Online am Pranger, freiwillig

Der Streamingdienst Younow fasziniert Jugendliche und alarmiert Beobachter. Von Anna Sophia Hofmeister

Der Dienst Younow funktioniert auch über das Smartphone. Foto: dpa
Der Dienst Younow funktioniert auch über das Smartphone. Foto: dpa

Alina* ist 13 Jahre alt und hat ein hübsches Gesicht. Sie sitzt auf ihrem Bett in ihrem Zimmer mit pinkfarbigen Wänden, ein Knie bis zum Kinn gezogen, und streicht sich durch die schulterlangen Haare. Ihre Mutter und ihr Bruder sind nicht zuhause; Alina starrt in ihren Computer. Sie hat ihre Webcam eingeschaltet.

286 andere Menschen starren in diesem Moment ebenfalls in ihren Computer, sie betrachten in ihren Zimmern auf ihrem Bildschirm die 13-jährige Alina, wie sie mit angezogenem Knie auf dem Bett sitzt. Alina freut sich, dass ihr so viele zusehen, sie bedankt sich. Sie bedankt sich häufig, höflich, ein wenig verlegen, für jedes Kompliment, das ihr ihre Zuschauer über ein kleines Chatfenster zukommen lassen. „Bist ne richtig Süße“, schreibt „Mathias_5028“ etwa, „du bist sooo heftig schön“ tippt „Jan D.“ und „hal9000“ stellt fest, dass Alina ein „süßes Knie“ hat. Alina liest die Sätze halblaut vor, wie wenn sie mit sich selber spräche, und antwortet im selben Atemzug. „Danke“, „das ist nett“, „dankeschön“, sagt sie mit unbestimmtem Blick in ihre Kamera. Sie lächelt nicht.

Die Plattform Younow, ein Streamingdienst im Internet, ist eine Art Youtube in Echtzeit. Per Webcam oder Smartphone filmen sich vor allem junge Nutzer und übertragen sich damit live ins Netz. Jeder kann zusehen und im Chat Kontakt aufnehmen. Das alarmiert Beobachter: „Online-Striptease aus dem Kinderzimmer“, „Tummelplatz für Pädophile“ und „Zeig doch mal deine Beine“ lauteten zuletzt die Schlagzeilen über das Portal. Jugendschützer warnen vor Gefahren. „Kommunikationsplattformen wie Younow sind hochproblematisch“, sagte ein Sprecher des Familienministeriums der deutschen Presseagentur (dpa). Das Netzwerk verleite junge Nutzer, Einblicke in deren Privatsphäre zuzulassen – meistens seien sie eindeutig identifizierbar. Die Nutzer „erleichtern so Mobbing durch Gleichaltrige und sexuelle Belästigungen durch Erwachsene“.

Alina wohnt in der Nähe von Karlsruhe, geht in die siebte Klasse. Sie ist Halbitalienerin, 1,63 Meter groß und hofft, bald noch zehn Zentimeter zu wachsen, um die Mindestgröße für Models zu erreichen. Sie hatte schon einen Freund, ist aber wieder Single. Alinas Noten in der Schule sind „geht so“, sie hat noch nicht alle Hausaufgaben gemacht und außerdem Hunger. Aber ihr Bruder und ihre Mutter sind noch nicht zurück, sie müsse warten, sagt sie. Das alles erfährt der Zuschauer binnen einer halben Stunde. Die Kommentare der Nutzer wiederholen sich, Alina beantwortet alle Fragen, die sie versteht. „Hast du einen Fetisch?“ versteht sie nicht: „Hä? Fetisch?“ Nächste Frage. Wer sich durch die Videos klickt, erkennt schnell die eindeutige Richtung der Fragen und Kommentare von Nutzern. Wer die Fragen stellt, ist unklar, die meisten benutzen Abkürzungen und Codenamen und bleiben anonym.

Nutzer von Younow benötigen lediglich einen Rechner mit Internetzugang und eine Webcam. Auch per Smartphone mit Kamera und der entsprechenden App funktioniert der Dienst. Wer selbst Videos senden möchte, muss sich anmelden – Zuschauen und Chatten kann jeder ohne. Beliebte Themen sind unter Hashtags zusammengefasst: #deutsch-girl, #deutsch-boy #deutsch-erwachsene oder #schwul.

In den USA gibt es die Plattform seit 2011. Seit Ende 2014 sind auch die Nutzerzahlen hierzulande rapide gestiegen. 16 Millionen Streams sendeten Younow-Nutzer aus Deutschland im Januar 2015, schrieb der „Spiegel“. Nach Angaben des Webdienstes Alexa kommt ein Drittel der Nutzer von Younow aus Deutschland. „Besonders die Einfachheit von Younow fasziniert Jugendliche“, sagt Otto Vollmers, Geschäftsführer des Vereins Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM). Jugendliche testen hier ihre Wirkung im Wettstreit mit anderen Nutzern aus. Beliebte Stars der Videoplattform Youtube hätten angefangen, Younow zu nutzen – so entdeckten auch ihre jugendlichen Fans den Dienst.

