Nicht weiter störend

Wagners Ring in Bayreuth auch dieses Jahr eine Mischung aus schlechter Textverständlichkeit und chronischer Unterinszenierung – Der Faszination nimmt dies nichts

Die Götter, sie sind wieder unter uns. Belagern vergammelte Betonterrassen, treiben sich unter Autobahn-Baustellen im misshandelten Wald herum, stehen wie Caspar David Friedrichs Wanderer über einem Meer jagender Nebel in scheinbar unumschränkter Macht- und Daseinsfülle. Doch die stimmungsstarken Bilder Frank Philipp Schlössmanns täuschen nicht darüber hinweg, dass der Bayreuther „Ring“ seine ohnehin schwer entdeckbare Relevanz noch tiefer in trüber Beliebigkeit versenkt hat.

Tankred Dorst, der sich wacker am neuen Hügel der Wagner-Schwestern seinen Opern-Erstling anschaut, ist nicht der Meister, der seine Tetralogie in der „Werkstatt Bayreuth“ aufarbeiten könnte. Und so drängt sich der Eindruck auf, beim ziellosen Herumschreiten der Götter, bei dem putzig-unwitzigen Getolle der Nibelungen und bei den hin und wieder mal zwischen all dem mythischen Getue auftauchenden Menschlein von heute gehe es noch zufälliger und unverbindlicher zu als im Premierenjahr 2006.

Da können auch die edel formulierten Texte des Frankfurter Dramaturgen Norbert Abels nichts mehr retten, zu lesen im neu gestylten Programmheft in Weiß und Brombeer, den neuen Bayreuther Leitfarben, in denen sogar das Pressebüro frisch getüncht ist. Dabei wäre, was Abels etwa für „Das Rheingold“ anspricht, ein höchst diskurswürdiges Thema: Wie ist der Realitätsgrad des nicht Empirischen? Wie steht es mit der Existenz und der Relevanz des Imaginären, der Vorstellungen, der Begriffe, der Fiktion?

Tankred Dorst hat solche Fragen ja in seinem literarischen Werk gestellt und behandelt. Und Wolfgang Wagner dürfte ihn anstelle des ursprünglich vorgesehenen Lars von Trier auch als Regisseur eingeladen haben, weil er die „Fußspur der Götter“ (so der Titel seines „Ring“-Buches) hätte entschlüsseln können. Für den nächsten, 2013 fälligen „Jahrhundert“-Ring zu Wagners Geburtstag, wären Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner wohl gut beraten, ihrer Werkstatt mal wieder eine Opernregisseur voranzustellen.

Dass manches anders wird am Hügel, vermittelte sich in diesem Jahr ohne Neuinszenierung im Festspielhaus eher an Accessoires, wie dem neuen Outfit der ehedem „blauen Mädchen“, die nun in mausigem Graubraun, kombiniert mit dem neuen Brombeerton, an den Pforten zum Heiligtum wachen. Auch die Atmosphäre scheint, so schwer so etwas auch zu fassen ist, entspannter geworden zu sein. Mitwirkende berichten von unverkrampfter, höchst professioneller Arbeit hinter den Kulissen. Eva Wagner-Pasquier plaudert hier, scherzt da, mischt sich ins Publikum, strahlt unaufgesetzte Freundlichkeit und Offenheit aus. Und Katharina Wagner erklärt mit rauchigem Ton der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth ihre Pläne bis 2015 („Tristan und Isolde“), wollte aber das „Ring“-Team von 2013 noch nicht preisgeben.

Dass bei der Versammlung der einflussreichen Gesellschaft, die in diesem Jahr ihr 60-jähriges Bestehen feiern kann, auch über eine Übertitelungsanlage für das Festspielhaus gesprochen wurde, kann man als Bankrott-Erklärung für eines der Ur-Ziele der Festspiele werten: Richard Wagner selbst hat die Deutlichkeit als Maxime definiert, wollte den Text gleichrangig mit der Musik behandelt wissen. Generationen von Wagner-Sängern sind diesem Ideal nahe gekommen; heute scheint es selbst dem Idol der Hügel-Wagnerianer, dem Ring-Dirigenten Christian Thielemann egal zu sein, wenn sich die Brünnhilde Linda Watsons durch ihre Partie tremoliert, wenn sich Michelle Breedt als Fricka mit Wotan in bellend artikulierten, unstet hervorgestoßenen Tönen streitet.

„Rheingold“ krankt an dem unausgeglichen verfärbenden Andrew Shore als kröten haftem Alberich und an dem orgelnd seinen fehlenden Fokus verschleiernden Albert Dohmen als immerhin darstellungsstarkem Wotan. Kwangchoul Youn als Fasolt und Clemens Bieber als Froh hingegen zeigten, wie sich die Schönheit des Tons und präzis artikulierte und deklamierte Worte miteinander verbinden lassen. Wenn den beiden Damen an der Spitze der Festspiele eine Aufgabe zugewachsen ist, dann die, auf eine neue Art des Wagner-Gesangs zu dringen.

