„Nichts dauert ewig, als dieses allein: Tugend und Literatur“

Erkundungsreise bei fünfzig Autoren auf dem versunkenen Kontinent der neulateinischen Dichtung. Von Clemens Schlip

Wer heute Latein lernt, der lernt eher selten, diese Sprache selbst aktiv zu gebrauchen, geschweige denn, Gedichte in dieser Sprache zu verfassen. Zwar gibt es auch heute noch Wettbewerbe, auf denen jedes Jahr gelungene neue lateinische Gedichte prämiert werden (bekannt ist etwa das in Rom ausgetragene „Certamen Vaticanum“). Dass davon aber eine tiefergehende Wirkung auf das kulturelle Leben ausgeht, wird man nicht behaupten können.

Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein war das anders. Was heute die Liebhabertätigkeit einiger weniger ist, war damals ein zentraler Bestandteil des literarischen Betriebs; wichtige Gedichte erschienen in der Sprache der Römer und die lateinischen Dichter der Renaissance und des Barocks fanden im gebildeten Publikum eine dankbare Leserschaft. Das 19. Jahrhundert, das Zeitalter der Romantik und des Nationalismus, wusste mit dieser „fremdsprachigen“ Literatur dann weniger anzufangen. Man rechnete es den humanistischen Dichtern eher negativ an, dass sie auf Latein geschrieben hatten – ohne zu berücksichtigen, dass der Entwicklungsstand der deutschen Sprache hinter dem der lateinischen Sprache damals noch weit zurückstand. Nichts zeigt dies eindrücklicher als der in nicht wenigen Fällen mögliche Vergleich zwischen den lateinischen und den muttersprachlichen Texten ein und desselben Autors.

In der Wissenschaft hat man mittlerweile wieder zu einer gerechteren Würdigung jener neulateinischen Literatur gefunden. Im allgemeinen Bewusstsein spielt sie leider weiterhin kaum eine Rolle. Dass sich das ändert, dazu möchte eine nun im Reclamverlag erschienene zweisprachige Anthologie einen Beitrag leisten. Sie ermöglicht die Bekanntschaft mit „Lateinischen Gedichten deutscher Humanisten“. Im Falle dieser Blütenlese ist auch die Person des Herausgebers und Übersetzers selbst von Interesse. Denn der gebürtige deutsch-jüdische Berliner Harry C. Schnur, der Deutschland 1933 verlassen musste, trat auch selbst unter dem Namen „C. Arrius Nurus“ als neulateinischer Dichter hervor. 1961 wurde der ehemals in der Tabakbranche tätige Schnur anlässlich eines Deutschlandbesuches Zeuge des Berliner Mauerbaus. Sein prosimetrischer Augenzeugenbericht „Vallum Berolinense“ wurde 2011 vom Berliner Abgeordnetenhaus als ungewöhnliches historisches Zeugnis in einer zweisprachigen Ausgabe neu herausgegeben. Für die Erstellung einer Anthologie neulateinischer Dichtung war dieser „poeta doctus“ (gelehrte Dichter) qualifiziert wie wenige andere.

Knapp 50 Dichter hat der Herausgeber für seine Anthologie ausgewählt. Darunter sind berühmte Namen wie Erasmus von Rotterdam oder der heute eher aufgrund seiner deutschen Gedichte bekannte Barockdichter Paul Fleming. Erklärtes Ziel Schnurs ist es dabei, nicht nur „Spitzenleistungen“ aufzunehmen, sondern auch eher durchschnittliche Texte, um dem Leser einen realistischen Eindruck von der Poesie der in Frage stehenden Epoche zu vermitteln. In knapp gefassten „Erläuterungen“ führt der Herausgeber jeweils kurz in Biographie und Werk der aufgenommenen Autoren ein, erklärt schwierige Stellen der Gedichte und weist auf Anklänge an die klassische römische Dichtung hin. Das ist notwendig: denn bei der neulateinischen Dichtung handelt es sich im Regelfall um eine voraussetzungsreiche Literatur, die man am besten versteht, wenn man mit den lateinischen Klassikern vertraut ist.