Antje*, 31, ist nicht mehr ganz so jugendlich. Sie sitzt in ihrem Wohnzimmer vor dem PC und malträtiert mit ihren Händen eine Haarsträhne. Ihre Stimme klingt gepresst, rund 170 jugendliche Nutzer beschimpfen sie gerade: „du bist so ekelhaft fett, der burger ist dein freund, du ekelhafte fette“, schreibt einer, „geh mal duschen“ ein anderer, „du hast deine zuschauer nicht verdient“ ein dritter, „lass sie uns fertigmachen, die ist so fett“, „leute, die frisst euch auf, seid vorsichtig“. Im Sekundentakt ploppen Gemeinheiten auf, Antje kommt gar nicht nach mit dem Lesen. „Hört auf“, ruft sie zaghaft, aber niemand hört auf. Ein User lädt im Gegenteil seine „Fans“ ein, ebenfalls diesen Stream anzuschauen. Die Stimmen, die Antje verteidigen und ihr Mut machen wollen, gehen unter in dem Wust an Beleidigungen, der sich seit zwei Stunden, wie eine kleine Uhr anzeigt, über sie ergießt. Doch Antje schaltet ihre Webcam nicht aus. Und als ihr einige nicht glauben, dass sie 31 ist, holt sie ihren Personalausweis und hält ihn in die Kamera.

Der Streamingdienst „Younow“ hat auf die Vorwürfe reagiert, seine Plattform sei nicht für jugendliche Nutzer geeignet. „Younow“ habe strenge Regeln, erklärte das Unternehmen aus New York. Moderatoren prüften, dass diese Regeln befolgt werden. Gleichzeitig räumte „Younow“ Probleme bei der Kontrolle ein. „Insbesondere durch das schnelle Wachstum der Nutzerschaft in Deutschland gab es Ende 2014 vereinzelt Schwierigkeiten bei der durchgängigen Überwachung und der Ahndung missbräuchlicher Nutzung der Plattform“, erklärte das Unternehmen.

Offiziell müssen Teilnehmer der Streaming-Plattform 13 Jahre alt sein. In den Videos sehen allerdings viele von ihnen wesentlich jünger aus. „Tatsächlich sind zahlreiche Nutzer auf Younow aktiv, die die gesetzte Altersgrenze nicht erreichen“, meint der Stuttgarter Anwalt für Internet- und Medienrecht, Carsten Ulbricht. Das Portal hafte nur, wenn es nicht auf einen gemeldeten Verstoß reagiere. „Es gibt also keine Pflicht für Younow, die Inhalte proaktiv zu kontrollieren“, sagt Ulbricht. „Dies wäre bei Liveübertragung ohnehin kaum möglich.“ „Wir nehmen diese Angelegenheiten sehr ernst“, steht in einem Anfang Februar von Younow veröffentlichten Blogeintrag. „Wir haben ein Moderationsteam, das 24 Stunden am Tag arbeitet, um User zu verbannen, die gegen unsere Bedingungen und Regeln verstoßen.“ Täglich würde das Team vergrößert.

In Antjes Fall meldet sich trotz mehrmaliger Aufrufe kein Moderator. „Vielleicht kommt er, wenn man ihn beleidigt“, schlägt ein Nutzer vor. Er kommt nicht. Und keiner hindert Antje daran, sich derart zu entblößen.

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig warnte vor der Webseite. Sie sorgt sich, dass Menschen zu viel von sich preisgeben und sich so Mobbing und sexueller Belästigung aussetzen. Younow betreibe „keine Vorsorge, um Kinder und Jugendliche wirkungsvoll vor Übergriffen und Gefährdungen zu schützen“, kritisiert der Sprecher des Familienministeriums. „Altersangaben werden nicht verifiziert und das Angebot lässt sich nicht so einstellen, dass die Zugänglichkeit von Live-Streams beschränkt werden kann.“ Für Kinder sei der Dienst daher nicht geeignet.

Alina sagt, dass ihre Mutter wisse, dass sie auf Younow aktiv sei. „Die weiß aber eh nicht, was das hier ist.“ Alina ist schon fast drei Stunden live im Netz. Sie langweilt sich sichtlich, lehnt sie ihren Kopf nach hinten, drückt ihre Brust nach vorne. „Lukas K. took a Snapshot“, ploppt in diesem Moment eine Nachricht auf; jemand hat ein Foto von Alina gemacht und es auf seinem Rechner gespeichert. „Leute, werdet mein Fan, wenn ihr schon zuguckt“, sagt sie. Ihr Tagesziel ist, 2 000 Likes zu erreichen. Dann wolle sie für die Nutzer was „Lustiges“ machen. Die Klicks schnellen nach oben. Doch auch nach 3 000 Likes sitzt Alina noch vor ihrem PC und liest halblaut die immergleichen Fragen vor und bedankt sich artig für jedes Kompliment.

*Namen von der Redaktion geändert