Eine sängerische Steigerung gab es dann in der Walküre, dem zweiten Teil der Tetralogie. Hier fand Dohmen zu präziser Klarheit und überstand mühelos die gewaltigen Anteile seiner Rolle im zweiten und dritten Aufzug. Auch die Inszenierung Dorsts war hier überzeugend, als sie Wotan auf einem Felsen von seinem Scheitern singen ließ, hinter dem in wilder Anordnung die Torsi von Petrefakten standen: Dass die Götter bald zu ihnen gehören werden, wird so eindrucksvoll deutlich. Wirklich zu Herzen gehend war Dohmens Interpretation dann am Schluss, als er den Abschied von Brünnhilde besang und über sie den Feuerzauber verhängte. Hier legte Linda Watson denn auch ihr Tremolo ab und sang rund und lyrisch klar. Beifallsstürme erhielt am Ende auch das Wälsungenpaar Siegmund und Sieglinde, gesungen von Endrik Wottrich und Eva-Maria Westbroek. Beiden gelang es, in großer Rücksichtnahme aufeinander die Innigkeit der verbotenen Liebe des Geschwisterpaares zu deuten – stimmlich: denn vom Schauspielerischen her waren die Annäherungsversuche reichlich plump und unbeholfen. Wirklich überragend waren die Walküren: Voller Energie und doch ohne schrille Anklänge sangen sie perfekt aufeinander abgestimmt. Das lag nicht zuletzt an dem dynamischen wie dichten Dirigat Thielemanns, der längst zum absoluten Held des Publikums geworden ist.

Mit begeistertem Beifall reagierte das Publikum auch auf „Siegfried“. Regisseur Dorst verlegt die Handlung in ein heruntergekommenes Klassenzimmer und unter eine Autobahnbrücke. Ja, die Götter, sie sind unter uns. Die Idee ist passabel, sonderlich inspiriert wirken Brückenarbeiter auf einer Autobahn und plötzlich durch den Wald springende Kinder freilich nicht. Doch die Musik überzeugt: Christian Franz in der Titelrolle lieferte einen grundsoliden Siegfried, dem lediglich letzte Stahlkraft fehlt. Linda Watsons mächtige Brünnhilde lies Textverständlichkeit vermissen. Wirklich grandios indessen Wolfgang Schmidt als Mime. In zehn Spielzeiten hat Schmidt 49 Mal den Siegfried in Bayreuth gesungen. Nun kehrte er nach seinem Wechsel ins Charakterfach als Mime auf den Grünen Hügel zurück und avancierte – auch durch seine schauspielerische Präsenz – zum heimlichen Star des Abend. Albert Dohmen als Wanderer und Andrew Shore als Alberich erhielten ebenso wie Ain Anger als Fafner und Christa Mayer als Erda zurecht viel Applaus.

Schmerzlich bewusst geworden sind die Mängel der Inszenierung in der Götterdämmerung, dem letzten Teil des Rings. Für sie scheint sich Dorst seine Einfälle aufgespart zu haben. So chronisch unterinszeniert die ersten drei Teile waren, so überfrachtet wirkte der letzte. Neben den obligatorischen Zeitgenossen, die blind für die sich rings um sie herum abspielenden und sie doch betreffenden Dramen bleiben, wird für die Szenen am Hof der Gibichungen so ziemlich alles und ziemlich wirr aufgeboten, was zu Gebote stand – und schon hundertmal zu sehen war: Natürlich muss der Art deco herhalten, tragen die Herren Fräcke und die Damen Abendkleider im Stil der Zwanziger, läuft Gunter in einer an Stalin erinnernden Uniform über die Bühne. Überzeugt indes hat das Bühnenbild im zweiten Aufzug. Hier singen die Rheintöchter aus einem traurigen, links und rechts betonierten und Graffiti-verschmierten Kanal: So weit ist es mit der Entfremdung zwischen der Natur, deren unverformtes, elementares Urbild die Rheintöchter sind, und den Menschen gekommen.

Dieser Zwiespalt der Qualität der Inszenierung spiegelte sich dann auch in der Reaktion des Publikums. So musste sich Dorst, alt und stockgestützt, am Ende aufs Neue die Buhrufe des Publikums gefallen lassen, die sich allerdings die Waage hielten mit dem gespendeten Beifall. Man scheint sich vielfach abgefunden zu haben mit der im Grunde nicht weiter störenden Interpretation des Dramatikers mit dem mangelhaften Sinn für das Szenische. Vielleicht erscheint er manchem traditionsbewussten Wagnerianer als das geringere Übel angesichts all der Schlingensiefe und Katharina Wagners. Mitarbeit: Re