Der inhaltliche Reichtum der Anthologie kann hier nur angedeutet werden. Da gibt es zum Beispiel ausgewählte Partien aus Friedrich Dedekinds Lehrgedicht „Grobianus“, einer humorvollen Anleitung zu schlechtem Benehmen, die zum Bestseller wurde („finde die Grundsätze hier, nach denen gesund du magst leben/ Wenn ein Grobian du gern und ein Flegel willst sein“). Oder Gedichte des ersten großen deutschen Humanisten Conrad Celtis. Darunter sein Gedicht „Beim Betreten Roms“ („Was ist geblieben, o Rom? Nur der Ruhm deines Sturzes, wo einst doch/ so viele Konsuln du, so viel Caesaren erzeugt./ Alles verschlingt die gefräßige Zeit: nichts dauert hienieden/ ewig, als dieses allein: Tugend und Literatur). Andere Gedichte erinnern an die geistigen Auseinandersetzungen der Epoche: So polemisiert Celtis in einem an einen Kölner Philologen gerichteten Gedicht als Vertreter einer neuen Epoche gegen die mittelalterliche Scholastik. Andernorts bittet er Apollo, er möge aus Italien nach Deutschland kommen, und verleiht so seinem Wunsch Ausdruck, dass der Geist der Renaissance sich auch in seiner Heimat verbreiten möge. Ein anderer großer deutscher Humanist, der durch sein schon seinerzeit auch ins Deutsche übersetzte „Narrenschiff“ heute noch bekannte Sebastian Brant, besingt die Vorzüge der gerade erfundenen Druckerkunst („Viele Städte besaßen vormals kaum einzelne Bücher/ heut aber findet man sie auch im bescheidensten Haus“).

Eher persönlich gestimmt sind dagegen die aufgenommenen Gedichte von Erasmus von Rotterdam: der große Gelehrte denkt in seinen Oden über „sein Schicksal“ oder auch „Über das Alter“ nach. Noch stärker autobiographisch geprägt sind die Gedichte Ulrich von Huttens, der sein wildbewegtes Leben gerne in Versen festhielt („Der zum Unglück geboren, der elend sein Leben gefristet,/ oft zu Lande erlitt Übel und oftmals zur See,/ Hutten liegt hier...“).

Die ausgewählten Partien aus Johannes Secundus' „Kussgedichten“ erinnern an einen der größten Liebeslyriker der europäischen Literatur, von dem sich noch Goethe begeistern und zur Nachahmung inspirieren ließ (man vergleiche sein Gedicht „An den Geist des Johannes Secundus“).

Generell lassen sich viele der Texte dem Typ der anlassgebundenen Gelegenheitsdichtung zurechnen und sind gerade dadurch wichtige zeitgenössische Dokumente: So etwa die klagende Elegie des Nürnberger Humanisten Willibald Pirckheimer „Auf den Tod Dürers“. Vergleichsweise kurz kommt in der Anthologie der Bereich der religiösen Dichtung, sei sie katholisch oder protestantisch. Der Jesuit Jacob Balde, den man mit einigem Recht „den größten Dichter Bayerns“ genannt hat, ist nur mit zwei Gedichten vertreten, was seiner Bedeutung nicht gerecht wird. Allerdings ist bei einer solchen Auswahl aus einer kaum überschaubaren Zahl von Texten von vornherein klar, dass manche Aspekte – je nach den persönlichen Vorlieben des Herausgebers – weniger stark ausgeleuchtet werden können als andere. Insgesamt ist es Schnur gelungen, eine erstaunlich vielseitige Sammlung vorzulegen. Seine Entscheidung, die deutsche Übersetzung in den Versmaßen des Originals vorzulegen, gibt auch dem des Lateinischen weniger kundigen Leser die Möglichkeit, die Form und die poetische Sprache des Originals nachzuempfinden. Und nicht selten ist seine Übersetzung geradezu kongenial.

Der Band präsentiert sich somit als eine Einladung zu einer Erkundungsreise auf dem versunkenen Kontinent der neulateinischen Dichtung, die man nicht ausschlagen sollte.

Harry C. Schnur: Lateinische Gedichte deutscher Humanisten (Lateinisch/Deutsch). Ausgewählt und übersetzt vom Herausgeber. Philipp Reclam (UB 19289), Stuttgart 2015, ISBN 978-3-15- 019289-4, 535 Seiten, EUR 16,–