Nur Lektürehäppchen an Schulen

Auch nach der Reform der Reform des G8 an bayerischen Gymnasien bleiben viele Fragen offen. Von Josef Kraus

Bei den Reformen des achtjährigen Gymnasiums gibt es auch Rückschritte. Foto: dpa
Bei den Reformen des achtjährigen Gymnasiums gibt es auch Rückschritte. Foto: dpa

Das achtjährige Gymnasium (G8) kommt nicht einmal in den ersten Tagen der bayerischen Sommerferien zur Ruhe. Der Grund dafür sind nicht etwa katastrophale Jahreszeugnisse, die die G8-Schüler eingefahren hätten. Nein, diese Katastrophen gibt es nicht. Der Grund für die erneute öffentliche Erregung um das G8 ist vielmehr, dass sich seit wenigen Wochen Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer höchstpersönlich um das G8 kümmerte.

Das war grundsätzlich nicht verkehrt, denn nun waren alle Beteiligten noch einmal vereint aufgerufen, kritisch Bilanz einer – gelinde gesagt – suboptimalen G8-Einführung zu ziehen. Diese Bilanz durfte sich auch nicht wie noch 2011 euphorisch darin erschöpfen, gute G8-Durchschnittsnoten (tendenziell bessere als im alten G9) und signifikant niedrigere Quoten an Sitzenbleibern zu präsentieren. Das Bilanzieren durfte sich zudem nicht verrennen in einen Alarmismus ob einer 3,7prozentigen Quote an „Durchfallern“ im diesjährigen Abitur. Eine Abitur-Vollkaskogarantie kann und sollte auch das G8 nicht bieten.

Wenn sich ein Regierungschef um Schule kümmert, darf es allerdings nicht dabei bleiben, nur Diagnosen abzuliefern. Entscheidungen zur Fortschreibung des G8 waren angesagt. Und diese fielen nach zwei „Runden Tischen“ und nach einer Sitzung des bayerischen Kabinetts wie folgt aus: Kernstück der Reform der G8-Reform ist ein sogenanntes Flexibilisierungsjahr. Dieses Schuljahr kann in der gymnasialen Mittelstufe, also zwischen Jahrgangsstufe 8 und 10, als „persönliche Lernzeit“ und nicht als bloßes Wiederholungsjahr absolviert werden, und zwar freiwillig. Die Zahl der Fächer und der Wochenstunden darf der betreffende Schüler in diesem Jahr reduzieren. Zuletzt erfolgreich abgeschlossene Fächer wird der „Flexi“-Schüler in diesem Jahr nicht belegen müssen. Dieses Zusatzjahr wird zudem Schülern angeboten, deren Noten bereits ordentlich sind, die aber besonderen Neigungen, etwa in der Musik oder im Sport, nachgehen oder auch ein Auslandsjahr einlegen wollen.

All dies soll es erstmals im Schuljahr 2013/2014 geben. Flankiert wird diese strukturelle Maßnahme von Kürzungen des Lehrplans in elf von insgesamt 25 gymnasialen Fächern. Betroffen von Einschnitten sind vor allem die modernen Fremdsprachen sowie die Fächer Biologie, Geographie und Geschichte. Der Umfang der Pflichtlektüre in den Sprachen wird generell reduziert. Die Lehrer werden zukünftig eher Buchauszüge und weniger komplette Werke mit ihren Schülern zu lesen haben. Des Weiteren werden die Fächer Mathematik und Deutsch in der Mittelstufe durch ein Mehr an Unterrichtsstunden gestärkt. Und schließlich will man durch einige zusätzliche Lehrerstellen dafür sorgen, dass der Ausfall von Unterricht reduziert wird. Letzteres ist implizit als eine Maßnahme zur Verlängerung von realer Lernzeit gedacht.

Die Reaktionen auf dieses Reformpaket fallen zu Recht sehr unterschiedlich aus. Dass weniger Unterricht ersatzlos wegfallen soll und die Fächer Deutsch und Mathematik wöchentlich endlich wieder mehr als nur drei Unterrichtsstunden ausmachen, wird allseits begrüßt. Dass Schüler zukünftig nur noch Lektürehäppchen vorgesetzt bekommen, dürfte dem ohnehin defizitären sprachlichen Niveau vieler Schüler freilich nicht gerade förderlich sein. Noch kaum vorstellbar allerdings ist die konkrete Ausgestaltung des „Flexi-Jahres“: Wie soll hier eine Klassenbildung stattfinden, wenn die Schülerschaft einer solchen Flexi-Klasse höchst heterogen ist, weil ihre Lerndefizite individuell höchst unterschiedlich sind? Droht dieses Jahr zu einem Jahr des Ausruhens mit vielleicht nur der Hälfte der üblichen Wochenstunden zu werden?

Gefälligkeitspädagogik wird nicht hinterfragt

Besteht nicht die Gefahr, dass die Schüler in diesem Jahr in den vorübergehend beiseite gelegten Fächern alles zuvor Erlernte wieder vergessen, und sich der Anschluss an die nächsthöhere Jahrgangsstufe dann erst recht schwierig gestaltet? Was machen Schulen, in denen die Zahl der Flexi-Schüler so gering ist, dass keine eigene Klasse daraus wird? Oder aber werden die Flexi-Schüler einer Regelklasse zugewiesen, in der sie je nach Fach kommen und gehen?

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ hat das neue Reformpaket spontan und nicht gerade charmant als „Pfusch“ bezeichnet und mit Blick auf die im Herbst 2013 anstehende Landtagswahl in Bayern Zweifel angemeldet, ob das mit der aktuellen Reform verbundene wahltaktische Kalkül aufgehen wird.

Wie auch immer: Es wäre eigentlich an der Zeit gewesen, so manche mit dem G8 verbundene Gefälligkeitspädagogik auf den Prüfstand zu stellen. Es ist im Windschatten einer überzogenen Stressdebatte nämlich schon zu viel Gymnasiales „abgespeckt“ und zu viel an großzügigen Notenmaßstäben vorgegeben worden.

Recht scheinheilig muten freilich auch die Krokodilstränen an, die manch links Gestrickter über dem G8 vergießt. Das Gymnasium war und bleibt für diese Leute Feindbild, das es zu schleifen galt – notfalls durch Niveauabsenkung und Entkernung.

Gespielte Entrüstung braucht das Gymnasium jedenfalls nicht. Eines aber braucht es schon: endlich Zeit zur Konsolidierung.