in Dessau habe es Versäumnisse auf allen Ebenen gegeben. Im Allgemeinen gebe es in Deutschland viele Polizisten, die es mit den Grundrechten, insbesondere bei Menschen anderer Hautfarbe, es nicht so ernst nähmen.

Pagonis Pagonakis, Autor der Dokumentation „Tod in der Zelle. Warum starb Oury Jalloh?“ und Fachberater für die Tatortfolge „Verbrannt“, pflichtete Heinecke bei.

So sei etwa erst zwei Monate nach Oury Jallohs Tod bekannt geworden, dass er fixiert gewesen sei. Dass er sich selbst mit einem bei der Durchsuchung übersehenen Feuerzeug angezündet haben soll, scheine mit dem zeitlichen Abstand immer absurder. „Viele Indizien aus zwei Landgerichtsprozessen weisen darauf hin, dass er es selbst nicht getan haben kann.“ Dass über den Fall keine genauen Details bekannt geworden seien, liege vor allem daran, „dass sich von Anfang an ein Mantel des Schweigens über den Fall legte, sich die Polizeireihen schlossen und die Justiz nicht energisch genug vorging“.

Mehr Kontrolle durch die Öffentlichkeit

Denn für Pagonakis habe sich die Staatsanwaltschaft Dessau zu früh auf Selbsttötung festgelegt und nur in diesem Rahmen ermittelt, obwohl die ganze Version sehr hypothetisch gewesen sei.

Demgegenüber versicherte der stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Jörg Radeck, dass die hier zur Rede stehenden Vorfälle innerhalb der Polizei besprochen werden. Allerdings plädierte Radeck auch für eine „Kontrolle durch die Öffentlichkeit“, weil interne Gespräche nicht ausreichend seien. Deutlicher als Radeck wies Raphael Behr, Dozent an der Akademie der Polizei in Hamburg, den Vorwurf des „Institutionellen Rassismus“ zurück. Zwar handle es sich nicht bloß um Einzelfälle, aber die Vorgänge seien komplex. „Bei Oury Jalloh handelt es sich eher um einen sozialen Raum, der mauert. In Hannover geht es um die sadistische Energie eines Einzelnen, der dann von Kollegen gedeckt wird.“ In Deutschland gebe es sehr unterschiedliche „polizeiliche Kulturen“. Bei der Polizei sei das Zusammenhalten wichtig. Denn Polizisten „kämpfen wirklich an der Front gegen das Böse“. Der Zusammenhalt sei aber auch ambivalent. „In Extremsituationen hilft er, kann aber ins Gegenteil schlagen.“ Wichtig sei, dass es nicht beim Juristischen bleibe. Denn auch wenn etwa ein Polizist aus Mangel an Beweisen freigesprochen werde, bleibe ein moralischer Schaden.

Schade nur, dass die nuancierte Diskussion, die den etwas einseitigen Tatort relativierte, nicht aufgenommen und nach „Tatort: Verbrannt“ im Fernsehen gesendet wurde.